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>Da hast du nicht mal so unrecht, Nigger«, erwiderte er.

>Wenn ich Soldat werde, muß ich etwas für meine Mutter und für Philly Loubird tun können«, sagte ich.

>Dafür ist gesorgt«, meinte er und deutete auf das Soldformular. >Sonst noch Fragen?«

>Na ja«, sagte ich, >wie steht's mit einer Offiziersausbildung?«

Er warf den Kopf zurück und lachte schallend. Er lachte so lange, daß ich schon dachte, er würde gleich an seinem eigenen Speichel ersticken. Dann sagte er: >Mein Sohn, der Tag, an dem man Niggeroffiziere in der Armee haben wird, wird derselbe Tag sein, an dem man den blutenden Jesus im Orpheum Vaudeville tanzen sehen kann. Und jetzt unterschreib oder laß es bleiben. Du verpestest hier die Luft.<

Ich unterschrieb, da ich dachte, man würde mich nach New Jersey raufschicken, wo die Armee damals Brücken baute, weil es ja nirgends Kriege zu führen gab. Statt dessen kam ich nach Derry, Maine, in die Kompanie E.«

Er seufzte und rutschte auf seinem Stuhl hin und her, ein großer Mann mit weißen lockigen Haaren. Damals gehörte uns eine der größeren Farmen in Derry und der vermutlich beste Straßenverkaufsstand südlich von Bangor und nördlich von Lewiston. Wir drei arbeiteten schwer, und mein Vater stellte zur Erntezeit Hilfskräfte ein, aber im allgemeinen schafften wir es allein ganz gut.

»Ich bin hiergeblieben, weil ich sowohl den Süden als auch den Norden gesehen hatte, und weil es da keinen Unterschied gab«, sagte er. »Es war nicht Feldwebel Wilson, der mich zu dieser Überzeugung brachte. Er war nichts weiter als ein Habenichts aus Georgia, der durch und durch Süd-staatler blieb, wohin er auch ging. Er brauchte nicht südlich der Mason-Di-xie-Linie zu leben, um Nigger zu hassen. Dieser Haß begleitete ihn überall hin. Nein, es war das Feuer im >Black Spot<, das mich davon überzeugte. In gewisser Weise...«

Er warf einen Blick zu meiner Mutter hinüber, die strickte und ihm zuhörte, ohne jedoch von ihrer Beschäftigung aufzuschauen.

»In gewisser Weise war es dieses Feuer, das mich zum Mann machte. Sechzig Menschen kamen bei dem Brand ums Leben, und achtzehn davon waren aus der Kompanie E. Nach diesem Brand gab es keine Kompanie E mehr. Henry Whitsun... Stork Anson... Alan Parkinson... Everett McCaslin... alle meine Freunde waren dabei ums Leben gekommen. Und dieses Feuer war nicht von Feldwebel Wilson und seinen Freunden gelegt worden, sondern von der >Maine Legion of White Decency<, Ortsgruppe Derry. Einige der Kinder - nicht die armen -, mit denen du zur Schule gehst, mein Sohn - ihre Väter waren es, die das >Black Spot< in Brand setzten.«

»Warum, Daddy?«

»Na ja, zum Teil war einfach die Atmosphäre in Derry dafür verantwortlich«, sagte mein Vater stirnrunzelnd. Er zündete langsam seine Pfeife an und blies das Steichholz aus. »Ich weiß nicht, warum es gerade hier passierte; ich kann es nicht erklären. Die >Legion of White Decency< war die Nordstaaten-Version des Ku-Klux-Klans, weißt du. Sie liefen in der gleichen weißen Kapuzentracht herum, sie hatten das gleiche Symbol des Flammenkreuzes, sie schrieben die gleichen haßerfüllten Drohbriefe an Schwarze, die ihrer Meinung nach zu hoch hinauswollten oder Jobs annahmen, die eigentlich Weißen vorbehalten waren. In Kirchen, wo die Prediger über die Gleichberechtigung der Schwarzen sprachen, legten sie manchmal Dynamit. In den meisten Geschichtsbüchern ist mehr vom Ku-Klux-Klan die Rede als von der >Legion of White Decency<, und sehr viele Leute wissen nicht einmal, daß es so was gab. Ich nehme an, daß es teilweise daran liegt, daß die meisten Geschichtsbücher von Nordstaatlern geschrieben werden, die sich dieser Sache schämen.

