Er streckte seine Hand aus, ich legte meine hinein, und wir hielten uns bei den Händen, während er zu Ende erzählte.
»Ich drehte mich gerade noch rechtzeitig um, um zu sehen, daß Trev und Dick zur Vorderseite des Klubs gingen, und ich lief hinter ihnen her, immer noch nach Luft schnappend. Dort vorne standen etwa 40 oder 50 Leute; manche weinten, andere schrien. Wieder andere lagen im Gras - sie waren durch den Rauch in Ohnmacht gefallen. Die Tür war verschlossen, und wir hörten auf der anderen Seite Menschen schreien; sie schrien, man solle sie um Himmels willen rauslassen, sie würden bei lebendigem Leibe verbrennen.
Es war die einzige Tür, abgesehen von der, die von der Küche zu den Mülltonnen führte. Beim Hineingehen stieß man die Tür auf. Beim Hinausgehen mußte man an ihr ziehen.
Einige Leute waren rausgekommen, und dann waren alle zur Tür gestürzt, und sie war in dem Gedränge zugedrückt worden. Die Leute weiter hinten schoben und drückten, um dem Feuer zu entkommen, und dadurch wurden alle total eingeklemmt. Die vordersten wurden einfach zerquetscht. Sie hatten keine Möglichkeit, die Tür aufzuziehen - das Gewicht der von hinten schiebenden Masse war zu groß. So saßen sie also alle in der Falle, und das Feuer wütete.
Es war Trev Dawson, der dafür sorgte, daß nur 60 oder so ums Leben kamen anstatt 100 oder vielleicht auch 200. Aber das brachte ihm nicht etwa 'nen Orden ein, sondern zwei Jahre in Leavenworth. Gerade war ein Jeep vorgefahren, und am Steuer saß kein anderer als mein alter Freund, Feldwebel Wilson, der Kerl, dem alle Gruben auf dem Gelände gehörten.
Er stieg aus und begann, Befehle zu brüllen, die ziemlich sinnlos waren, und die ohnehin niemand hören konnte. Trev packte mich am Arm, und wir rannten zu ihm hin. Dick Hallorann hatte ich inzwischen völlig aus den Augen verloren - ich hab ihn erst am nächsten Tag wieder gesehen.
>Herr Feldwebel, ich brauche Ihren Jeep!< schrie Trev.
>Geh mir aus dem Weg, Nigger !< rief Wilson und stieß ihn zu Boden. Dann fing er wieder an, seinen sinnlosen Scheiß zu brüllen. Niemand achtete auf ihn. Und plötzlich kam Trev wieder hoch, wie ein Stehaufmännchen, und knallte Wilson seine Faust ins Gesicht.
Dieses Arschloch war hart im Nehmen, alles was recht ist. Er stand auf, aus Nase und Mund blutend, und schrie: >Dafür bring ich dich um!< Trev boxte ihn mit voller Wucht in den Magen, und als er zusammenklappte, hieb ich ihm in den Nacken, so fest ich nur konnte. Natürlich war es feige, einen Mann so von hinten zu schlagen, aber in verzweifelten Situationen sind verzweifelte Maßnahmen notwendig. Und, um die Wahrheit zu sagen, Mikey - ich genoß es richtig, diesem großkotzigen Dreckskerl eins zu verpassen.
Er brach zusammen wie ein Ochse unter einem Axthieb. Trev rannte zum Jeep, ließ den Motor an und wendete in Richtung Klubeingang, aber etwas links von der Tür. Dann legte er den ersten Gang ein und fuhr los.
> Vorsicht!< brüllte ich den Herumstehenden zu. >Macht, daß ihr dem Jeep aus dem Weg kommt! <
Sie stoben auseinander wie aufgescheuchte Hühner, und es war eigentlich direkt ein Wunder, daß Trev niemanden überfuhr. Er rammte die Wand des Klubs mit einer Geschwindigkeit von etwa 30 Meilen pro Stunde, und sein Gesicht prallte gegen den Rahmen der Windschutzscheibe. Ich sah, wie er kurz den Kopf schüttelte, und wie ihm das Blut aus der Nase schoß. Er legte den Rückwärtsgang ein, fuhr 50 Yards zurück und dann wieder auf die Wand zu. wumm! Das >Black Spot< bestand nur aus Wellblech, und der zweite Aufprall brachte die Wand zum Einsturz, und die Flammen schössen heraus. Ich weiß nicht, wie jemand da drin noch am Leben sein konnte, aber Menschen sind wohl viel zäher als man denkt, Mikey. Es war der reinste Schmelzofen, eine Hölle aus Flammen und Rauch, und trotzdem rannte ein ganzer Menschenschwarm heraus. Es waren so viele, daß Trev den Jeep nicht zurücksetzen konnte, aus Angst, einige von ihnen zu überfahren. Er sprang einfach heraus, ließ den Jeep stehen und rannte zu mir.
