>Und ich beglückwünsche Sie dazu, Sir<, sagte Füller. >Aber ich bin ein bißchen in der Zwickmühle. Ich kann sie nicht drüben im Militärkasino trinken lassen. Das würde gegen die Vorschriften verstoßen - und außerdem würden die anderen Soldaten es nicht dulden.<
Mueller brauste auf: >Wollen Sie damit etwa sagen, daß die Bürger unserer Stadt eher bereit sind, mit diesem Nigger-Abschaum zu verkehren als Ihre Soldaten?<
>Nein, nein, keineswegs<, sagte Füller und wünschte sich in diesem Augenblick vermutlich meilenweit weg. >Ich wollte Ihnen nur erklären, daß ich ein bißchen in der Zwickmühle bin. Ich kann diese Männer schließlich nicht für den Rest ihrer Dienstzeit auf dem Militärgelände einsperren. <
>Auch das ist nicht mein Problem«, erwiderte Mueller. >Sie werden schon eine Lösung finden, Herr Major. Ich setze vollstes Vertrauen in Sie. Ein hoher Dienstgrad ist nun einmal immer mit Verantwortung verbunden< Und mit diesen Worten zog er ab.
Na ja, Füller fand tatsächlich eine Lösung für dieses Problem. Das Militärgelände von Derry war damals verdammt groß, alles in allem mehr als 100 Acker. Im Norden grenzte es direkt an den West Broadway, wo eine Art Grüngürtel angepflanzt worden war. Und das >Black Spot< stand da, wo heute der McCarron Park ist.
Anfang 1930 war es nur ein alter Requisitionsschuppen, aber Major Füller ließ unsere Kompanie E antreten und erklärte, dies sei jetzt >unser< Klub, und die Bars in der Stadt seien für uns von nun an tabu.
Wir waren darüber sehr verbittert, aber was konnten wir schon machen? Wir hatten ja keinerlei Einfluß. Es war dann dieser junge Bursche, ein Mannschaftskoch namens Dick Hallorann, der anregte, wir sollten versuchen, etwas daraus zu machen, den Schuppen nett herzurichten.
Wir probierten es, und - kurz gesagt - wir machten unsere Sache sehr gut. Als ein paar von uns zum erstenmal reingingen, waren wir ganz schön deprimiert. Der Schuppen war dunkel und stank bestialisch; er war mit alten Werkzeugen und mit Schachteln vollgestopft, in denen vermoderte Papiere lagen. Es gab nur zwei kleine Fenster und keinen elektrischen Strom. Der Fußboden war aus Lehm. Carl Roone lachte bitter und sagte - ich erinnere mich noch genau daran: >Der alte Major ist doch ein richtiger Fürst -schenkt uns da einen Klub ganz für uns allein! Scheiße!<
Und George Brannock, der bei dem Feuer im Herbst ebenfalls ums Leben kam, meinte: >Ja, es ist wirklich ein finsteres Loch.< Und so wurde der Klub von nun an genannt - >Black Spot<, finsteres Loch.
Aber Hallorann ermutigte die anderen... Hallorann, Carl und ich. Gott möge uns verzeihen, was wir taten, aber wir konnten schließlich nicht wissen, was für Konsequenzen es haben würde.
Nach kurzer Zeit legten sich auch die übrigen ins Zeug. Wir konnten ja ohnehin nicht viel anderes tun, nachdem die Bars in der Stadt für uns jetzt tabu waren. Wir hämmerten und putzten also drauflos. Trev Dawson war ein ausgezeichneter Hobby-Zimmermann, und er zeigte uns, wie man einige zusätzliche Fenster auf einer Seite einbauen konnte, und Alden Flan-ders organisierte verschiedenfarbige Glasscheiben dafür.
>Wo hast du denn das Glas her?< fragte ich ihn. Alden war der älteste von uns - 42 oder so. Er schob sich eine Camel in den Mund und blinzelte mir zu. >Mitternächtliche Requirierungen<, sagte er, ließ sich aber nicht näher darüber aus.
Wir machten rasche Fortschritte, und Mitte des Sommers konnten wir
den Klub schon benutzen. Trev Dawson und einige andere hatten das hintere Viertel des Schuppens abgeteilt und dort eine kleine Küche eingerichtet
- viel mehr als einen Grill und ein paar große Friteusen gab es dort allerdings nicht, aber es reichte, um Hamburger und Pommes frites herstellen zu können. Auf einer Längsseite wurde die Bartheke gebaut, und weder die Stadt noch der Staat machten irgendwelche Schwierigkeiten wegen der Alkohollizenz. Sie überschlugen sich fast vor Eifer, uns eine zu erteilen.