Na ja, den größten Zulauf hatte die >Legion of White Decency< in den Großstädten und in Industriegebieten. New York, New Jersey, Detroit, Baltimore, Boston, Portsmouth - überall gab es Ortsgruppen. Sie versuchten sich auch in Maine zu organisieren, aber Derry war der einzige Ort, wo sie wirklich Erfolg damit hatten. O ja, eine Zeitlang gab es auch in Lewiston eine ziemlich starke Gruppe, aber sie kümmerte sich nicht um Nigger, die angeblich weiße Frauen vergewaltigten oder Jobs innehatten, die Weißen vorbehalten sein sollten, denn es gab hier oben kaum Neger. In Lewiston beschäftigten sie sich mit Landstreichern und Vagabunden; sie befürchteten, daß ehemalige Soldaten sich mit der - wie sie sich ausdrückten - kommunistischen Proletenarmee< verbünden könnten, womit die Arbeitslosen gemeint waren. Die >Legion of White Decency< pflegte verdächtige Elemente dieser Art sofort aus der Stadt zu vertreiben, sobald sie nur dort auftauchten.

Mitte 1931 hatte sich die Ortsgruppe in Lewiston aber schon so gut wie aufgelöst, und auch in Derry zerfiel sie nach dem Brand im >Black Spot<. Weißt du, sie war einfach außer Kontrolle geraten. In dieser Stadt scheint so etwas öfters vorzukommen.«

Er paffte eine Zeitlang schweigend vor sich hin.

»Man könnte sagen, Mikey«, fuhr er schließlich fort, »die >Legion of White Decency< sei eine Saat gewesen, die in Derry einen guten Boden für ihr Gedeihen gefunden hat. Sie war hier ein regelrechter Klub reicher Männer. Und nach dem Brand legten sie alle ihre Kapuzentrachten einfach ab und deckten sich gegenseitig mit ihren Lügen, und die Sache wurde vertuscht.« Jetzt lag in seiner Stimme eine so heftige Verachtung, daß meine Mutter stirnrunzelnd aufblickte. »Wer war denn schließlich ums Leben gekommen? Achtzehn Nigger aus der Armee, vierzehn oder fünfzehn Nigger aus der Stadt, vier Mitglieder einer Nigger-Jazzband... und etliche NiggerLiebchen. Was spielte das schon für eine Rolle?«

»Will«, sagte meine Mutter sanft. »Das reicht.«

»Nein«, rief ich, »ich will es hören!«

»Für dich ist eigentlich schon Schlafenszeit, Mikey«, sagte er und strich mir mit seiner großen rauhen Hand übers Haar. »Eines möchte ich dir aber doch noch sagen, obwohl ich nicht glaube, daß du es verstehen wirst - ich bin mir nicht einmal sicher, daß ich es verstehe. Was in jener Nacht im >Black Spot< geschah, so schlimm es auch war... ich glaube eigentlich nicht, daß es passierte, weil es sich um Schwarze handelte. Nicht einmal deshalb, weil das >Black Spot< direkt hinter dem West Broadway war, wo damals die reichen Weißen von Derry wohnten - und wo sie heute noch wohnen. Ich glaube nicht, daß die >Legion of White Decency< hier soviel Zulauf und Erfolg hatte, weil der Haß auf Schwarze in Derry größer war als in Portland oder Lewiston oder Brunswick. Es liegt an diesem Boden. Es hat den Anschein, als gedeihe das Böse auf dem Boden dieser Stadt besonders gut. Ich habe in all den Jahren immer wieder darüber nachgedacht. Ich weiß nicht, warum es so ist... aber es ist so.

Doch es gibt hier auch gute Menschen, und die gab es auch damals. Zu den Begräbnissen nach dem Brand kamen Tausende, und sie kamen zu den Begräbnissen der Schwarzen ebenso wie zu jenen der Weißen. Die Ge-

Schäfte blieben fast eine Woche lang geschlossen. In den Krankenhäusern wurden die Verletzten unentgeltlich behandelt. Es gab Eßkörbe und Beileidsbriefe, die ehrlich gemeint waren. Und es gab helfende Hände, die sich uns entgegenstreckten. Ich lernte damals meinen Freund Dewey Conroy kennen, der so weiß wie Vanilleeis ist, aber für mich ist er wie ein Bruder. Ich würde für Dewey sterben, wenn er mich darum bitten würde, und obwohl kein Mensch einem anderen wirklich ins Herz schauen kann, glaube ich, daß auch er für mich sterben würde.

Na ja, jedenfalls schickte die Armee uns nach dem Feuer alle weg, so als schämten sie sich... und ich vermute, daß sie sich tatsächlich schämten. Ich landete in Fort Hood, und da blieb ich sechs Jahre lang. Dort lernte ich deine Mutter kennen, und wir heirateten in Galveston, in ihrem Elternhaus. Aber in all den Jahren war mir Derry nie aus dem Kopf gegangen. Und nach dem Krieg kehrten wir hierher zurück. Und dann kamst du auf die Welt. Und da sind wir nun, keine drei Meilen von der Stelle entfernt, wo einst das >Black Spot< stand. Und jetzt mußt du wirklich ins Bett, mein Junge.«