Zusammen verfolgten wir das Ende des Dramas. Es dauerte keine fünf Minuten, aber uns kam es vor wie eine Ewigkeit. Die letzten, die es schafften rauszukommen - ein Dutzend oder so - standen schon in Flammen. Leute packten zu und rollten sie auf dem Gras herum, um die Flammen zu ersticken. Wir konnten sehen, daß noch weitere Leute im Innern versuchten, dem Inferno zu entkommen, aber uns war klar, daß sie es nicht mehr schaffen würden.
Trev griff nach meiner Hand, und ich drückte sie ganz fest. So standen wir da und hielten uns bei den Händen, so wie jetzt du und ich, Mikey. Trevs Nase war gebrochen, und Blut lief ihm übers Gesicht, und seine Augen schwollen zu, und wir standen da und starrten in die Flammenhölle. Diese Leute da drinnen - das waren die richtigen Gespenster, die wir in jener Nacht sahen; es waren schimmernde Schatten im Feuer, die auf die Öffnung zutaumelten, die Trev mit Wilsons Jeep geschaffen hatte. Einige streckten die Arme aus, als erwarteten sie, daß jemand sie retten würde. Die anderen wankten einfach vorwärts, aber sie schienen nicht von der Stelle zu kommen. Ihre Kleider brannten lichterloh. Ihre Gesichter zerschmolzen. Und einer nach dem anderen fiel einfach um, und man sah sie nicht mehr.
Die letzte war eine Frau. Ihr Kleid war verbrannt. Sie hatte nur noch ihren Slip an, und sie brannte wie eine Kerze. Zuletzt schien sie mich anzuschauen.. . und ich sah, daß ihre Lider brannten.
Als auch sie umfiel, war es vorbei. Alles war nur noch ein einziges Flammenmeer. Als die Militärfeuerwehr und zwei weitere Löschwagen von der Feuerwehrstation auf der Main Street anrückten, war es schon fast ausgebrannt. Ja, Mikey, das war also das Feuer im >Black Spot<. Und vermutlich kann so was in jeder Kleinstadt passieren... nur passieren in Derry derartige Dinge immer und immer wieder...«
Er trank den letzten Schluck Wasser und gab mir das Glas, damit ich es im Korridor füllen sollte. »Heute nacht mach ich bestimmt ins Bett, Mikey.«
Ich küßte ihn auf die Wange und ging auf den Korridor hinaus. Als ich imit dem vollen Wasserglas zurückkam, waren seine Augen glasig, und er i schien nicht mehr ganz da zu sein. Als ich das Glas auf den Nachttisch J stellte, murmelte er ein kaum verständliches Dankeschön. Ich warf einen [jBlick auf die Uhr auf seinem Tischchen und sah, daß es schon fast acht war. Zeit für mich heimzufahren.
Ich beugte mich über ihn, um ihm einen Abschiedskuß zu geben... und hörte mich statt dessen flüstern: »Was hast du gesehen?«
Seine Augen, die allmählich zufielen, bewegten sich kaum merklich in Richtung meiner Stimme. Vielleicht wußte er, daß ich es war, vielleicht glaubte er auch, die Stimme seiner eigenen Gedanken zu hören. »Hmmm?«
»Das, was du gesehen hast«, flüsterte ich. Ich wollte es nicht hören, aber ich mußte es wissen. Mir war heiß und kalt, meine Augen brannten, meine Hände waren eisig. Aber ich mußte es hören. So wie Lots Frau vermutlich einfach zurückblicken und die Zerstörung von Sodom sehen mußte.
»Es war ein Vogel«, murmelte er. »Vielleicht ein Falke. Ein Turmfalke. Aber er war groß. Ich hab's nie jemandem erzählt. Man hätte mich in die Klapsmühle gesteckt. Der Vogel war von Flügelspitze zu Flügelspitze etwa 60 Fuß groß. Er hatte die Größe eines japanischen Zeros. Aber ich hab'... ich hab' seine Augen gesehen... und ich glaube... er hat mich auch gesehen. ..«
Sein Kopf fiel zur Seite, in Richtung Fenster, wo die Dämmerung hereinbrach.
»Er schoß herab und packte jenen zurückgebliebenen Mann bei seiner Kutte... und ich hörte den Flügelschlag des Vogels... es hörte sich an wie Feuer... und er schien in der Luft zu stehen... und ich dachte, Vögel können doch nicht in der Luft stehen... aber dieser Vogel konnte es, weil... veil...«
Er verstummte.
»Warum, Daddy?« flüsterte ich. »Warum konnte er in der Luft stehen?«
»Er stand nicht in der Luft«, sagte er.
Ich saß schweigend da und dachte, er wäre eingeschlafen. Ich hatte nie | zuvor im Leben solche Angst gehabt... denn vier Jahre zuvor hatte ich je-I nen Vogel gesehen. Irgendwie, auf eine unvorstellbare Weise, hatte ich die-jsen Alptraum fast vergessen. Mein Vater hatte ihn mir wieder in Erinne-| rung gebracht.