»Ich weiß es nicht.«
»Wird ein Taxifahrer wissen, wie man hinkommt?«
»Klar.«
»Okay«, sagte Bill und notierte sich den Namen des Restaurants. »Warum ausgerechnet dort?«
»Weil es neu ist, glaube ich«, antwortete Mike langsam. »Ich hatte das Gefühl, es sei... wie soll ich es ausdrücken...«
»Neutraler Boden?« schlug Bill vor.
»Ja. Ich glaube, das war's.«
»Ist das Essen dort gut?«
»Keine Ahnung«, gab Mike zu. »Wie steht's denn nun mit deinem Appetit?«
Bill stieß eine Rauchwolke aus, hustete und lachte. »Nicht besonders, alter Mikey.«
»Jaaa«, sagte Mike. »Ich glaube, ich habe in den letzten fünf, sechs Monaten die Idealdiät entdeckt, Bill. Sie heißt Angst.«
»Um zwölf?«
»Eher so gegen eins. Beverly soll noch ein bißchen ausschlafen können.«
Bill drückte die Zigarette aus. »Ist sie verheiratet?«
Mike zögerte wieder. »Das werden wir alles bald hören.«
»Ganz, wie wenn man nach zehn Jahren zum High-School-Klassentref-fen geht, was?« sagte Bill. »Interessant zu sehen, wer fett geworden ist, wer eine Glatze bekommen hat, wer Kinder in die Welt gesetzt hat.«
»Ich wünschte, unser Treffen diente nur diesem Zweck.«
»Ja, ich auch, Mikey. Ich auch.«
Er legte den Hörer auf, duschte ausgiebig und bestellte ein Frühstück, auf das er gar keinen Appetit hatte, und das er kaum anrührte. Mike hatte recht
- Angst war eine gute Diät.
2. Bills Taxifahrt
Bill kam um zehn nach eins im >Jade of the Orient< an. Er hatte bei der Yellow Gab Company angerufen und für Viertel vor eins ein Taxi bestellt, das ihn im Town House abholen sollte. Er hatte gedacht, daß eine Viertelstunde leicht ausreichen würde, um zur Pasture Road zu gelangen (er konnte sich an den Namen Mall Road einfach nicht gewöhnen, nicht einmal, als er das Einkaufszentrum dann sah), aber er hatte das hohe Verkehrsaufkommen zur Mittagszeit unterschätzt... und das Wachstum von Derry in den vergangenen 25 Jahren.
1958 war es eine große Kleinstadt gewesen. Innerhalb der eingetragenen Stadtgrenzen hatte es etwa 30000 Einwohner gezählt, und außerhalb derselben - in Derrytown, wie diese Randbezirke hießen - weitere 7000.
Jetzt war es eine kleine Großstadt - sehr klein im Vergleich zu London oder New York, aber ganz ordentlich für Maine, wo Portland, die größte Stadt des Staates, nicht ganz 200000 Einwohner hatte.
Während das Taxi langsam die Main Street hinabfuhr (wir sind jetzt über dem Kanal, dachte Bill; man kann ihn nicht sehen, aber er ist da unten, fließt im Dunkeln dahin) und dann in die Center Street abbog, registrierte er erstaunt, wieviel sich hier verändert hatte, und er verspürte darüber ein Bedauern, das ihn selbst überraschte. Er hatte seine hier verbrachte Kindheit als problematische, angsterfüllte Zeit in Erinnerung... nicht nur wegen des Sommers 1958, als sie zu siebt mit dem Bösen konfrontiert worden waren,
sondern auch wegen Georgies Tod, des ständigen Spotts über sein Stottern, der Verfolgungen durch Bowers, Huggins und Criss nach jener Steinschlacht in den Barrens - das war Anfang Juli gewesen, kurz bevor er und Ben und Richie die Silberkugeln gegossen hatten - und wegen des allgemeinen Gefühls, daß Derry kalt und unfreundlich war, daß Derry sich einen Dreck darum kümmerte, ob sie lebten oder starben, ob sie Pennywise, den Clown (in Ermangelung eines besseren Namens), besiegten oder nicht. Derry hatte schon so lange mit Pennywise gelebt... und vielleicht hatte die Stadt mit der Zeit - so verrückt sich das auch anhören mochte - sogar Verständnis für ihn aufgebracht. Vielleicht mochte sie ihn, brauchte sie ihn. Liebte ihn gar? Ja, vielleicht liebte sie ihn sogar.
Weshalb dann also dieses Bedauern über die Veränderungen?
Vielleicht nur, weil es so stupide Veränderungen waren. So sinnlos und doch zugleich so typisch. Oder vielleicht auch deshalb, weil Derry für ihn sein charakteristisches Aussehen verloren hatte.
