Выбрать главу

»Ich will aber alles über das Feuer hören!« rief ich. »Erzähl mir davon, Daddy!«

Er sah mich mit gerunzelter Stirn ernst an, was mich immer zum Schweigen brachte... vielleicht weil er nur selten so dreinschaute. Meistens lächelte er. »Das ist keine Geschichte für einen zehnjährigen Jungen«, sagte er. »Ein anderes Mal, Mikey. Wenn wir beide ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel haben.«

Und ich erfuhr erst vier Jahre später, was in jener Nacht geschehen war. Mein Vater erzählte es mir, als er im Krankenhaus lag, oft halb betäubt von den schmerzstillenden Mitteln, während der Krebs in seinen Eingeweiden rastlos arbeitete und ihn langsam zerfraß.

26. Februar 1985

Ich habe meine letzten Aufzeichnungen soeben noch einmal gelesen und war selbst ganz überrascht, daß ich plötzlich beim Gedanken an meinen Vater, der nun schon seit 21 Jahren tot ist, in Tränen ausbrach. Ich erinnere mich noch gut an meine Trauer über seinen Tod - sie hielt fast zwei Jahre an. Und als ich dann 1966 die High School abschloß, sagte meine Mutter: »Wie stolz wäre dein Vater auf dich gewesen!«, und wir weinten gemeinsam, und ich dachte, mit diesen späten Tränen hätten wir ihn nun endgültig begraben. Aber wer weiß schon, wie lange ein Schmerz anhalten kann? Ist es nicht möglich, daß man sogar 30 oder 40 Jahre nach dem Tod eines Kindes, eines Bruders oder einer Schwester plötzlich beim Gedanken an sie das gleiche Gefühl der Trauer und Verlassenheit verspürt, das Gefühl eines Platzes, der für immer leer bleibt... vielleicht sogar nach dem Tod?

Er verließ die Armee 1938 mit einer Invalidenpension. Zu jener Zeit war es beim Militär schon wesentlich kriegerischer zugegangen; er erzählte mir einmal, daß jeder, der nicht völlig blind war, damals schon sehen konnte, daß es wieder zum Krieg kommen würde. Er war inzwischen zum Feldwebel befördert worden, und er büßte einen Großteil seines linken Fußes ein, als ein neuer Rekrut, der sich vor Angst fast in die Hose machte, eine Handgranate zündete und dann fallen ließ. Sie rollte auf meinen Vater zu und explodierte mit einem Geräusch, das sich - wie er sagte - anhörte >wie ein Husten mitten in der Nacht<.

Ein großer Teil der Waffen, mit denen die damaligen Soldaten üben mußten, war entweder schadhaft oder hatte so lange in irgendwelchen halbvergessenen Depots herumgelegen, daß sie nicht mehr funktionierten. Gewehre gingen nicht los oder explodierten manchmal in ihren Händen. Die Navy hatte Torpedos, die gewöhnlich erheblich von der Zielrichtung abwichen oder nicht explodierten. Die Luftwaffe hatte Flugzeuge, deren Tragflächen bei harten Landungen abfielen, und - wie ich gelesen habe - stellte 1939 in Pensacola ein Versorgungsoffizier fest, daß eine ganze Reihe von Jeeps nicht funktionierten, weil Küchenschaben die Gummischläuche und sogar die Treibriemen aufgefressen hatten.

Mein Vater blieb nur infolge dieser mangelhaften Waffenvorräte am Leben - die Handgranate explodierte nicht richtig, und so verlor er nur einen Teil des linken Fußes.

Mit Hilfe des Invalidengeldes konte er meine Mutter ein Jahr früher als geplant heiraten. Sie zogen nach Houston, wo sie bis 1945 in der Rüstungsindustrie arbeiteten. Mein Vater war Vorarbeiter in einer Fabrik, in der Bombenzylinder hergestellt wurden, und meine Mutter war Nieterin. Aber Derry war ihm >nie aus dem Kopf gegangen<, wie er mir an jenem Abend erzählte, als ich zehn Jahre alt war. Und heute frage ich mich, ob dieses blinde Etwas nicht vielleicht schon damals am Werk war und ihn zurückzog, nur damit ich an jenem gewittrigen Nachmittag im August 1958 meinen Platz in jenem Kreis in den Barrens einnehmen konnte. Wenn die Räder des Universums richtig eingestellt sind, dann kompensieren sich Gut und Böse -aber auch das Gute kann furchtbar sein.

Sie hatten eine ganz hübsche Geldsumme gespart. Eine Farm wurde zum Kauf angeboten. Die beiden fuhren mit dem Bus von Texas nach Maine, schauten sie sich an und kauften sie noch am selben Tag. Die First Mer-chants of Penobscot County räumten meinem Vater eine Zehn-Jahres-Hy-pothek ein, und meine Eltern ließen sich in Derry nieder.

