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Aber der Torrio-Junge... da ist die Lage ganz anders. Wunderbares Elternhaus. Spielte Football für die Derry Rams. Hervorragender Schüler. Hatte im Sommer 1984 die Outward Bound Survival School mit Auszeichnung absolviert. Kein Drogenkonsum. Hatte eine Freundin, in die er offensichtlich mächtig verknallt war.

Verschwunden.

Nun, was ist mit ihm passiert? Ein plötzlicher Anfall von Wanderlust? Ein betrunkener Autofahrer, der ihn vielleicht angefahren, tödlich verletzt und

dann irgendwo begraben hat? Oder ist er vielleicht immer noch in Derry, irgendwo dort unten, und leistet Betty Ripsom und Patrick Humboldt und Eddie Corcoran und all den anderen Gesellschaft? Ist es...

(später)

Ich bin schon wieder dabei, immer und immer dasselbe durchzukauen, nichts Konstruktives zu tun, mich nur total verrückt zu machen. Ich zucke zusammen, wenn die Treppe zum Büchermagazin knarrt. Die Schatten da oben sind mir unheimlich. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, wie ich wohl reagieren würde, wenn ich dort mit meinem gummibereiften Bücherwägelchen Bücher einsortierte und plötzlich zwischen zwei Regalen hindurch eine Hand zum Vorschein käme, eine Hand, die nach mir greifen wollte...

Heute nachmittag überkam mich erneut das fast unwiderstehliche Verlangen, die anderen anzurufen. Ich habe sogar schon 404 gewählt, die Vorwahl von Atlanta; Stanley Uris' Nummer lag vor mir. Dann legte ich den Hörer wieder auf und vergrub mein Gesicht in den Händen; ich überlegte, l ob ich sie anrufen wollte, weil ich mir wirklich sicher war - hundertprozentig sicher-, daß Es zurückgekehrt ist, oder einfach deshalb, weil ich inzwischen solche Angst habe, daß ich mit jemandem sprechen muß, mit jemandem, der weiß (oder wissen wird), weshalb ich so fürchterliche Angst habe.

Ich stellte fest, daß letzteres der Fall war, und widerstand dem Verlangen, nach dem Telefonhörer zu greifen. Tatsache ist, daß ich mir nicht sicher bin. Wenn noch eine Leiche aufgefunden werden sollte, werde ich sie anrufen... aber im Augenblick darf ich die Möglichkeit nicht ausschließen, daß sogar ein so großkotziges Arschloch wie Rademacher recht haben könnte, wenn auch nur rein zufällig. Laurie Ann könnte sich an ihren Vater erinnert haben; vielleicht hat sie Fotos von ihm gesehen. Und vermutlich könnte ein wortgewandter Erwachsener ein Kind überreden, in sein Auto zu steigen, auch wenn man dem Kind hundertmal erklärt hat, es dürfe so etwas niemals tun.

Und da ist noch eine andere Angst, die mich verfolgt. Rademacher hat mir deutlich zu verstehen gegeben, daß er mich für verrückt hält oder doch zumindest auf dem besten Wege dazu, verrückt zu werden. Ich glaube das nicht, keineswegs, aber wenn ich sie jetzt anrufe, könnten sie ebenfalls glauben, ich sei verrückt. Ja, noch schlimmer, ich habe das schreckliche Gefühl, daß sie sich überhaupt nicht an mich erinnern würden. Mike Hanion? Wer? Ich kenne keinen Mike Hanion. Ich erinnere mich überhaupt nicht an Sie. Ein Versprechen? Was für ein Versprechen?

Ich fühle, daß einmal die richtige Zeit kommen wird, um sie anzurufen... und wenn es soweit ist, werde ich wissen, daß es richtig ist. Ihre eigenen Schaltkreise werden sich zur selben Zeit öffnen. So, als kämen zwei große Räder ganz langsam in Konvergenz zueinander - ich und ganz Derry einerseits, die sechs anderen andererseits.

Jeder, der sich mit irgendeinem Ritual beschäftigt hat, weiß genau, daß das zeitliche Element dabei eine außerordentlich wichtige Rolle spielt... vielleicht sogar eine entscheidende. Trauungen werden um zwei vorgenommen. Beerdigungen um zehn. Es würde keinem Kind auch nur im

Traume einfallen, Halloween am 30. Oktober oder Weihnachten am 26. Dezember zu feiern. Und die Zeit dafür ist noch nicht reif.

Deshalb werde ich abwarten, und früher oder später werde ich es wissen. Ich glaube nicht, daß es jetzt noch fraglich ist, ob ich sie anrufen soll oder nicht.

Jetzt ist es nur noch die Frage des richtigen Zeitpunkts.

