Es waren keine zu hören.
Sie stieß einen leisen, zittrigen Seufzer aus und begann das dünne Stahlband in den Ablauf zu schieben. Es glitt mühelos hinab, wie ein Schwert in die Kehle eines Jahrmarktartisten. Sechs Zoll, acht Zoll, zehn... und dann stockte das Meßband im Knie des Siphons unter dem Waschbecken. Sie bewegte es vorsichtig hin und her, und schließlich ließ es sich weiterschieben: 16 Zoü, 2 Fuß, 3 Fuß.
Sie beobachtete, wie das gelbe Band aus dem Stahlgehäuse glitt, das von der großen Hand ihres Vaters abgegriffen war. Vor ihrem geistigen Auge sah sie, wie das Meßband durch das schwarze Loch des Rohres fuhr, schmutzig wurde und Rostschichten zerkratzte. Dort unten, wo nie die Sonne scheint, dachte sie. Dort unten, wo die Nacht nie endet.
Sie stellte sich vor, wie die Spitze des Meßbands mit dem kleinen Stahlring von der Größe eines Fingernagels immer tiefer in die Dunkelheit hinabglitt, und sie hörte eine innere Stimme, die ihr zurief: Was tust du? Sie ignorierte diese Stimme nicht, aber sie war nicht imstande, auf sie zu hören. Sie stellte sich vor, wie die Spitze jetzt in den Keller hinabwanderte, wie sie das Abwasserrohr erreichte... und in diesem Moment stockte das Meßband wieder. Sie bewegte es wieder vorsichtig hin und her, und der biegsame dünne Stahl gab ein schwaches unheimliches Geräusch von sich.
Sie sah direkt vor sich, wie der Kopf des Meßbandes gegen den Boden dieses größeren Rohres stieß, wie es sich durchbog... und dann konnte sie es weiterschieben.
Zehn Fuß. Zwölf. Vierzehn...
Und plötzlich spulte sich das Band von allein ab, als ziehe jemand unten daran. Nein, es war auch kein einfaches Ziehen - es war so, als renne jemand damit. Mit weit aufgerissenen Augen und herabhängendem Unterkiefer starrte sie auf das hinabsausende Band; sie hatte Angst, natürlich hatte sie Angst, aber sie war nicht überrascht. Hatte sie es nicht gewußt? Hatte sie nicht gewußt, daß irgend so was passieren würde?
Das Meßband war jetzt völlig ausgezogen: 30 Fuß und 10 Zoll.
Ein leises Kichern kam aus dem Ablauf, gefolgt von einem Flüstern, das sich fast vorwurfsvoll anhörte: »Beverly, Beverly, Beverly ...du kann uns nicht bekämpfen... du wirst sterben, wenn du's versuchst... sterben, wenn du's versuchst. .. Beverly... Beverly... ly-ly-ly...«
Etwas klickte im Gehäuse des Meßbands, und es begann sich schnell wieder aufzurollen; die Zahlen und Markierungen verschwammen. Die letzten fünf oder sechs Fuß war es nicht mehr gelb, sondern dunkelrot und naß, und sie schrie auf und ließ es fallen, als hätte es sich plötzlich in eine lebendige Schlange verwandelt.
Frisches Blut tropfte auf das saubere weiße Porzellanbecken und zurück ins große Auge des Abflußventils. Weinend packte sie das Meßband mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Sie trug es in die Küche. Blutstropfen markierten ihren Weg. Sie hielt es weit von sich ab, und ihr Gesicht hatte den angeekelten, ängstlichen und zugleich grimmigen Ausdruck einer Frau, die eine tote Ratte am Schwanz zur Mülltonne trägt. In der Küche legte sie das Meßband auf die Spüle.
Sie machte sich selbst Mut, indem sie daran dachte, was ihr Vater sagen würde - was er mit ihr tun würde -, wenn er bemerkte, daß sie sein Meßband blutig gemacht hatte. Natürlich würde er das Blut nicht sehen können, aber der Gedanke an mögliche Folgen verlieh ihr jetzt Kraft. Sie nahm einen der sauberen Lappen - er war noch warm von der Trockenschleuder, wie frisches Brot - und kehrte ins Bad zurück. Als erstes steckte sie den Gummistöpsel in den Ablauf, um dieses düstere Auge zu verschließen. Das frische Blut ließ sich leicht wegputzen. Sie folgte ihrer Spur und wischte die Blutstropfen auf dem alten Linoleum in Flur und Küche auf. Dann spülte sie den Lappen, wrang ihn aus und legte ihn beiseite.
Mit einem zweiten Lappen säuberte sie das Meßband ihres Vaters. Das Blut war dick und klebrig. An zwei Stellen waren richtige Klumpen, schwarz und dick und schwammig.
