>Wenn du bei mir irgendwo Feuer legst, knall' ich dich ab!< erklärte ich ihm.
>In diesem Ton kannst du nicht mit mir reden, Nigger<, sagte er, und vor Wut und Angst war er fast am Heulen. >So kannst du nicht mit einem Weißen reden, du verdammter Niggerbastard! <
Nun, ich hatte die Schnauze gestrichen voll. Kein Mensch war in der Nähe. Ich packte ihn mit einer Hand bei den Haaren, stützte meinen Flintenschaft auf meine Gürtelschnalle und hielt ihm die Mündung direkt unters Kinn. >Wenn du mich noch ein einziges Mal Nigger oder Niggerbastard nennst, wird dir das Gehirn aus deinem Schädel rausspritzen<, sagte ich. >Und ich geb dir mein Wort, Butch: die geringste Brandstiftung auf meinem Grund und Boden, und ich knall dich ab. Und eventuell auch noch deinen Balg, deine Frau und deinen Taugenichts von Bruder. Ich hab' jetzt genug.
Daraufhin begann er tatsächlich zu heulen, und ich habe nie im Leben etwas Abstoßenderes gesehen. >Soweit ist es hier also schon gekommen< plärrte er. >Ein Nig- ein Mann kann am hellichten Tag am Straßenrand einen arbeitenden Menschen mit einer Flinte bedrohen... schöne Zustände sind das!<
>Die Welt muß wirklich zum Teufel gehen, wenn so was möglich ist<, stimmte ich ihm zu. >Aber das spielt jetzt keine Rolle. Ich möchte nur eines wissen: Haben wir uns verstanden, oder möchtest du ausprobieren, ob es möglich ist, durch die Stirn zu atmen?<
Er war der Ansicht, wir hätten uns verstanden, und seitdem hatte ich keinerlei Ärger mehr mit Butch Bowers - vielleicht abgesehen von der Vergiftung deines Hundes Mr. Chips vor vier Jahren. Aber ich habe keinen Beweis dafür, daß Bowers dabei seine Hand im Spiel gehabt hat. Der Hund könnte auch einfach einen Giftköder oder so was Ähnliches gefressen haben.
Ja, seit jenem Tag hatten wir so ziemlich unsere Ruhe und konnten unserer Wege gehen, und wenn ich heute zurückblicke, gibt es nicht viel, was ich bereue. Wir hatten hier ein gutes Leben, und wenn es auch Nächte gibt, in denen ich von jenem Feuer im >Black Spot< träume - niemand lebt wohl sein Leben, ohne ein paar Alpträume zu haben.«
28. Februar 1985
Es ist nun schon wieder Tage her, daß ich mich hinsetzte, um die Geschichte vom Feuer im >Black Spot< aufzuschreiben, so wie ich sie von meinem Vater gehört habe, aber ich bin immer noch nicht dazu gekommen. Ich glaube, es ist in >The Lord of the Rings<, wo jemand sagt, daß >ein Weg zum anderen führt<, und daß man, sobald man erst einmal den Weg von der eigenen Vordertreppe zum Gehsteig hinter sich gebracht hat, überall hin gehen könne. Vermutlich ist es mit Geschichten ebenso. Eine führt zur anderen, und diese wieder zur nächsten, und vielleicht gehen sie in die Richtung, die man ursprünglich einschlagen wollte, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht sind aber letzten Endes die Geschichten selbst wichtiger als die Richtung.
Ich glaube, es ist seine Stimme, an die ich mich am besten erinnere: die tiefe Stimme meines Vaters, seine langsame Sprechweise, wie er manchmal kicherte oder laut lachte. Die Pausen, um seine Pfeife anzuzünden oder sich zu schneuzen oder eine Dose Narragansett aus dem Kühlfach zu holen. Jene Stimme, die für mich irgendwie die Stimme all der Jahre ist, die ausschlaggebende Stimme dieses Ortes - eine Stimme, die ich weder in den Interviews von Ives noch in den paar armseligen Geschichtsbüchern über diesen Ort wiederfinde... und ebensowenig auf meinen eigenen Tonbändern.
Jetzt ist es zehn Uhr abends, die Bücherei ist seit einer Stunde geschlossen, draußen heult der Wind, und der Schneeregen trommelt gegen die Fenster und auf den verglasten Korridor, der zur dunklen, stillen Kinderbücherei führt. Ich höre auch wieder jene anderen Geräusche - leises Knarren außerhalb des Lichtkreises, wo ich sitze und in ein grünes Stenoheft schreibe. Ich sage mir, daß es nur die üblichen Geräusche in einem alten Gebäude sind... aber ich bin mir nicht ganz sicher. Und ich frage mich, ob irgendwo dort draußen im Sturm heute abend ein Clown Ballons an den Mann bringt.
Nun, wie dem auch sei, ich werde jetzt endlich die letzte Geschichte meines Vaters zu Papier bringen.
