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Er sagte, wenn ich nicht sofort verschwände, würde er Kleinholz aus mir machen.« Ben lächelte ein wenig... aber es war kein frohes Lächeln. »Das waren seine genauen Worte. Inzwischen spitzten alle schon die Ohren, einschließlich der beiden Jungen, die ich besiegt hatte. Beide sahen total verwirrt und verlegen aus. Deshalb sagte ich nur: >Ich werde Ihnen mal was sagen, Herr Lehrer. Ich halte Ihnen einiges zugute, weil Sie einfach ein lausiger Verlierer sind, aber zu alt, um sich noch ändern zu können. Doch wenn Sie mir noch einmal ein Haar krümmen, werde ich alles daran setzen, daß Sie Ihren Job verlieren. Ich bin nicht sicher, ob ich das schaffe, aber versuchen könnte ich's jedenfalls. Ich habe abgenommen, um etwas Ruhe und Achtung genießen zu können. Für solche Dinge lohnt es sich zu kämpfend«

Bill hörte sich sagen: »Das klingt ja alles großartig, Ben... aber der Schriftsteller in mir fragt sich, ob ein Kind wirklich jemals so geredet hat.«

Ben nickte, immer noch mit jenem freudlosen Lächeln. »Ich bezweifle auch, daß ein Kind das je getan hat - jedenfalls ein Kind, das nicht das durchgemacht hat, was wir durchgemacht hatten. Aber ich hab's gesagt... und ich habe es völlig ernst gemeint.«

Bill dachte darüber nach, dann nickte er seinerseits. »Okay, das leuchtet mir ein.«

»Woodleigh stand da, die Hände auf die Hüften gestemmt«, fuhr Ben fort. »Er öffnete den Mund, dann schloß er ihn wieder. Niemand sagte etwas. Ich entfernte mich, und seitdem hatte ich mit ihm nichts mehr zu schaffen. Auf diese Weise hab ich also abgenommen. Den Anstoß dazu gab mir Woodleigh... doch es war der Gedanke an euch, der mich wirklich daran glauben ließ, daß ich es schaffen konnte. Und ich hab's dann ja auch geschafft.« Er zuckte die Achseln, aber Bill glaubte, an seinem Haaransatz feine Schweißperlen zu erkennen. »Ende der Beichte. Jetzt könnte ich noch ein Bier vertragen. Reden macht durstig.«

»Bittet, so wird euch gegeben«, sagte Mike und winkte der Kellnerin.

Alle bestellten noch etwas zu trinken und redeten über Nebensächlichkeiten, bis die Drinks kamen. Bill spielte mit seinem Martiniglas und beobachtete den leicht öligen Glanz des Gins und die Olive, die größer zu werden schien, wenn sie dem ihm am nächsten Punkt des Glases zuschwamm. Das wäre ein großartiger Titel für ein Gemälde. Amüsiert und zugleich erschrocken registrierte er, daß er hoffte, jemand würde noch eine Geschichte aus den Jahren erzählen, in denen sie sich nicht gesehen hatten - er wünschte, Beverly würde ihnen von dem wunderbaren Mann erzählen, den sie geheiratet hatte (sogar wenn er langweilig war, wie die meisten wunderbaren Männer das zu sein pflegen), oder Richie würde sich über >Lustige Zwischenfälle im Rundfunkstudio< verbreiten, oder Eddie würde ihnen erzählen, wie Teddy Kennedy in Wirklichkeit ist, wieviel Trinkgeld Robert Redford gibt... oder ihnen irgendwie verständlich machen, warum er immer noch von seinem Aspirator abhängig war, während Ben es geschafft hatte, sein Übergewicht loszuwerden.

Tatsache ist, dachte Bill, daß Mike jetzt jeden Moment das Wort ergreifen wird, und ich bin mir nicht sicher, ob ich hören will, was er zu sagen hat. Tatsache ist, daß mein Puls etwas zu schnell ist und meine Hände etwas zu kalt sind. Tatsache ist, daß ich 25 Jahre zu alt bin, um solche Schreckensnachrichten zu hören. Wir alle sind zu alt cazu. Also sagt schon was, irgendwer, irgendwas. Reden wir über Karrieren und Ehepartner und wie es ist, alte Knderfreunde wiederzusehen und zu erkennen, daß man von der Zeit ein paar ganz ordentliche Schläge auf die Nase abbekommen hat. Reden wir über Sex, Baseball, die Benzinpreise, die Zukunft der Staaten des Warschauer Pakts. Über alles mögliche, nur nicht über das, was uns hierhergeführt hat. So sag doch jemand was!

Und jemand sagte tatsächlich etwas - Eddie Kaspbrak. Aber es war nicht das, was Bill sich gewünscht hatte.

