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»Er stand nicht in der Luft«, murmelte er. »Er schwebte. Er schwebte. An jedem Flügel waren riesige Trauben von Luftballons befestigt, und er schwebte.« Mein Vater schlief ein.

i. März 1985

Es ist zurückgekommen. Ich weiß es jetzt. Ich werde noch warten, aber tief im Herzen weiß ich es. Ich bin nicht sicher, ob ich es ertragen kann. Als Kind war ich imstande, es zu verkraften, aber bei Kindern ist das etwas anderes. Etwas grundlegend anderes.

Ich habe das alles letzte Nacht in einem Anflug von Raserei niedergeschrieben - ich hätte aber ohnehin nicht nach Hause gehen können. Derry wurde mit einer dicken Eisschicht überzogen, und obwohl die Sonne schien, bewegte sich nichts.

Ich schrieb bis drei Uhr nachts; meine Feder glitt immer schneller übers Papier. Ich wollte mir endlich alles von der Seele schreiben. Ich hatte den Vogel vergessen gehabt. Erst die Geschichte meines Vaters brachte ihn zurück ... und seitdem vergaß ich ihn nie wieder. Ihn nicht, und all das andere auch nicht. In gewisser Weise war es das letzte Geschenk, das mein Vater mir machte. Ein schreckliches Geschenk, möchte man meinen, aber auf eine ganz besondere Art auch wunderbar.

Ich schlief ein, wo ich war, den Kopf in den Armen, mein Notizbuch und den Füllfederhalter vor mir auf dem Tisch. Heute morgen wachte ich mit taubem Hintern und schmerzendem Rücken auf, fühlte mich aber herrlich frei... befreit von jener alten Geschichte.

Und dann sah ich, daß ich in der Nacht, während ich schlief, Besuch gehabt hatte.

Die Spuren, schwache eingetrocknete Dreckabdrücke, führten von der Eingangstür der Bücherei (die ich abgeschlossen hatte; ich schließe sie immer ab) zum Schreibtisch, wo ich schlief.

Zurück führten keine Spuren.

Was immer es auch gewesen sein mag... es kam in der Nacht, hinterließ seinen Talisman... und verschwand dann einfach.

An meine Leselampe war ein einzelner Luftballon gebunden. Mit Helium gefüllt, schwebte er, beleuchtet von einem Sonnenstrahl, der durch eines der hohen Fenster einfiel.

Auf dem Ballon war mein Gesicht, augenlos - Blut rann aus den Augenhöhlen; und ein Schrei verzerrte den Mund auf der dünnen, gewölbten Gummihaut des Ballons.

Ich starrte ihn an, und ich schrie auf. Der Schrei hallte durch die Bücherei, kam als Echo wieder zurück, versetzte die eiserne Wendeltreppe, die zum Magazin führt, in Vibration.

Der Ballon zerplatzte mit einem lauten Knall.

Dritter Teil

ERWACHSENE 

Zehntes Kapitel

Das Treffen (1985)

l. Bill Denbrough bekommt einen Anruf

Das Telefon klingelte und riß ihn aus einem tiefen, traumlosen Schlaf. Er tastete nach dem Hörer, ohne die Augen zu öffnen. Wenn das Klingeln aufgehört hätte, wäre er mühelos wieder in Schlaf versunken. Seine Finger glitten über die Wählscheibe, rutschten ab, versuchten es von neuem. Er hatte eine dunkle Vorahnung, daß es Mike Hanion sein würde, Mike Hanion, der aus Derry anrief, um ihm zu sagen, er müsse zurückkommen, er müsse sich erinnern, weil sie einmal ein Versprechen abgegeben hätten, weil Stan Uris ihre Handflächen mit der Scherbe einer Colaflasche geritzt hätte und sie ein Versprechen abgegeben hätten...

Nur, daß das alles bereits geschehen war.

Er öffnete ein Auge und griff nach dem Hörer. Doch der glitt ihm aus der Hand und fiel auf den Tisch. Nun öffnete Bill auch das zweite Auge. Er hatte das Gefühl einer totalen Leere in seinem Kopf. Er hatte überhaupt keine Ahnung, wo er war. Und er hatte absolut keine Ahnung, wie spät es war.

