»Tun Sie das«, sagte Dave lachend. »Alles Gute, Mister.«
»Ihnen auch, Dave.«
Er stand einen Augenblick im Nieselregen und blickte dem Taxi nach. Ihm fiel ein, daß er den Fahrer noch etwas hatte fragen wollen, es dann aber vergessen hatte - vielleicht absichtlich.
Er hatte Dave fragen wollen, ob er gern in Derry lebte.
Bill Denbrough drehte sich abrupt um und betrat das >Jade of the Oriente Mike saß im Foyer in einem Korbstuhl mit übertrieben hoher Rückenlehne. Zuerst dachte Bill, daß nur der große Korbstuhl Mike so klein wirken ließ, aber als Mike aufstand, versetzte es ihm einen Schock, und er mußte an Mikes Worte am Telefon denken: daß Angst die wirksamste Diät sei.
Er hatte immer noch einen Jungen vor Augen gehabt, der fünf Fuß drei groß, hübsch und sehr flink war. Und jetzt stand ein Mann vor ihm, der etwa fünf Fuß sieben groß und sehr mager war. Die Kleider schlotterten ihm am Leibe. Und die Falten in seinem Gesicht deuteten eher auf Ende Vierzig als auf Ende Dreißig hin.
Mike mußte ihm seinen Schrecken am Gesicht angesehen haben, denn er sagte ruhig: »Ich weiß, wie ich aussehe.«
Errötend widersprach Bill. »Das ist es nicht, Mike. Es ist einfach so, daß ich dich immer noch als Jungen vor Augen hatte. Weiter nichts.«
»Wirklich nicht?«
»Du siehst etwas müde aus.«
»Ich bin etwas müde«, sagte Mike, »aber ich werd's überleben, nehm' ich an.« Er lächelte; es war ein warmes Lächeln, das sein ganzes Gesicht verwandelte, und nun erkannte Bill wieder den Jungen, den er vor 27 Jahren gekannt hatte. So wie das alte Fachwerkgebäude des Krankenhauses zwischen den modernen Glas- und Betonbauten fast verschwand, so war auch der Junge, den Bill einst gekannt hatte, unter den unausweichlichen Accessoires des Erwachsenseins fast verschwunden. Er hatte Stirnfalten, tiefe Linien führten von den Mundwinkeln zum Kinn, und über den Ohren wurde sein Haar schon grau. Aber ebenso wie das alte Krankenhaus immer noch da war, immer noch zu sehen war, so auch der Junge, den Bill gekannt hatte.
Mike streckte die Hand aus und sagte: »Willkommen in Derry, Big Bill.«
Bill achtete nicht weiter auf die ausgestreckte Hand und umarmte Mike. Auch Mike umarmte ihn nun kräftig, und Bill spürte sein festes, krauses Haar an seiner Schulter und an seinem Hals.
»Was auch immer los sein mag, Mike, wir werden uns darum kümmern«, sagte Bill. Er hörte, daß seine Stimme rauh vor Tränen war, aber das machte ihm nichts aus. »Wir haben Es schon einmal besiegt, und wir k-k-können es w-wieder b-b-besiegen.«
Mike löste sich aus der Umarmung, und obwohl er immer noch lächelte, hatten seine Augen jetzt einen verdächtigen Glanz. Er zog ein Taschentuch heraus und wischte sie ab. »Klar, Bill«, sagte er. »Jede Wette.«
»Würden die Herren mir bitte folgen?« fragte die Empfangsdame. Sie war eine Orientalin in einem aparten pinkfarbenen Kimono mit gesticktem Drachen, dessen Schwanz paillettenbesetzt war. Ihr dunkles Haar war kunstvoll hochgesteckt und wurde von Elfenbeinkämmen gehalten.
»Ich kenne den Weg, Rose«, sagte Mike.
»Ausgezeichnet, Mr. Hanion.« Sie lächelte die beiden Männer an. »Sie sind wohl sehr gute Freunde?«
»Ich glaube schon«, sagte Mike. »Hier entlang, Bill.« '•
Er führte ihn einen matt beleuchteten Korridor entlang, vorbei am großen Speisesaal, auf eine Tür zu, die durch einen Perlenschnurvorhang halb verdeckt war.
»Sind die anderen...?«
»Sie sind alle da«, erwiderte Mike. »Alle, die kommen konnten.«
Bill blieb einen Augenblick lang zögernd vor der Tür stehen. Plötzlich hatte er Angst. Nicht vor dem Unbekannten, dem Übernatürlichen. Es war einfach das Bewußtsein, daß er seit damals um 15 Zoll gewachsen war und den größten Teil seiner Haare verloren hatte. Es war ein plötzliches Unbehagen - fast schon Schrecken - bei dem Gedanken, sie alle wiederzusehen, die Kindergesichter durch den Zahn der Zeit fast verschwunden, fast begraben. Er wußte, sie anzuschauen bedeutete, dem lauernden Tod in seinem eigenen Innern ins Auge zu blicken, der unaufhaltsam näher rückte.