»Wann ist Stan Uris gestorben, Mike?«

»Vor zwei Tagen.«

»Hatte es etwas mit... mit dem zu tun, weshalb wir jetzt hier sind?«

»Ich könnte natürlich ausweichend antworten, daß niemand das genau wissen kann, weil Stan keinen Brief hinterlassen hat«, sagte Mike. Er sprach langsam und mit großem Ernst. »Aber da es kurz nach meinem Anruf passiert ist, glaube ich es mit fast hundertprozentiger Sicherheit annehmen zu dürfen.«

»Er hat sich umgebracht, nicht wahr?« fragte Beverly tonlos. »O mein Gott, armer Stan!«

Die anderen schauten alle Mike an, der sein Bier austrank und dann sagte: »Ja, er hat Selbstmord begangen. Offenbar hat er sich kurz nach meinem Anruf ins Bad begeben, hat Wasser in die Wanne eingelassen, sich hineingesetzt und sich die Pulsadern aufgeschnitten.«

Bill blickte in die Runde und sah nur bleiche, entsetzte Gesichter am Tisch

- keine Körper, nur diese Gesichter. Wie weiße Kreise. Wie weiße Ballons, gebunden durch ein altes Versprechen, das eigentlich schon längst hätte verjähren müssen.

»Wie hast du es erfahren?« fragte Richie. »Stand es in den hiesigen Zeitungen?«

»Nein«, erwiderte Mike. »Ich beziehe schon seit längerem die Zeitungen eurer Wohnorte. Ich habe euch über all die Jahre hinweg nicht aus den Augen verloren.«

»>Ich der Spion<«, kommentierte Richie säuerlich. »Danke, Mike.«

»Es war meine Pflicht«, sagte Mike schlicht.

»Armer Stan«, wiederholte Beverly. Sie schien die Nachricht nicht verkraften zu können, war wie betäubt. »Aber er war doch so tapfer... damals. So... so entschlossen.«

»Die Menschen verändern sich«, meinte Eddie.

»Wirklich?« fragte Bill. »Stan war...« Er strich mit den Händen übers Tischtuch und versuchte, die richtigen Worte zu finden. »Er war ein ordnungsliebender Mensch. Er gehörte zu jener Kategorie, die ihre Bücher auf den Regalen streng nach Belletristik und Sachbüchern trennt... und jede Abteilung alphabetisch ordnet. Vielleicht war es einfach zu viel für ihn, als Mike anrief. Vielleicht verändern sich die Menschen gar nicht so sehr, wie wir oft glauben. Vielleicht... vielleicht werden sie nur unflexibler.«

Nach kurzem Schweigen sagte Richie: »Okay, Mike. Was passiert hier in Derry? Erzähl's uns.«

»Ich kann euch einiges erzählen«, sagte Mike. »Ich kann euch beispielsweise erzählen, was zur Zeit passiert - und ich kann euch ein paar Dinge über euch selbst erzählen. Aber ich kann euch nicht alles erzählen, was damals im Sommer 1958 passiert ist, und ich glaube auch nicht, daß das notwendig sein wird. Es wird euch schließlich von allein einfallen. Und ich glaube, wenn ich euch jetzt zuviel erzählen würde, bevor ihr in der Lage seid, euch selbst zu erinnern, dann könnte...«

»... uns das gleiche passieren wie Stan?« fragte Bill ruhig.

Mike nickte. »Ja. Genau davor habe ich Angst.«

»Dann erzähl uns, soviel du kannst, Mike«, forderte Bill ihn auf.

»In Ordnung«, sagte Mike.

5. Der Klub der Verlierer wird aufgeklärt

»Die Morde haben wieder angefangen«, begann Mike leise.

Er schaute jeden an, dann heftete er seinen Blick auf Bill.

»Der erste der neuen Morde - wenn ich sie so nennen darf, obwohl es sich gräßlich anhört - begann auf der Main Street Bridge und endete unter dieser Brücke. Das Opfer war ein homosexueller und etwas kindlicher Mann namens Adrian Mellon. Er litt unter Asthma.«

Eddie streckte die Hand aus und berührte seinen Aspirator.

»Es geschah am Abend des 21. Juli, dem letzten Abend des Kanal-Festivals, einer Art Stadtfest...«

Er berichtete ihnen in Kurzform, was Adrian Mellon zugestoßen war, und sah, wie ihre Augen immer größer, ihre Gesichter immer bestürzter wurden. Er erzählte ihnen, was in den >Derry News< gestanden hatte und was nicht... er erzählte ihnen von den ersten Aussagen Don Hagartys und Chris Unwins, sie hätten unter der Brücke einen Clown gesehen, der - Hagarty zufolge - ausgeschaut hätte wie eine Mischung zwischen Ronald McDonald und Bozo.