Ich hörte sie in seinem Krankenhauszimmer, knapp sechs Wochen vor seinem Tod. Ich besuchte ihn jeden Nachmittag direkt nach der Schule zusammen mit meiner Mutter und jeden Abend noch einmal allein. Abends mußte meine Mutter daheim bleiben und die Hausarbeit erledigen, aber sie bestand darauf, daß ich hinging. Ich fuhr immer mit dem Rad. Ich traute mich nicht, per Anhalter zu fahren, obwohl die Morde schon vor vier Jahren aufgehört hatten.
Das waren schwere sechs Wochen für einen erst vierzehnjährigen Jungen. Ich liebte meinen Vater, aber es kam soweit, daß ich diese Abendbesuche haßte - ihn zusammenschrumpfen zu sehen, zu beobachten, wie sein Gesicht von immer tieferen Falten durchfurcht wurde. Manchmal weinte er vor Schmerzen, obwohl er sich krampfhaft bemühte, die Tränen zu unterdrücken. Und auf dem Heimweg wurde es dunkel, und ich dachte zurück an den Sommer von 1958, und ich hatte Angst, mich umzudrehen, weil hinter mir jener Clown seinrkonnte... oder der Werwolf... oder Bens Mumie. Aber welche Gestalt Es auch immer annehmen würde - Es würde das vom Krebs gezeichnete Gesicht meines Vaters haben. Deshalb trat ich immer schneller in die Pedale und kam mit hochrotem Kopf, total verschwitzt und völlig außer Atem zu Hause an, und meine Mutter fragte dann: »Warum fährst du nur so schnell, Mikey? Du wirst mir noch krank werden.« Und ich antwortete: »Ich wollte möglichst schnell heimkommen, um dir noch bei der Hausarbeit helfen zu können«, und dann umarmte und küßte sie mich und sagte, ich sei ein guter Junge.
Im Laufe der Zeit wußte ich kaum noch, worüber ich mich mit meinem Vater unterhalten sollte. Auf dem Weg in die Stadt zerbrach ich mir den Kopf über mögliche Gesprächsthemen. Ich hatte riesige Angst vor jenem Moment, wenn wir beide nicht mehr wußten, was wir sagen sollten. Sein Sterben machte mich zornig und betrübte mich sehr, aber es war mir auch unangenehm; damals wie heute war ich der Meinung, daß - wenn die Menschen schon sterben müssen - es wenigstens schnell gehen sollte. Der Krebs brachte meinen Vater nicht nur um - er erniedrigte ihn auch noch.
Wir sprachen nie darüber, und jedesmal, wenn sich zwischen uns jenes bedrückende Schweigen ausbreitete, hatte ich das Gefühl, als müßten wir nun gleich darüber sprechen, und ich bemühte mich krampfhaft, etwas zu sagen - irgend etwas -, nur damit wir nicht über jene Krankheit sprechen mußten, die meinen Vater vernichtete, der doch einst Butch Bowers bei den Haaren gepackt und ihm eine Flintenmündung unters Kinn gepreßt hatte. Gleich würden wir gezwungen sein, davon zu reden, dachte ich, und dann würde ich weinen. Ich würde meine Tränen nicht unterdrücken können. Und mit meinen vierzehn Jahren war mir der Gedanke, vor meinem Vater zu weinen, einfach unerträglich.
Wähend einer dieser endlosen, bedrückenden Gesprächspausen fragte ich ihn also wieder nach dem Feuer im >Black Spot<. Man hatte ihn an jenem Abend mit Betäubungsmitteln vollgepumpt, weil die Schmerzen besonders schlimm waren, und er war zeitweise nicht bei vollem Bewußtsein - manchmal redete er ganz klar und deutlich, manchmal murmelte er unverständlich vor sich hin. Ab und zu erkannte er mich, dann wieder schien er mich mit seinem Bruder Phil zu verwechseln. Ich hatte keinen besonderen Grund für meine Frage; sie war mir einfach plötzlich eingefallen, und ich war heilfroh, ein Gesprächsthema gefunden zu haben.
Seine Augen wurden klarer, und er lächelte ein wenig. »Du hast das nie vergessen, was, Mikey?«
»Nein«, sagte ich, obwohl ich seit mindestens drei Jahren nicht mehr daran gedacht hatte.
»Nun, ich werde es dir jetzt erzählen«, meinte er. »Mit vierzehn bist du wohl alt genug dazu, und deine Mutter ist nicht hier - sie würde vielleicht etwas dagegen haben. Aber es ist wichtig, daß du darüber Bescheid weißt. Ich glaube manchmal, daß so etwas nur in Derry möglich war, und auch das solltest du wissen, damit du dich vorsehen kannst. Denn obwohl hier nach außen hin alles in Ordnung zu sein scheint, muß man sehr vorsichtig sein. Die Voraussetzungen für solche Ereignisse waren hier offenbar immer besonders gut. Du bist doch vorsichtig, Mikey, nicht wahr?«