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»Ja«, sagte ich.

»Gut«, flüsterte er und ließ den Kopf auf sein Kissen sinken. »Das ist gut.« Ich glaubte schon, er würde wieder eindösen - er hatte die Augen geschlossen -, aber statt dessen begann er zu erzählen.

»Als ich 1929 und 1930 auf dem hiesigen Militärstützpunkt stationiert war«, sagte er, »gab es auf dem Hügel, wo heute die Stadthalle von Derry ist, ein Militärkasino. Es befand sich direkt hinter dem PX-Laden, wo man für sieben Cent eine Packung Lucky Strike Greens bekommen konnte. Das Kasino war in einer großen alten Nissenhütte untergebracht, aber im Innern war es wirklich hübsch eingerichtet - Teppich auf dem Fußboden, gemütliche Sitznischen und so weiter - und am Wochenende konnte man dort Drinks bekommen - das heißt, wenn man weiß war. Samstagabends spielten dort meistens Musikkapellen, und es war wirklich ein toller Treffpunkt.

Wir Jungs von Kompanie E durften natürlich nicht mal in die Nähe dieses Kasinos kommen. Wenn wir abends Ausgang hatten, gingen wir deshalb in die Stadt. Zu jener Zeit war Derry immer noch so 'ne Art Holzfällerstadt, und es gab acht bis zehn Bars, manche mit Drinks und Musik an Wochenenden, manche auch nur mit Bier vom Faß und zwei bis drei Sorten minderwertigen Whiskys in Flaschen mit guten Markenetiketten wie Four Roses und Wild Turkey. Es waren Bars für Arbeiter, das will ich damit sagen, und fast jeden Abend mußte man den Kopf einziehen, weil Bierflaschen durch die Luft flogen. Es gab >Nan's< und >The Paradise< und >Wally's Spa<, >The Silver Dollar< und eine Bar namens >Opryland North<, wo man manchmal eine Nutte aufgabeln konnte. Oh, man konnte in jeder Bar eine Frau auflesen, es war nicht mal schwierig, denn sehr viele wollten herausfinden, ob eine Scheibe Schwarzbrot anders schmeckt, aber für Jungs wie mich und Trevor Dawson und Carl Roone - wir waren damals ja noch halbe Kinder -war der Gedanke, sich eine Nutte zu kaufen - eine weiße Nutte -, etwas, worüber man gründlich nachdenken mußte.«

Wie gesagt, man hatte ihn an jenem Abend mit Betäubungsmitteln vollgepumpt. Ich glaube nicht, daß er andernfalls so etwas erzählt hätte - seinem vierzehnjährigen Sohn ganz bestimmt nicht.

»Na ja, es dauerte nicht sehr lange, bis ein Großteil des Stadtrats auf dem Stützpunkt auftauchte und Major Füller sprechen wollte. Du wirst unschwer erraten können, was sie wollten, jene fünf ehrenwerten weißen Männer. Sie erklärten Major Füller, sie wollten in ihren Bars keine Armeenigger haben, die weiße Frauen belästigten oder an der Bar standen, wo nur Weiße stehen und den nur für Weiße bestimmten Whisky trinken sollten.

Natürlich war das alles völlig lächerlich. Bei der Auswahl weißer Weiblichkeit, um die sie so besorgt waren, handelte es sich größtenteils um BarNutten, und was die Männer anging, denen wir angeblich die Plätze wegnahmen ... Nun, dazu kann ich nur sagen, daß ich nie ein Mitglied des Stadtrats von Derry im >Silver Dollar< oder in >Wally's Spa< gesehen habe. Die Männer, die in jenen Spelunken verkehrten, waren Holzfäller in schweren rotschwarzkarierten Jacken, mit verkratzten, vernarbten Händen; manchen fehlte ein Auge oder Finger, alle hatten kaum noch Zähne im Mund, und alle rochen nach Holzspänen, Sägemehl und Schweiß. Sie trugen grüne Flanellhosen und hohe grüne Gummistiefel. Es waren Riesenkerle, unheimlich stark, mit sehr kräftigen, lauten Stimmen.

Was ich damit sagen will, ist folgendes: Wenn diese Männer, die an Freitag- und Samstagabenden aus den Wäldern in die Stadt kamen und in die Bars gingen, etwas gegen unsere Anwesenheit gehabt hätten, wäre es für sie ein leichtes gewesen, uns an die Luft zu setzen. Tatsache war aber, daß wir sie überhaupt nicht störten.