20. Februar 1985

Das Feuer im >Black Spot<.

»Ein perfektes Beispiel dafür, wie die Mächtigen versuchen, Geschichte umzuschreiben, Mike«, hätte der alte Albert Carson vermutlich krächzend gesagt. »Sie versuchend immer, und manchmal gelingt es ihnen fast... aber die Alten erinnern sich noch daran, wie es tatsächlich war. Und sie werden es dir erzählen, wenn du ihnen die richtigen Fragen stellst.«

Es gibt Leute, die seit zwanzig Jahren in Derry wohnen und nicht wissen, daß es auf dem alten Militärstützpunkt von Derry früher einmal eine >spe-zielle< Kaserne für Schwarze gab, eine Kaserne, die eine gute halbe Meile vom übrigen Stützpunkt entfernt war - und Mitte Februar, wenn die Temperaturen um o° Fahrenheit schwankten, wenn der Wind mit einer Geschwindigkeit von vierzig Meilen pro Stunde über die ebenen Flugschneisen pfiff, bedeutete diese zusätzliche halbe Meile Frostbeulen, Erfrierungen, ja manchmal sogar den Tod.

Die übrigen Kasernen - es waren insgesamt sieben - hatten Ölheizung und Doppelfenster und waren gut isoliert. Sie waren warm und gemütlich. Die >spezielle< Kaserne, in der die 27 Männer von Kompanie E untergebracht waren, wurde mit einem vorsintflutlichen Holzofen beheizt. Die Holzvorräte waren Gegenstand heftiger Kämpfe. Die einzige Isolierung bestand aus den breiten Wällen aus Kiefern- und Fichtenstämmen, die die Männer um die Außenwände herum aufschichteten. Einer der Männer organisierte Doppelfenster, aber die 27 Bewohner der speziellen* Kaserne wurden nach Bangor abkommandiert, um auf dem dortigen Stützpunkt zu helfen. Als sie abends müde und durchgefroren zurückkamen, waren alle Fenster eingeschlagen. Ausnahmslos alle.

Das war im Jahre 1930, als Amerikas Luftwaffe noch zur Hälfte mit Doppeldeckern ausgerüstet war. In Washington war der hitzige Billy Mitchell zur Büroarbeit degradiert worden, weil sein beharrliches Drängen auf den Aufbau einer moderneren Luftwaffe seinen Vorgesetzten zu lästig geworden war. Kurze Zeit später kam er vors Kriegsgericht.

Aus diesem Grunde wurden auf dem Militärstützpunkt Derry sehr wenig Flüge durchgeführt, trotz der drei Startbahnen (eine davon war sogar geteert). Meistens wurden die Soldaten mit irgendwelchen Verlegenheitsarbeiten beschäftigt.

Einer der Soldaten von Kompanie E war mein Vater. Er erzählte mir folgende Geschichte:

»Eines Tages im Frühjahr 1930 - etwas sechs Monate vor dem Feuer im >Black Spot< - kehrte ich mit vier Kumpels von einem dreitägigen Kurzurlaub in Boston zurück, wo es Lokalitäten gab, die ein Schwarzer ungehindert aufsuchen, wo er sich als Mensch fühlen konnte. Weiß Gott, in Derry gab es damals solche Örtlichkeiten nicht. Es war eine hartherzige, haßerfüllte Stadt. Vermutlich ist sie das in vieler Hinsicht immer noch, aber weiß Gott - heute ist es doch wesentlich einfacher für einen Schwarzen, hier zu leben.

Na ja, wie dem auch sei, jedenfalls stand da dieser große weiße Bursche, gleich hinter der Wache, stützte sich auf 'ne Schaufel und starrte Löcher in die Luft. Ein Feldwebel irgendwo aus dem Süden. Wilson hieß er. Karottenrote Haare. Schlechte Zähne. So 'ne Art Affe ohne Körperhaare, wenn du verstehst, was ich meine. Zur Zeit der Depression gab es jede Menge solcher Typen in der Armee.

Wir kamen also daher, vier schwarze Jungs, vier schwarze Gesichter, 'Und wir sahen ihm sofort an den Augen an, daß er nur so darauf lauerte, uns was anhängen zu können. Deshalb salutierten wir vor ihm, als sei er •General Black Jack Pershing höchstpersönlich. Auch ich salutierte schneidig, und vermutlich wäre alles gutgegangen, aber es war ein schöner Tag Ende April, die Sonne schien, und ich Dummkopf riskierte 'ne Lippe. >Ei-nen schönen Nachmittag wünsche ich Ihnen, Herr Feldwebel<, sagte ich, und er fiel natürlich sofort über mich her. >Habe ich dir erlaubt, mich an-zusprechen?< brüllte er.