Выбрать главу

Denn es waren nicht nur die Holzfäller und die Bar-Nutten, die bei uns aufkreuzten, als es Oktober wurde. Unser Klub wurde so eine Art Stadtattraktion. Junge Leute kamen, tranken und tanzten zur Musik unserer namenlosen Dixieland-Jazzband, bis zur Sperrstunde um ein Uhr nachts. Sie kamen nicht nur aus ganz Derry, sondern auch aus Bangor, Newport, Old-town und all den kleinen Ortschaften in dieser Gegend. Verbindungsstudenten von der University of Maine in Orono machten mit ihren Freundinnen wilde Luftsprünge, und als die Band eine Ragtime-Version von >The Maine Stein Song< einstudierte, kannte ihre Begeisterung keine Grenzen.

Natürlich war es offiziell ein Militärklub, und Zivilisten ohne Einladung war der Zutritt eigentlich verboten. Aber praktisch öffneten wir um sieben einfach die Tür und ließen sie bis eins offenstehen. Wir verwehrten keinem den Eintritt, und Mitte Oktober war es so voll, daß man sich auf dem Tanzboden kaum noch bewegen konnte. Richtig tanzen war unmöglich... man konnte nur noch dastehen und sich auf der Stelle wiegen und winden. Aber ich hab' nie gehört, daß jemand sich darüber aufgeregt hätte. Gegen Mitternacht war es so, als würde ein ganzer Untergrundbahnwaggon zur Zeit des Spitzenverkehrs hin und her wogen und schwanken. Das ist das einzige Bild, das mir einfällt, damit du's dir vorstellen kannst.«

Er trank wieder einen Schluck Wasser, dann erzählte er weiter. Seine Augen waren jetzt ganz klar.

»Na ja, früher oder später hätte Füller diesem Zustand natürlich ein Ende gesetzt. Wenn es früher gewesen wäre, wären sehr viel weniger Leute ums Leben gekommen. Ich nehme an, irgendwann hätte er die Militärpolizei zu uns geschickt, die dann all die Flaschen Alkohol konfisziert hätte, die von den Leuten mitgebracht wurden. Das hätte eine gute, saubere Schließung des Klubs zur Folge gehabt. Das Kriegsgericht hätte einiges zu tun gehabt, und ein paar von uns wären im Gefängnis in Rye gelandet, und alle anderen hätte man versetzt. Aber Füller war langsam. Vielleicht hoffte er, daß es nur eine... nun ja, eine... du weißt schon...«

»Eine vorübergehende Modewelle wäre?«

»Ja, und daß sie nach einer gewissen Zeit von selbst abklingen würde, besonders wenn erst einmal die Schneefälle einsetzten. Statt dessen kamen sie Anfang November in ihren weißen Kapuzentrachten - die >Maine Legion of White Decency< - und veranstalteten ein ganz besonderes Barbecue.«

Er verstummte wieder, aber diesmal nicht, um Wasser zu trinken. Er starrte auf die weiße Wand seines Zimmers, und vom Korridor her ertönte ein leises Klingeln. Eine Krankenschwester eilte vorbei - ich hörte das Quietschen ihrer Schuhsohlen auf dem Linoleum. Ich hörte auch von irgendwo her einen Fernseher; und woanders spielte ein Radio. Die Augen meines Vaters waren sehr ruhig, und ich erinnere mich, daß draußen der Wind pfiff. Obwohl es August war, hörte er sich irgendwie kalt an.

»Einige von ihnen kamen durch jenen Grüngürtel, von dem ich vorhin sprach«, fuhr mein Vater schließlich fort. »Sie müssen sich in irgendeinem Haus am West Broadway getroffen haben, vielleicht im Keller, um ihre Kapuzentrachten anzuziehen und die Fackeln herzurichten.

Man hat auch erzählt, daß andere über die Ridgeline Road, wo der Haupteingang zum Militärstützpunkt war, direkt aufs Gelände fuhren. Ich habe gehört - ich sage nicht, wo -, daß sie in einem brandneuen Packard kamen, in ihren weißen Gewändern, die Kapuzen auf dem Schoß, die Fackeln auf dem Boden. Die Fackeln waren aus Baseballschlägern hergestellt; sie waren an den breiten Teilen mit großen Leinwandstücken umwickelt, die mit roten Gummiringen, wie Frauen sie zum Einmachen verwenden, befestigt waren. Es gab eine Kontrollbude an der Stelle, wo die Ridgeline Road von der Witcham Road abzweigte, und der Wachposten ließ den Packard einfach passieren.

