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Zwischen den sechs Menschen herrschte einen Moment lang Schweigen. Es war ein unbeschreiblicher Moment, ein Moment, der zu den seltsamsten gehörte, die Bill bisher erlebt hatte. Stan Uris war nicht hier, aber ein Siebenter war dennoch anwesend - die Zeit, deren Gegenwart in diesem Nebenzimmer eines Restaurants so greifbar war, als stünde sie personifiziert vor ihnen - doch nicht als alter Mann in weißem Gewand mit einer Sense über der Schulter. Vielmehr als all das, was zwischen 1958 und 1985 lag -und was mochte das alles sein? Beverly Marsh in einem kurzen Rock, der ihre langen prachtvollen Beine zur Schau stellte, eine Beverly Marsh in weißen Go-Go-Stiefeln, mit in der Mitte gescheitelten, glattgekämmten Haaren? Richie Tozier mit einem Plakat, das die Aufschrift beendet den krieg trug? Ben Hanscom mit einem gelben Helm auf dem Kopf, einen Bulldozer fahrend, ohne Hemd, der über seiner Hose hängende Bauch immer kleiner werdend? War diese siebente Person schwarz? Mit dem legendären SwingNigger hatte dieser junge Mann keinerlei Ähnlichkeit; er trug weiße Hemden und verblichene weite Hosen aus dem Kaufhaus, und er saß in der Bibliothek der University of Maine und schrieb Abhandlungen über die Entstehung von Fußnoten und über die möglichen Vorteile von ISBN-Num-mern bei der Katalogisierung von Büchern, während draußen Protestmärsche stattfanden, Phil Ochs sang: »Richard Nixon, find yourself another country to be part of«, und Männer mit heraushängenden Gedärmen starben, für Dörfer, deren Namen sie nicht einmal aussprechen konnten; er saß da, eifrig über seine Arbeit gebeugt (Bill sah ihn direkt), mit konzentriertem Gesichtsausdruck, sich der Tatsache voll bewußt, daß man als Bibliothekar dem besten Platz in der Lokomotive der Ewigkeit so nahe kommt, wie es einem Menschen überhaupt nur möglich ist. War das der Siebente? Oder war es ein junger Mann, der vor dem Spiegel stand und seine immer höher werdende Stirn betrachtete, der die zahlreichen ausgekämmten roten Haare betrachtete, der im Spiegel den Stapel Notizbücher auf dem Schreibtisch betrachtete, Notizbücher, die den fertiggestellten wirren ersten Entwurf eines Romans mit dem Titel >]oanna< enthielten, der ein Jahr später veröffentlicht wurde?

Einiges davon, alles oder auch nichts davon.

Eigentlich spielte das auch keine Rolle. Jener Siebente war mit ihnen in diesem Zimmer, und in diesem Moment spürten sie das alle... und verstanden die schreckliche Macht von dem, was sie zurückgeführt hatte. Es lebt, dachte Bill, und ihn fröstelte. Was immer Es auch gewesen sein mag, Es ist wieder hier, in Derry. Es.

Und er spürte plötzlich, daß Es der Siebente war; daß Es und Zeit irgendwie austauschbare Größen waren, daß Es auch ihre Gesichter annehmen konnte, ebenso wie die tausend anderen, unter denen Es Entsetzen verbreitet und gemordet hatte... und der Gedanke, daß Es ihre Gestalt annehmen könnte, war irgendwie am erschreckendsten. Wieviel von uns blieb hier zurück? dachte er mit plötzlich aufsteigendem Entsetzen. Wieviel von uns hat nie die Abflußkanäle verlassen, in denen Es lebte... in denen Es sich ernährte? Haben wir deshalb vergessen? Weil ein Teil von jedem von uns nie erwachsen wurde, Derry nie verließ? Ist das der Grund?

Er sah keine Antwort in den Gesichtern der anderen... nur Fragen.

Gedanken kommen und gehen innerhalb von Sekunden oder Millisekunden, und dies alles schoß Bill Denbrough in nicht mehr als fünf Sekunden durch den Kopf.