Obwohl nur die ersten fünf oder sechs Fuß blutig waren, putzte sie das ganze Meßband, beseitigte alle Spuren von Dreck und Unrat. Danach legte sie es ordentlich an seinen Platz im Schrank über der Spüle und trug die beiden schmutzigen Lappen zur Hintertür hinaus. Mrs. Doyon rief wieder nach Jim. Ihre Stimme gellte durch den stillen, heißen Spätnachmittag.
Im Hinterhof mit seinem Dreck, dem Unkraut und den Wäscheleinen stand ein rostiger Verbrennungsofen. Beverly warf die Lappen hinein, dann setzte sie sich auf die Hintertreppe. Plötzlich kamen ihr mit überraschender Heftigkeit die Tränen, und jetzt versuchte sie nicht, sie zurückzuhalten.
Sie legte die Arme um ihre Knie, verbarg den Kopf in ihnen und weinte, während Mrs. Doyon schrie, Jim solle sofort von der Straße weggehen -oder ob er vielleicht von einem Auto angefahren und getötet werden wolle?
Derry: Zweites Zwischenspiel
14. Februar 1985, Valentinstag Zwei weitere Vermißte in der vergangenen Woche - beides Kinder. Gerade als ich anfing, mich ein wenig zu entspannen. Bei den Vermißten handelt es sich um den sechzehnjährigen Dennis Torrio und um ein fünfjähriges Mädchen, das hinter seinem Elternhaus am West Broadway Schlitten fuhr. Die hysterische Mutter fand den Schlitten, eine dieser blauen fliegenden Untertassen aus Plastik, aber sonst nichts. In der Nacht zuvor hatte es frisch geschneit - etwa vier Zoll hoch. Keine Spuren außer denen des Mädchens, sagte Polizeichef Rademacher, als ich ihn anrief. Ich glaube, er hat allmählich von mir die Schnauze voll. Aber das wird mir bestimmt keine schlaflosen Nächte bereiten; mich hält weitaus Schlimmeres wach.
Ich habe ihn gefragt, ob ich die Polizeifotos sehen dürfte. Er hat abgelehnt.
Ich habe ihn gefragt, ob die Spuren des Mädchens zu einem Gully oder Abzugskanal führten. Nach langem Schweigen sagte Rademacher: »Ich frage mich allmählich, ob Sie nicht zum Arzt gehen sollten, Hanion. Zum Psychiater. Die Kleine wurde von ihrem Vater entführt. Lesen Sie denn keine Zeitungen?«
»Wurde der Torrio-Junge auch von seinem Vater entführt?« fragte ich.
Wieder eine lange Pause.
»Lassen Sie die Sache auf sich beruhen, Hanion«, sagte er schließlich. »Und lassen Sie mich endlich in Ruhe.«
Er legte den Hörer auf.
Natürlich lese ich Zeitungen - schließlich lege ich sie jeden Morgen höchstpersönlich im Lesesaal aus. Das kleine Mädchen, Laurie Ann Win-terbarger, war in der Obhut seiner Mutter, nachdem es ihr im Frühjahr 1982 nach erbitterten gerichtlichen Auseinandersetzungen zugesprochen worden war. Die Polizei vertritt die Auffassung, daß Horst Winterbarger, der irgendwo in Fort Lauderdale als Maschinist arbeiten soll, nach Maine gefahren ist und seine Tochter entführt hat. Man vermutet, daß er sein Auto neben dem Haus geparkt und seine Tochter gerufen hat- das ist die Erklärung der Polizei für das Fehlen weiterer Fußspuren. Viel weniger äußert die Polizei sich zu der Tatsache, daß das Mädchen seinen Vater nicht mehr gesehen hatte, seit es zwei Jahre alt gewesen war. Die Mutter hatte bei der Scheidung gebeten, das Gericht solle ihrem Mann jedes Besuchsrecht absprechen, weil er das kleine Mädchen sexuell belästigt habe; und obwohl Horst Winterbarger das energisch bestritten hatte, war dem Antrag der Mutter stattgegeben worden. Rademacher vertritt die Ansicht, daß Winterbarger durch diesen Gerichtsbeschluß, der ihn völlig von seinem einzigen Kind abschnitt, zu der Entführung getrieben wurde. Diese Möglichkeit ist nicht auszuschließen, aber urteilen Sie selbst: Hätte die kleine Laurie Ann ihren Vater nach drei Jahren wiedererkannt und wäre zu ihm gelaufen, als er sie rief? Rademacher behauptet das, obwohl sie erst zwei Jahre alt war, als sie ihren Vater zuletzt sah. Ich halte das für fast ausgeschlossen, besonders da Laurie Anns Mutter auch noch sagt, sie habe der Kleinen beigebracht, nicht mit Fremden zu reden - eine Lektion, die die meisten Kinder in Derry frühzeitig lernen. Rademacher sagt, die Polizei von Florida suche jetzt nach Winterbarger, und damit falle die Sache nicht mehr in seine Zuständigkeit. »Für das Sorgerecht sind in erster Linie Anwälte zuständig, nicht die Polizei«, soll dieses großkotzige fette Arschloch wörtlich von sich gegeben haben.