Wenn du Hilfe brauchst, Don, dann bedien dich mit einem Luftballon. Sie schweben. Hier unten schweben wir alle...
»Das war er«, sagte Ben mit belegter, heiserer Stimme. »Das war dieser verdammte Pennywise.«
»Da ist auch noch etwas anderes«, sagte Mike und blickte Bill an. »Einer der Polizeibeamten, die den Mord untersuchten, war Harold Gardener. Er war es, der Adrian Mellon aus dem Kanal holte.«
»O mein Gott«, murmelte Bill erschüttert.
»Bill?« Beverly legte ihm eine Hand auf den Arm. Ihre Stimme klang bestürzt und beunruhigt. »Bill, was ist los?«
»Harold mußte damals etwa fünf gewesen sein«, sagte Bill benommen und sah Mike fragend an.
»Ja.«
»Was ist, Bill?« fragte nun auch Richie.
»H-H-Harold Gardener war der Sohn von Dave Gardener«, erklärte Bill. »Dave wohnte 1957 in unserer Nähe. Er war damals als erster bei G-G-G-G... bei meinem Bruder, und er brachte ihn in eine Decke gehüllt zu uns zurück.«
Sie saßen wortlos da. Beverly legte kurz eine Hand über ihre Augen.
»Es paßt alles ein bißchen zu gut, nicht wahr?« sagte Mike schließlich.
»Ja«, murmelte Bill. »Das kann man wohl sagen.«
»Die Sache geht aber noch weiter. Im Oktober 1984 wurde die Leiche von Lisa Albrecht im Witcham Park gefunden - keine halbe Meile von der Stelle entfernt, wo George ermordet wurde - und es geschah am gleichen Tag. Dein Bruder starb am 18. Oktober 1957- die kleine Albrecht am 18. Oktober 1984.«
Bill konnte ihn nur noch völlig fassungslos anstarren.
»Ich habe euch sechs in all den Jahren immer im Auge behalten, wie ich euch schon erzählt habe«, fuhr Mike fort, »aber erst damals begann ich zu verstehen, warum ich das getan hatte - daß ich dafür einen ganz konkreten Grund hatte. Trotzdem beschloß ich abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln würden. Wißt ihr, ich hatte das Gefühl, absolut sicher sein zu müssen, bevor ich... bevor ich euer Leben durcheinanderbrachte. Nicht zu 90 Prozent sicher, auch nicht zu 99 Prozent. Ich mußte hundertprozentig sicher ein.
Im Dezember des Vorjahres wurde ein achtjähriger Junge namens Steven Johnson auf der Outer Jackson Street gefunden, auf der Straßenseite der Autobahnauffahrt. Wie Adrian Mellon und das Albrecht-Mädchen, so war auch er gräßlich verstümmelt. Nicht sexuell mißbraucht, sondern verstümmelt.«
»War das die Stelle, wo 1957 das Ripsom-Mädchen gefunden wurde?« fragte Beverly. Sie war unter ihrer roten Haarsträhne fast durchscheinend bleich. »Es war dieselbe Stelle, nicht wahr?«
»Ja, in etwa«, bestätigte Mike. »Obwohl die Autobahn damals ja erst im Bau war. Aber du hast recht: das Muster ist deutlich zu erkennen.«
»Wieviel insgesamt?« fragte Eddie. Er sah nicht so aus als wollte er es wirklich wissen.
»Es ist schlimm«, sagte Mike.
»Wieviel?« wiederholte Bill.
»Bisher neun.«
»Das kann doch nicht sein!« schrie Beverly. »Das hätte ich doch in der Zeitung gelesen - in den Fernsehnachrichten gesehen... als jene Kinder in Atlanta ermordet wurden...«
»Ja, darüber habe ich sehr viel nachgedacht«, sagte Mike. »Manchmal habe ich mich gefragt, ob da unten vielleicht etwas Ähnliches los war...
oder auch in London, in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als Jack the Ripper dort sein Unwesen trieb. Angeblich hat er insgesamt nur fünf Nutten ermordet, aber wir wissen nicht, wieviel andere, die nie gefunden wurden, seinem Messer zum Opfer gefallen sind... ebenso wie wir nicht wissen, wieviel Kinder, die hier in Derry als vermißt in den Polizeiakten geführt werden, in Wirklichkeit vielleicht ermordet wurden.«
Er schaute sie der Reihe nach an. »In gewisser Hinsicht ist jener AtlantaVergleich das, was mich an der ganzen Sache am meisten ängstigt«, fuhr er fort, »denn Beverly hat völlig recht. Die Medien im ganzen Land hätten darüber berichten müssen. Neun Morde an Kindern... Fernsehkorrespondenten hätten herkommen müssen, Pseudopsychologen, Reporter von >The At-lanticMonthly< und >RollingStone<... kurz gesagt, der ganze Zirkus.«
»Aber es ist nicht passiert«, sagte Bill.