Nun, Mikey, es war Samstagabend, und im überfüllten Klub wurde eifrig getanzt. Vielleicht waren 300 Leute da, vielleicht auch 400. Und da kamen nun diese Weißen, sechs oder acht Männer in einem flaschengrünen Pak-kard, und sehr viel mehr kamen wie große weiße Gespenster durch diesen Baumgürtel zwischen dem Militärgelände und den Luxushäusern am West Broadway. Die meisten waren alles andere als jung, und manchmal überlege ich, wieviel Fälle von Angina und blutenden Geschwüren es wohl am nächsten Tag gegeben haben mag. Ich hoffe, eine ganze Menge. Diese verdammten, dreckigen mörderischen Schweine!

Der Packard hielt auf dem Hügel und blinkte zweimal mit den Scheinwerfern. Etwa vier Männer stiegen aus und gesellten sich zu den anderen. Einige hatten Zwei-Gallonen-Kanister Benzin bei sich. Alle hatten Fackeln. Der Anführer blieb am Steuer des Packards sitzen. Mueller hatte so einen Wagen, mußt du wissen. Ja, er hatte einen flaschengrünen Packard.

Sie versammelten sich hinter dem >Black Spot< und tränkten ihre Fackeln mit Benzin. Vielleicht wollten sie uns nur Angst einjagen. Ich habe teilweise etwas anderes gehört, aber manchmal auch diese Version. Ich möchte lieber glauben, daß sie uns nur einen Schrecken einjagen wollten - vermutlich bin ich immer noch zu anständig, um das Schlimmste glauben zu wollen.

Vielleicht ist das Benzin auf die Griffe einiger Fackeln herabgetropft, und diese Männer sind in Panik geraten, als sie sie anzündeten, und haben sie einfach wild drauflosgeschleudert, nur um sie loszuwerden. Jedenfalls loderten in jener dunklen Novembernacht plötzlich überall Fackeln. Manche hielten sie hoch und schwenkten sie durch die Luft. Kleine glühende Leinwandfetzen flogen umher. Einige der Männer lachten. Aber, wie gesagt, ein paar andere schleuderten die Fackeln durch die hinteren Fenster in unsere Küche. In wenigen Minuten brannte sie lichterloh.

Die Männer draußen trugen alle ihre spitzen weißen Kapuzen. Einige riefen im Chor: >Kommt raus, Nigger! Kommt raus, Nigger! Kommt raus, Nigger! < Manche taten es vielleicht, um uns Angst einzujagen, aber ich möchte lieber glauben, daß die meisten versuchten, uns zu warnen - ebenso wie ich glauben möchte, daß jene Fackeln nur versehentlich in der Küche unseres Klubs landeten.

Aber wie dem auch sei, es spielte ohnehin keine Rolle. Die Band spielte laut, und die Leute klatschten und feuerten sie an und amüsierten sich prächtig. Wir merkten erst, was los war, als Gerry McCrew, der an jenem Abend dem Barkeeper half, die Tür zur Küche öffnete und um ein Haar ver-schmort wäre. Zehn Fuß hohe Flammen schössen heraus und versengten sein blaues Jackett. Und auch im Gesicht erlitt er schwere Brandwunden.

Ich saß mit Trev Dawson und Dick Hallorann etwa in der Mitte der Ostwand, als das passierte, und im ersten Moment glaubte ich, der Gasofen wäre explodiert. Ich sprang auf, und dann wurde ich von Leuten, die zur Tür stürzten, über den Haufen gerannt. Sie trampelten einfach über meinen Rücken hinweg, und ich glaube, das war der Moment, in dem ich während der ganzen Katastrophe am meisten Angst hatte. Ich hörte Menschen schreien, es brenne, man müsse schleunigst hier raus. Aber jedesmal, wenn ich versuchte, auf die Beine zu kommen, trampelte jemand über mich hinweg. Ein großer Fuß landete direkt auf meinem Hinterkopf, und ich sah Sterne vor den Augen. Meine Nase wurde auf dem eingeölten Lehmboden plattgedrückt, ich atmete Staub ein und begann gleichzeitig zu husten und zu niesen.

Jemand trat mir in Taillenhöhe auf den Rücken. Der hohe Absatz eines Frauenschuhs bohrte sich zwischen meine Arschbacken, und ich kann dir versichern, mein Junge - ein solches Klistier möchte ich nie wieder bekommen. Wenn meine Hose geplatzt wäre, würde ich vermutlich bis heute bluten.