Er sah Mike verunsichert und ängstlich an. »Wie sehen sie aus?« hörte er sich fragen. »Mike... wie sehen sie aus?«
»Geh rein, dann weißt du's«, sagte Mike sanft und führte Bill in den kleinen Nebenraum.
3. Bill Denbroughs erste Eindrücke
Vielleicht bewirkte die matte Beleuchtung jene Illusion, die nur ganz kurz anhielt, aber Bill fragte sich später, ob es nicht eine ausschließlich für ihn bestimmte Botschaft gewesen war: daß das Schicksal auch gütig sein konnte.
In jenem kurzen Moment kam es ihm so vor, als wäre er nicht nur über eine Türschwelle getreten, sondern auch über eine Zeitschwelle - so als wären sie alle noch ganz die alten.
Richie Tozier räkelte sich ungezwungen auf seinem Stuhl und sagte gerade etwas zu Beverly Marsh, die sich eine Hand vor den Mund hielt, um ein Kichern zu verbergen; Richie grinste wie früher unverschämt übers ganze Gesicht. Links von Beverly saß Eddie Kaspbrak, und vor ihm auf dem Tisch, neben seinem Wasserglas, lag eine Druckflasche mit einem pistolengriffartigen Aufsatz. Ein Aspirator. An einem Ende des Tisches saß Ben Hanscom und beobachtete das Trio mit jenem altvertrauten Ausdruck, der eine Mischung von Eifer, Amüsement und Konzentration war.
Hallo, hallo, die ganze Bande ist hier versammelt, dachte Bill. Wir alle - das heißt, mit Ausnahme von Stan.
Er wollte sich mit der Hand an den Kopf greifen und erkannte mit melancholischer Belustigung, daß er nahe daran gewesen war zu glauben, er könnte durch ein Wunder sein Haar wieder haben - jenes dünne rote Haar,
das schon in seinem zweiten Collegejahr begonnen hatte, sich zu lichten.
Das brach den Zauber. Richie trug keine Brille mehr, stellte er fest und dachte: Vermutlich hat er jetzt Kontaktlinsen - er haßte seine Brille von jeher. Anstelle der früheren T-Shirts und Kordhosen trug er jetzt einen Anzug, der bestimmt nicht von der Stange war - Bill schätzte diesen Maßanzug auf gut und gern 900 Dollar.
Beverly Marsh (wenn ihr Name noch Marsh war) war eine hinreißend schöne Frau geworden. Statt des einstigen Pferdeschwanzes fiel ihr das Haar - sie hatte fast die gleiche Haarfarbe wie er - offen über die Schultern. Bei dieser schummerigen Beleuchtung glänzte es nur matt und weich; bei Tageslicht - sogar an einem bewölkten Tag wie diesem - mußte es jedoch einer lodernden Flamme gleichen. Und er ertappte sich bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, die Hände in diesem Haar zu vergraben. Die älteste Geschichte der Welt, dachte er ironisch. Ich liebe meine Frau, aber Mann o Mann.
Eddie hatte als Erwachsener eine frappierende Ähnlichkeit mit Anthony Perkins. Sein Gesicht war zerfurchter, als es seinem Alter entsprach (obwohl seine Bewegungen jugendlicher waren als Richies und Bens), und die randlose Brille ließ ihn noch älter erscheinen - es war eine Brille, die gut zu einem angesehenen britischen Rechtsanwalt gepaßt hätte, der gerade in den Akten blättert oder zur Richterbank schreitet. Sein Haar war kurz und altmodisch frisiert; Ende der 50er und Anfang der 6oer Jahre war dieser Schnitt unter dem Namen >Ivy League< sehr verbreitet gewesen. Er trug ein grellkariertes Sportjackett, das aussah, als stammte es aus dem Ausverkauf eines Herrenbekleidungsgeschäfts, das kurz vor der Schließung stand... aber die Digitaluhr an seinem Handgelenk war eine Patek Philippe, und der Ring am kleinen Finger seiner rechten Hand war ein Rubin. Der Stein war so vulgär groß und auffallend, daß er nur echt sein konnte.
Ben war derjenige, der sich am meisten verändert hatte, und als Bill ihn jetzt genauer betrachtete, gewann die Realität endgültig Oberhand in ihm. Bens Gesicht war noch das alte; seine Haare waren jetzt zwar länger, doch er hatte immer noch denselben ungewöhnlichen Rechtsscheitel. Aber er war schlank geworden. Er saß ganz leger da, in einer schlichten dunkelbraunen Strickweste über dem blauen Baumwollhemd, Levis-Jeans, Cowboystiefeln und einem Ledergürtel mit gehämmerter Silberschnalle. Diese Kleidung paßte ausgezeichnet zu seiner schlanken, schmalhüftigen Figur. An einem Handgelenk hatte er ein Armband aus schweren Gliedern - nicht aus Gold, sondern aus Kupfer. Er ist schlank geworden, dachte Bill. Er ist sozusagen nur noch ein Schatten seiner selbst... der gute alte Ben ist schlank geworden. Wunder gibt es immer wieder...