Einer von ihnen nahm mich eines Abends beiseite - er war sechs Fuß groß, was für jene Zeit verdammt viel war, und er war stockbesoffen, und er stank bestialisch. Seine Kleider starrten vor Dreck. Er betrachtete mich genau und sagte dann: >Mister, sind Sie ein Neger?<

>Stimmt genau<, erwiderte ich.

>Ich möchte Ihnen ein Bier spendieren<, sagte er, >weil ich außer in Büchern noch nie einen gesehen habe.<

>Nichts dagegen<, sagte ich - ich wollt's mir mit ihm nicht verderben. >Das beweist nur wieder mal, daß es für alles ein erstes Mal gibt.<

Er lachte darüber und klopfte mir auf den Rücken- so kräftig, daß ich fast zusammenbrach - und bahnte sich einen Weg zur Bartheke, wo sich etwa 70 Männer und 15 Frauen drängten. >Zwei Bier, und zwar 'n bißchen schnell, sonst mach' ich Kleinholz aus dieser Bruchbude !< brüllte er den Barkeeper an, einen großen Kerl mit gebrochener Nase namens Romeo Du Pree.

Er bekam seine Biere, gab mir meins und fragte: >Wie heißen Sie?< >William Hanlon<, sagte ich.

>Also dann, auf Ihr Wohl!< rief er.

>Nein, auf Ihres<, sagte ich. >Sie sind nämlich der erste Weiße, der mir jemals ein Bier spendiert hat.< Und das stimmte tatsächlich.

Wir tranken also unser Bier und dann jeder noch eins, und er sagte: >Sind Sie ganz sicher, daß Sie ein Neger sind? Für meine Begriffe sehen Sie aus wie ein Weißer, nur eben mit 'ner braunen Haut.<«

Mein Vater lachte, und ich ebenfalls. Er lachte so sehr, daß sein Bauch zu schmerzen begann, und er hielt ihn sich mit verzerrtem Gesicht und verdrehten Augen und biß sich auf die Unterlippe.

»Soll ich nach der Krankenschwester läuten, Daddy?« fragte ich beunruhigt.

»Nein... nein. Es geht schon wieder«, versicherte er. »Das Schlimmste an dieser Sache ist, Mikey, daß man nicht einmal mehr lachen kann, wenn einem danach zumute ist. Was verdammt selten der Fall ist.«

Er verstummte für kurze Zeit, und erst jetzt wird mir bewußt, daß es das einzige Mal war, wo wir nahe daran waren, über seine tödliche Krankheit zu sprechen. Vielleicht wäre es besser gewesen, besser für uns beide, wenn wir es tatsächlich getan hätten.

Mein Vater trank einen Schluck Wasser aus dem Glas auf seinem Nachttisch und erzählte dann weiter.

»Jedenfalls waren es nicht die paar Frauen, die sich in den Bars herumtrieben, und ebensowenig die Hauptkundschaft dieser Spelunken - die Holzfäller. In Wirklichkeit waren es nur jene ehrenwerten Mitglieder des Stadtrats, die etwas gegen unseren Aufenthalt in den Bars einzuwenden hatten, sie und noch etwa ein Dutzend Männer, die hinter ihnen standen, Derrys alte Führungsschicht sozusagen. Keiner von ihnen hatte jemals einen Fuß ins >Paramount< oder >Wally's Spa< gesetzt; sie zechten im Country Club, der damals drüben auf den Derry Heights stand, aber sie wollten ganz sichergehen, daß niemand mit den Schwarzen der Kompanie E in Berührung kam.

Major Füller erklärte ihnen: >Ich wollte sie von Anfang an hier nicht haben. Ich glaube immer noch, daß es sich um ein Versehen handelt, und daß sie bald in den Süden oder vielleicht nach New Jersey zurückgeschickt werden

>Das ist nicht mein Problem<, sagte daraufhin ihr Wortführer. Mueller hieß der Kerl, glaube ich...«

»Sally Muellers Vater?« fragte ich bestürzt. Sally Mueller ging in dieselbe Klasse wie Ben Hanscom und Beverly Marsh.

Mein Vater lächelte - es war ein bitteres, verzerrtes Lächeln. »Nein, es war ihr Onkel. Sally Muellers Vater war damals irgendwo im College. Aber wenn er in Derry gewesen wäre, hätte er seinen Bruder bestimmt begleitet. >Das ist nicht mein Problem<, erklärte dieser Kerl also Major Füller. >Ich bin nur hier, um Ihnen zu sagen, daß es Schwierigkeiten geben wird, wenn sie sich weiterhin in den Bars herumtreiben. Wie Sie vielleicht wissen, haben wir in dieser Stadt die Legion of White Decency.<