Es gelang ihm endlich, den Hörer in die Hand zu nehmen. Er stützte sich auf einen Ellbogen und hielt ihn ans Ohr. »Hallo?«

»Bill?« Es war Mike Hanions Stimme. Noch vor einer Woche hatte er sich überhaupt nicht an Mike erinnert, und nun genügte ein einziges Wort, und er erkannte ihn an der Stimme. Es war erstaunlich... und ziemlich unheimlich.

»Ja, Mike.«

»Ich habe dich wohl aufgeweckt?«

»Ja, das hast du. Macht aber nichts.« An der Wand über dem Fenster hing ein Gemälde, das Hummerfänger in gelben Regenmänteln und -mutzen darstellte, die Hummerfallen auslegten, und als Bill es sah, fiel ihm ein, wo er sich befand. Dies war das Derry Town House auf der oberen Main Street. Eine halbe Meile weiter oben war auf der anderen Straßenseite der Bassey Park... und der Kanal. »Wieviel Uhr ist es, Mike?«

»Viertel vor zehn.«

»Welches Datum?«

»Der 29.« Mike klang ein bißchen amüsiert.

»Ja. Okay.« Nun fiel ihm auch alles andere wieder ein. Landung auf dem Kennedy Airport gestern pünktlich um Viertel vor elf - die Concorde mochte fast bankrott sein, pünktlich war sie immer noch. Delta-Anschluß-flug von New York nach Bangor. Mit dem Bus von Bangor nach Derry, weil weder Hertz noch Avis noch National einen Leihwagen für ihn hatten. Ankunft in Derry bei Sonnenuntergang - er hatte sich wie gerädert gefühlt, sein innerer Kompaß war völlig durcheinander geraten, sein Kopf hatte gedröhnt. Er hatte nicht das geringste Bedürfnis verspürt herumzuschlendern und alte, vertraute Plätze aufzusuchen. Er war schnurstracks ins

Town House gegangen, hatte sich am Empfang eingetragen und war ins Bett gefallen.

»Ich habe ein kleines Treffen arrangiert«, sagte Mike etwas unsicher.

»Ja?« Bill schwang seine Beine aus dem Bett. »Sind alle gekommen?«

»Alle außer Stan Uris«, sagte Mike, und jetzt klang etwas Undefinierbares in seiner Stimme mit. »Bev war die letzte. Sie kam gestern am späten Abend an.«

»Warum sagst du, sie war die letzte, Mike?« fragte Bill. »Stan könnte doch heute noch kommen.«

»Bill, Stan ist tot.«

»Was? Wie ist das passiert? Ist sein Flugzeug...?«

»Nichts Derartiges«, sagte Mike. »Hör mal, wenn es dir recht ist, würde ich lieber bis zum Treffen warten. Es wäre besser, wenn ich es euch allen gleichzeitig erzählen könnte.«

»Hat es damit etwas zu tun?«

»Ich glaube schon.« Nach kurzem Schweigen verbesserte er sich: »Ich bin mir da ganz sicher.«

Bill spürte, wie die vertraute Klammer der Angst wieder sein Herz zusammenpreßte - war sie demnach etwas, an das man sich so rasch gewöhnen konnte? Oder hatte er sie immer mit sich herumgetragen und sie einfach nicht bemerkt, nicht an sie gedacht - ebensowenig wie an die unausweichliche Tatsache seines eigenen Todes?

Er griff nach seinen Zigaretten, zündete eine an und blies das Streichholz aus.

»Okay«, sagte er. »Wo findet unser Treffen statt?«

»Erinnerst du dich noch, wo die alte Eisenhütte war?«

»Na klar - Pasture Road.«

»Du bist leider nicht auf dem laufenden, alter Junge. Sie heißt jetzt Mall Road. Wir haben hier das drittgrößte Einkaufszentrum des ganzen Staates. >48 verschiedene Geschäfte unter einem Dach, damit Sie bequem einkaufen können».«

»Hört sich wirklich sehr a-a-amerikanisch an.«

»Bill?«

»Was?«

»Geht's dir gut?«

»Ja.« Aber er hatte Herzklopfen, und das Ende seiner Zigarette zitterte etwas. Er hatte gestottert. Und Mike hatte es gehört.

Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann sagte Mike: »Gleich hinter dem Einkaufszentrum gibt es ein Restaurant namens >Jade of the Oriente Sie haben dort Räume für geschlossene Gesellschaften. Ich habe gestern einen reservieren lassen. Wir können den ganzen Nachmittag dort bleiben, wenn wir wollen.«

»Glaubst du, daß es so lange dauern wird?«