»Nein«, antwortete Mike. »Oh, in der Sonntagsausgabe des Portlander >Telegmm< - vielmehr in der Beilage - stand ein kurzer Artikel darüber, und der Bostoner >Globe< brachte nach den letzten beiden Morden auch einen. Eine Bostoner TV-Station berichtete in ihrer Sendereihe >Good Day< im Februar über ungelöste Morde, und dabei kamen auch diejenigen in Derry zur Sprache, aber der Experte erwähnte sie nur beiläufig... und er hatte bestimmt keine Ahnung, daß es hier ähnliche Mordserien schon 1957/58 und davor 1929/30 gegeben hat.
Natürlich könnte man. dafür einige scheinbar einleuchtende Erklärungen anführen - Atlanta, New York, Chicago, Detroit... das sind Städte mit Medien aller Art, und wenn in solchen Städten etwas passiert, gibt es sofort einen großen Wirbel. In Derry hingegen gibt es keine einzige Rundfunkstation - es sei denn, man wollte den kleinen FM-Sender der Englischen Fakultät unserer High School mitzählen - und keine einzige TV-Station. Was die Medien angeht, hat Bangor das große Sagen.«
»Abgesehen von den >Derry News<«, warf Eddie ein, und alle lachten.
»Aber wir wissen, daß das in der Welt von heute eigentlich keine Rolle spielen dürfte«, fuhr Mike fort. »Wir haben ein so dichtes Kommunikationsnetz, daß diese Vorfälle irgendwann nationale Aufmerksamkeit hätten erregen müssen. Aber das ist nicht geschehen. Und ich glaube, dafür gibt es nur eine Erklärung: Es will das nicht.«
»Es«, murmelte Bill leise vor sich hin.
»Es«, wiederholte Mike. »Irgendwie müssen wir Es doch nennen, und da können wir es doch gleich bei dieser Bezeichnung belassen. Wißt ihr, ich glaube allmählich, daß Es jetzt schon so lange hier ist - was immer Es auch in Wirklichkeit sein mag -, daß Es ein Teil von Derry geworden ist, daß Es ebenso zur Stadt gehört wie der Wasserturm, der Kanal, Bassey Park oder die Bücherei. Nur hat Es natürlich nichts mit äußerer Geographie zu tun. Es ist... innen. Irgendwie ist Es ins Innere eingedrungen. Nur so kann ich mir all das Schreckliche erklären, das hier immer wieder passiert - das scheinbar Erklärbare als auch das Unerklärliche. Im Jahre 1930 gab es einen Brand im >Black Spot<, einem Negerklub. Ein Jahr zuvor wurde eine Banditenbande auf der Canal Street erschossen.«
»Die Brady-Bande«, sagte Bill. »Das FBI hat sie zur Strecke gebracht, stimmt's?«
»So steht's in den Geschichtsbüchern«, sagte Mike, »aber es stimmt nicht. Soviel ich feststellen konnte - und ich würde viel darum geben zu glauben, daß es nicht so war, denn trotz allem liebe ich diese Stadt -, wurde die Brady-Bande, alle sieben, in Wirklichkeit von den braven Bürgern der Stadt niedergeschossen. Irgendwann erzähl ich euch Näheres darüber.
Im Jahre 1903 explodierte die Kitchner-Eisenhütte während einer Ostereiersuche für Kinder. Im selben Jahr gab es eine schreckliche Serie von Tierverstümmelungen. Schließlich wurde festgestellt, daß Andrew Rhulin dafür verantwortlich war - der Großonkel des Mannes, der jetzt die Rhulin Farms leitet. Er wurde von den drei Schutzmännern, die ihn verhaften sollten, zu Tode geprügelt. Keiner der drei kam jemals vor Gericht.«
Mike zog ein kleines Notizbuch aus der Tasche und blätterte darin. Ohne aufzuschauen, berichtete er weiter. »Im Jahre 1876 gab es innerhalb der Stadtgrenzen vier Fälle von Lynchjustiz. Einer der Männer, die aufgeknüpft wurden, war der Laienprediger der Methodistenkirche, der anscheinend seine vier Kinder wie junge Katzen in der Badewanne ertränkt und anschließend seiner Frau einen Kopfschuß verpaßt hatte. Er hatte ihr danach die Pistole in die Hand gedrückt, damit es wie Selbstmord aussehen sollte, aber auf diesen Schwindel fiel niemand rein. Ein Jahr zuvor wurden vier Holzfäller in einer Hütte am Kenduskeag tot aufgefunden - sie waren buchstäblich in Stücke gerissen. In alten Tagebüchern findet man Aufzeich-hungen über das Verschwinden von Kindern, von ganzen Familien... aber in keinem öffentlichen Dokument. Das geht endlos so weiter, doch vermutlich versteht ihr schon, worauf ich hinauswill.«