Dann grinste Richie Tozier wieder und sagte: »Oh, schaut euch das nur mal an! Das ist doch tatsächlich Rundschädel Bill Denbrough. Wie lange hast du deinen Kopf poliert, Big Bill?«

Und Bill, der keine Ahnung hatte, was er darauf erwidern sollte, öffnete den Mund und hörte sich sagen: »Ach, beiß dich selbst in den Arsch, und ebenso den Gaul, auf dem du hergeritten bist, Richie.«

Einen Moment lang herrschte Schweigen... und dann dröhnte das Zimmer vor schallendem Gelächter. Bill ging auf sie zu und schüttelte Hände, und obwohl sein Gefühl dabei etwas Schreckliches an sich hatte, so war es doch zugleich auch angenehm und tröstlich: dieses Gefühl, heimgekehrt zu sein. Für immer heimgekehrt zu sein.

4. Ben Hanscom wird schlank

Mike Hanion bestellte Getränke, und nun begannen alle durcheinander zu reden, so als wollten sie das kurze Schweigen wettmachen. Es stellte sich heraus, daß Beverly Marsh jetzt Beverly Huggins hieß. Sie sei, erzählte sie, mit einem wunderbaren Mann in Chicago verheiratet, der ihr ganzes Leben verändert habe, und dem es wie durch Zauberei gelungen sei, das einfache Nähtalent seiner Frau in ein erfolgreiches Bekleidungsgeschäft zu verwandeln. Eddie Kaspbrak hatte ein Mietwagen-Unternehmen in New York. »Soviel ich weiß, könnte meine Frau jetzt gerade mit AI Pacino im Bett liegen«, sagte er mit leichtem Lächeln, und alle lachten schallend.

Alle wußten natürlich, was Bill und Ben erreicht hatten, aber Bill wurde das Gefühl nicht los, daß sie diese Namen - Bens als Architekt, seinen eigenen als Schriftsteller - bis vor ganz, ganz kurzer Zeit nicht mit ihren Freunden der Kindheit assoziiert hatten. Beverly hatte Taschenbuchausgaben von zwei seiner Romane in ihrer Handtasche und bat ihn, sie zu signieren. Bill tat es und stellte dabei fest, daß beide Bücher in tadellosem Zustand waren - als hätte Beverly sie nach der Landung in einem Flughafen-Buchladen gekauft.

In ähnlicher Weise sagte Richie zu Ben, wie sehr er das BBC-Kommu-nikationszentrum in London bewundere... aber seine Augen hatten dabei einen etwas verwirrten Ausdruck, so als könnte er jenes Gebäude nicht ganz in Einklang mit diesem Mann bringen... oder mit dem fetten, ernsthaften Jungen, der ihnen gezeigt hatte, wie man einen Teil der Barrens mit geklauten Brettern und einer rostigen Autotür überschwemmen konnte.

Richie war Disc-Jockey in Kalifornien. Er erzählte ihnen, er sei bekannt als >Mann der tausend Stimmen<, und Bill stöhnte. »O Gott, Richie, deine Stimmen waren immer so schrecklich.« Als Beverly Richie fragte, ob er jetzt Kontaktlinsen hätte, sagte er leise: »Komm ein bißchen näher, Baby. Schau mir in die Augen.« Er legte den Kopf ein wenig schief, und sie rief begeistert, daß sie den unteren Rand der Kontaktlinsen sehen könne.

»Ist in der Bücherei noch alles beim alten?« fragte Ben Mike Hanion.

Mike holte aus seiner Brieftasche eine Luftaufnahme der Bücherei. »Ein Bekannter hat's von einem Sportflugzeug aus gemacht«, erklärte er, während das Foto von Hand zu Hand ging. »Ich hab' versucht, den Stadtrat oder irgendeinen wohlbetuchten Privatmann dazu zu bringen, eine Spende zu machen, um es für die Kinderbücherei auf Wandgröße abziehen zu lassen. Bisher ohne Erfolg. Aber es ist ein gutes Foto, nicht wahr?«

Alle stimmten ihm zu. Ben betrachtete das Foto am längsten. Schließlich deutete er auf den Glaskorridor zwischen den beiden Gebäuden. »Hast du so was schon mal woanders gesehen, Mike?«

Mike lächelte. »Bei deinem Kommunikationszentrum«, sagte er, und wieder mußten alle sechs lachen.

Die Getränke wurden serviert, und sie setzten sich. Bill stellte fest, daß es zumindest bei den Getränken keine Überraschungen gab - alle hatten genau das bestellt, was er von ihnen erwartet hätte: Bev eine Weißweinschorle, Ben und Mike Bier vom Faß, Richie einen Chivas Regal on the rocks, er selbst einen Martini.