Das >Bijou Theater< war verschwunden - ein Parkplatz befand sich jetzt an dieser Stelle. Auch das >Shoe-Boat< (das Carter Clark gehört hatte, dem Vater der berühmten Clark-Zwillinge, Calvin und Cissy) und daneben >Bai-ley's Lunch< gab es nicht mehr. Eine Filiale der Northern National Bank machte sich dort jetzt breit. Über ihrem Eingang prangte eine riesige Digitaltafel mit Zeit- und Temperaturanzeige, letztere sowohl in Fahrenheit als auch in Celsius. Der Center Street Drugstore, wo Bill einst Eddies Asthmamedizin besorgt hatte, war auch verschwunden, ebenso wie die Richard's Alley, ein Gäßchen zwischen Center und Main Street. Da war jetzt etwas entstanden, das > Mini-Einkaufscenter« hieß. Während das Taxi an einer Ampel halten mußte, entdeckte Bill unter anderem ein Schallplattengeschäft, einen Naturkostladen und eine Spielzeughandlung.
Mit einem Ruck fuhr das Taxi wieder an. »Wird 'n Weilchen dauern«, sagte der Fahrer. »Ich wünschte, diese ganzen gottverdammten Banken würden nicht alle zur selben Zeit Mittagspause machen. Nichts für ungut, falls Sie 'n frommer Mensch sind.«
»Macht nichts«, sagte Bill. Draußen war es bewölkt, und ein paar Regentropfen fielen auf die Windschutzscheiben des Wagens. »Wann hat man denn diese ganzen Bankkästen gebaut?«
»Oh, die meisten Ende der 6oer, Anfang der 70er Jahre«, antwortete der Fahrer. Er war ein großer, kräftiger Mann mit einem Stiernacken. Er trug ein rotschwarzkariertes Jagdjackett. Auf dem Kopf hatte er eine leuchtend orangefarbene Kappe, die mit Maschinenöl beschmutzt war. »Sie haben diese Geldmittel zur Stadtsanierung bekommen und alles einfach abgerissen. Und dann sind die Banken reingekommen. Ich nehm an, sie waren die einzigen, die sich das leisten konnten. Eine Schande ist das! Und so was nennt sich Stadtsanierung! Ich nenne es einfach totale gottverdammte Scheiße! Nichts für ungut, falls Sie 'n frommer Mensch sind. Was haben sie nicht alles geredet von wegen toller Belebung der Innenstadt und all so was. Schöne Belebung! Die meisten alten Geschäfte haben sie niedergerissen und 'n Haufen Banken und Parkplätze hingestellt. Und trotzdem findet man nirgends 'n gottverdammten Parkplatz. An den Schwänzen aufhängen sollte man den ganzen Stadtrat! Mit Ausnahme dieses Polock-Weibes -das müßte man an den Titten aufhängen! Aber wenn ich's mir genau überleg, glaub ich, sie hat gar keine. Platt wie 'ne gottverdammte Flunder. Nichts für ungut, falls Sie 'n frommer Mensch sind.«
»Bin ich«, sagte Bill grinsend.
»Dann machen Sie, daß Sie aus mei'm Taxi rauskommen und geh'n Sie in Ihre gottverdammte Kirche«, sagte der Fahrer, und sie brachen beide in schallendes Gelächter aus.
»Leben Sie schon lange hier?« fragte Bill.
»Seit meiner Geburt im St. Joe's. Und eines Tages wird man meine gottverdammten Überreste auf dem Mount Hope Cemetary einbuddeln.«
»Nicht schlecht«, sagte Bill.
»Find' ich auch«, meinte der Taxifahrer. Er räusperte sich, kurbelte sein Fenster herunter und spuckte in den Wind.
»Alles hat sich aber doch nicht verändert«, sagte Bill, während er die deprimierende Ansammlung von Banken und Parkplätzen auf der rechten Seite der Center Street betrachtete. Auf der Höhe des Hügels angelangt, kam das Taxi endlich etwas schneller vorwärts. »Das >Aladdin< existiert immer noch.«
»Jaaa«, mußte der Fahrer zugeben. »Aber auch das wollten diese Superarschlöcher niederreißen.«
»Für ein weiteres Bankgebäude?« fragte Bill, und ein Teil von ihm amüsierte sich darüber, daß ein anderer Teil von ihm empört war. Er konnte nicht glauben, daß jemand, der bei Verstand war, diesen prächtigen Vergnügungspalast abreißen lassen wollte, dieses Wunderwerk mit seinem funkelnden Kronleuchter aus Glas, den breiten Treppen rechts und links, die zum Balkon emporführten, und dem grünen Vorhang, der bei Beginn der Vorstellung nicht einfach aufgezogen wurde, sondern sich in großen Falten wie durch Zauberei hob. Nicht das Aladdin, rief jener empörte Teil von ihm. Wie konnten sie jemals auch nur im Traum daran denken, das Aladdin für eine Bank abzureißen?