»Zuerst hatten wir gewisse Probleme«, erzählte mein Vater. »Es gab Leute, die keine Neger in der Nachbarschaft haben wollten. Wir hatten gewußt, daß es so sein würde - ich hatte das >Black Spot< nicht vergessen -, und wir waren fest entschlossen auszuharren. Kinder warfen im Vorbeigehen mit Steinen oder Bierdosen. Ich mußte in jenem ersten Jahr etwa zwanzig Fensterscheiben neu einsetzen. Und es waren nicht nur Kinder. Als wir eines Morgens aufstanden, war ein Hakenkreuz auf eine Seitenwand des Hühnerschuppens geschmiert, und alle Hühner waren tot. Jemand hatte ihr Futter vergiftet. Das war mein letzter Versuch, Hühner zu halten.

Aber der Kreissheriff - damals gab es hier noch keinen Polizeichef, dafür war Derry nicht groß genug - nahm sich der Sache an, und er leistete gute Arbeit. Das ist es, was ich meine, Mikey, wenn ich sage, daß es hier neben dem Bösen auch das Gute gibt. Für jenen Sheriff Simon spielte es keine Rolle, daß meine Haut braun und mein Haar kraus war. Er kam ein halbes Dutzend Mal zu uns, er redete mit den Leuten, und schließlich fand er heraus, wer es getan hatte. Und was glaubst du, wer es war?«

»Ich weiß nicht«, sagte ich.

Mein Vater lachte Tränen. Er holte ein großes weißes Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sie ab. »Es war Butch Bowers - der Vater jenes Jungen, der, wie du sagst, der schlimmste Raufbold weit und breit ist.«

»Die anderen Kinder meinen, Henrys Vater sei verrückt«, erwiderte ich.

»Nun, meiner Meinung nach haben sie gar nicht so unrecht. Es heißt, daß er nach seiner Rückkehr aus dem Pazifik nie mehr ganz normal war. Er war dort bei der Marine. Aber wie dem auch sei, jedenfalls verhaftete ihn der Sheriff, und Butch brüllte herum, das Ganze sei ein abgekartetes Spiel, und sie seien alle nichts weiter als ein Haufen Niggerfreunde. Oh, er wollte alle verklagen. Ich bezweifle, daß er auch nur eine einzige ordentliche Unterhose hatte, aber er wollte mich, Sheriff Simon, die Stadt Derry und den Kreis Penobscot verklagen.

Wie mir berichtet wurde, hat ihm der Sheriff dann im Gefängnis von Bangor einen Besuch abgestattet. >Es ist höchste Zeit für dich, den Mund zu halten und zuzuhören, Butch<, hat er zu ihm gesagt. >Der Schwarze besteht nicht auf einer Anklage. Er möchte nur Schadenersatz für seine Hühner haben, sonst nichts. Mit 200 Dollar wäre er zufrieden.«

Worauf Butch dem Sheriff erklärt hat, wohin er sich seine 200 Dollar stek-ken könne.

Und darauf hat Simon zu ihm gesagt: >Drüben in Thomaston gibt's eine Kalkgrube, und es heißt, wenn man zwei Jahre dort verbringt, hat man eine grüne Zunge. Sie haben die Wahclass="underline" Zwei Jahre oder 200 Dollar. Was ist Ihnen lieber? <

>Kein Geschworenengericht in Maine wird mich verurteilen<, prahlte Butch, >nur weil ich die Hühner eines Niggers vergiftet habe.<

>Sie werden dich nicht wegen der Hühner verurteilen«, erwiderte Simon,

> sondern wegen des Hakenkreuzes, das du nach der Tat an die Schuppenwand geschmiert hast.<

Daraufhin klappte Butch glatt der Unterkiefer runter, und Simon ging und ließ ihm Zeit, darüber nachzudenken. Drei Tage später beauftragte Butch seinen Bruder - den, der etwa drei Jahre später erfroren ist, als er betrunken auf der Jagd war - damit, seinen neuen Mercury zu verkaufen, den er sich von der Abfindung angeschafft hatte, die er bei der Abmusterung vom Militär erhalten hatte. Ich bekam meine 200 Dollar, aber Butch schwor, er würde mich ausräuchern. Das posaunte er bei allen seinen Freunden herum. Deshalb schnappte ich ihn mir eines Nachmittags. Er hatte sich nach dem Verkauf des Mercurys einen alten Vorkriegsford zugelegt, und ich war mit meinem Lieferwagen unterwegs. Draußen auf der Witcham Street, in der Nähe des Bahnhofsgeländes, schnitt ich ihm den Weg ab und stieg mit meiner Winchester aus.