Den Lehmboden putzten wir gründlich und ölten ihn immer gut ein. Trev und Pop Flanders verlegten eine Stromleitung - weitere mitternächtliche Requirierungen<, nehme ich an. Im Juli konnte man an Samstagabenden hingehen, sich gemütlich hinsetzen und ein paar Bierchen oder ein Glas Whisky oder Wein trinken. Es war ein schöner Klub. Er wurde nie richtig fertiggestellt - wir arbeiteten immer noch daran, als er niederbrannte, das war so eine Art Hobby für uns geworden... oder eine Möglichkeit, Füller und dem Stadtrat ein Schnippchen zu schlagen - aber wir wußten, daß es unser Klub war, als Dave Richard und ich eines Freitagabends ein Schild befestigten, auf dem the black spot stand und darunter Kompanie E und Gäste. So als seien wir was ganz Exklusives, weißt du!
Unser >Black Spot< sah so gut aus, daß die weißen Jungs zu murren begannen. Aber Füller sorgte dafür, daß das rasch aufhörte. Ans Kasino der Weißen wurde in Windeseile eine kleine Cafeteria und ein spezieller Gesellschaftsraum angebaut. Es war so, als wollten sie mit uns wetteifern. Aber wir hatten keine Lust, uns an diesem Wettlauf zu beteiligen.«
Mein Vater lächelte mir von seinem Bett aus zu.
»Wir waren zwar jung, mit Ausnahme von Flanders, aber wir waren keine kompletten Narren. Wir wußten genau, daß die weißen Jungs es zulassen, daß wir gegen sie antreten, aber sobald es dann so aussieht, als könnten wir gewinnen, bricht uns jemand einfach die Beine, damit wir nicht so schnell rennen können. Wir hatten, was wir wollten, und das genügte uns. Aber dann... dann passierte etwas.« Er runzelte die Stirn und verstummte.
»Was denn, Daddy?«
»Wir entdeckten, daß wir eine ganz ordentliche Jazzband in unseren Reihen hatten«, sagte er langsam. »Martin Devereaux, ein Korporal, spielte die Trommel. Ace Stevenson spielte Hörn. Flanders konnte ganz ordentlich auf dem Klimperkasten spielen. Er war nicht erstklassig, aber auch alles andere als schlecht. Ein anderer Bursche spielte Klarinette, und George Brannock spielte Saxophon. Manchmal beteiligten sich auch noch andere von uns, spielten Gitarre oder Mundharmonika oder auch einfach auf einem Kamm, über den wir ein Stück Wachspapier legten.
Natürlich ging das nicht so von einem Tag auf den anderen, aber Ende August spielte im >Black Spot< an Freitag- und Samstagabenden eine ganz schön heiße Dixieland-Combo. Im Laufe der Zeit wurden sie immer besser, und obwohl sie nie wirklich erstklassig waren - ich möchte nicht, daß du das glaubst -, spielten sie doch irgendwie anders... heißer... irgendwie. ..« Er schwenkte seine magere Hand über der Decke.
»Sie spielten hingebungsvoll«, schlug ich grinsend vor.
»Genau!« rief er und grinste zurück. »Das ist der richtige Ausdruck. Sie spielten hingebungsvoll die Dixieland-Musik der Schwarzen. Und es kam so weit, daß Leute aus der Stadt in unserem Klub aufkreuzten. Und sogar einige der weißen Soldaten unseres Stützpunkts. Jedes Wochenende war das >Black Spot< regelrecht überfüllt. Natürlich passierte auch das nicht von einem Tag auf den anderen. Zuerst nahmen sich die weißen Gesichter wie Salzkörner in einer Pfefferbüchse aus, aber im Laufe der Zeit wurden es immer mehr.
Inzwischen ist mir klar, daß wir sie irgendwie hätten fernhalten müssen, aber - wie gesagt - wir waren jung und stolz auf das, was wir geleistet hatten. Und wir unterschätzten die möglichen Folgen ganz erheblich. Wir wußten natürlich, daß die Entwicklung im >Black Spot< Leuten wie diesem Mueller nicht behagen konnte, aber keiner von uns begriff, daß sie ihn wahnsinnig machte - und ich meine das im buchstäblichen Sinne: Sie machte ihn wahnsinnig. Und er war nicht der einzige. Das >Black Spot< stand direkt am Rand des Grüngürtels, und da saßen sie nun keine 70 Yards davon entfernt in ihren großen viktorianischen Häusern am West Broadway und mußten sich Musikstücke wie >Aunt Hagar's Blues< und >Diggin My Pota-toes< anhören. Das war schon schlimm genug, aber zu wissen, daß ihre jungen Leute sich dort aufhielten und Seite an Seite mit den Schwarzen die Musiker anfeuerten - das muß noch viel schlimmer gewesen sein.