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Er schloß das Notizbuch, schob es wieder in die Tasche und schaute sie

ruhig an.

»Wenn ich nicht Bibliothekar, sondern Versicherungsagent wäre«, fuhr er fort, »würde ich es euch vielleicht grafisch aufzeichnen. Dieses Diagramm würde eine außergewöhnlich hohe Rate aller uns bekannter Verbrechen aufzeigen - einschließlich Vergewaltigung, Inzest, Einbruch und Raubmord, Autodiebstahl, Kindesmißhandlung, Mißhandlung von Ehefrauen und Sittlichkeitsverbrechen aller Art. Wenn man ein solches Diagramm auf ein durchsichtiges Blatt Papier zeichnen und dann auf ein Diagramm für eine wesentlich größere Stadt - sagen wir mal Boston - legen würde, schnitte es immerhin noch recht günstig ab... wenn das der richtige Ausdruck ist.«

»Ist es nicht«, murmelte Richie, »aber mir fällt auch kein besserer ein.«

»In Texas gibt es eine mittlere Großstadt, Austen, glaube ich, wo die Verbrechensrate wesentlich niedriger ist, als man bei einer Stadt dieser Größe und Rassenstruktur erwarten dürfte. Die ungewöhnliche Ausgeglichenheit und Sanftmut der Einwohner wird auf irgendeine'n Bestandteil des dortigen Wassers zurückgeführt. In Derry ist genau das Gegenteil der Fall - auch in ganz normalen Jahren gibt es hier ungewöhnlich viele Gewalttaten. Aber alle 27 Jahre schnellt diese Gewalttätigkeit enorm hoch - obwohl dieser Zyklus immer nur annähernd stimmt -, und dieses Phänomen hat niemals nationale Aufmerksamkeit erregt.«

»Du willst damit sagen, daß hier eine Art Krebskrankheit am Werk ist«, sagte Beverly.

»Keineswegs«, widersprach Mike. »Wenn Krebs nicht behandelt wird, führt er unweigerlich zum Tod. Derry ist nicht ausgestorben; ganz im Gegenteil, es wächst und gedeiht... natürlich auf unauffällige Weise, die kein Aufsehen erregt. Es ist einfach eine ziemlich reiche, blühende kleine Großstadt in einem verhältnismäßig schwach besiedelten Staat; eine Stadt, in der viel zu häufig schlimme Dinge passieren... und in der etwa jedes Vierteljahrhundert besonders schlimme, grausame Dinge geschehen.«

»Läßt sich das wirklich genau zurückverfolgen?« fragte Ben.

Mike nickte. »Über mehrere Jahrhunderte hinweg. 1714/15, dann - besonders schlimm - 1740-43, dann 1769/70, bis hin zur Gegenwart. Und es scheint immer schlimmer zu werden, vielleicht weil die Einwohnerzahl von Derry stetig wächst, vielleicht auch aus irgendeinem anderen Grund. Und 1958 scheint der Zyklus ein vorzeitiges Ende gefunden zu haben. Und das war unser Werk.«

Bill Denbrough beugte sich vor. Seine Augen strahlten plötzlich. »Bist du dessen sicher? Ganz sicher?«

»Ja«, sagte Mike. »Alle anderen Zyklen erreichten ihren Höhepunkt ungefähr im September und flauten dann allmählich ab, so daß sich bis Weihnachten - spätestens bis Ostern - das Leben wieder mehr oder weniger normalisierte ... mit anderen Worten, etwa alle 27 Jahre dauerte der Schrecken 14 bis 20 Monate. Aber das Schreckensjahr, das mit der Ermordung deines Bruders im Oktober 1957 begann, endete ganz abrupt im August 1958.«

»Warum?« fragte Eddie eindringlich. Sein Atem ging pfeifend, und Bill wußte aus früherer Erfahrung, daß Eddie jetzt bald seinen Aspirator benutzen würde. »Was haben wir denn getan?«

Die Frage hing in der Luft. Mike schien sie zu prüfen... und schließlich schüttelte er den Kopf. »Ihr werdet euch von selbst daran erinnern«, sagte er. »Es wird euch zur richtigen Zeit von selbst einfallen.«

»Und wenn nicht?«

»Dann... gnade Gott uns allen.«

»Neun Kinder in diesem Jahr ermordet«, murmelte Richie. »Gütiger Himmel!«

»Lisa Albrecht und Steven Johnson Ende 1984«, sagte Mike. »Im Februar verschwand ein Junge namens Dennis Torrio, der die High School besuchte. Seine Leiche fand man Mitte März in den Barrens. Verstümmelt. Dies hier wurde in der Nähe gefunden.«

Er hatte einen kleinen Stapel Fotos aus derselben Tasche geholt wie zuvor das Notizbuch. Jetzt nahm er das oberste, und es machte seine Runde um den Tisch. Beverly und Eddie betrachteten es nur leicht verwirrt, aber Rich Tozier reagierte heftig. Er ließ es fallen wie eine heiße Kartoffel. »Mein Gott! Mein Gott, Mike!« Mit weit aufgerissenen Augen schaute er auf. Dann reichte er das Bild an Bill weiter.

Bill warf einen Blick darauf und spürte, wie alles um ihn herum verschwamm, und einen Augenblick lang war er sicher, daß er ohnmächtig werden würde. Er hörte ein Stöhnen und wußte, daß er selbst dieses Geräusch verursacht hatte. Er ließ das Foto fallen.

»Was ist los?« hörte er Beverly fragen. »Was bedeutet das, Bill?«

»Es ist das Schulfoto meines Bruders«, sagte Bill schließlich. »Es ist G-G-

Georgie. Das Foto aus seinem Album. Das sich bewegt hat. Auf dem mir mein Bruder zugezwinkert hat.«

Alle betrachteten es daraufhin noch einmal, während Bill regungslos am Kopfende des Tisches saß und ins Leere starrte. Es war ein Foto jenes Fotos. Das zerrissene Schulfoto hob sich darauf von einem weißen Hintergrund ab

- es handelte sich um ein Polizeifoto. Auf dem Schulbild war tatsächlich George Denbrough zu sehen, die Haare mit Wasser angefeuchtet und glattgekämmt, die lächelnden Lippen etwas geöffnet, so daß zwei Zahnlücken zum Vorschein kamen, die nie durch neue Zähne geschlossen worden waren (es sei denn, daß sie noch im Sarg wachsen, dachte Bill schaudernd). Auf dem unteren Rand von Georgies Bild stand: Schulfreunde 1957/58.

»Und es wurde dieses Jahr gefunden?« fragte Beverly. Mike nickte, und sie wandte sich Bill zu. »Wann hast du es zuletzt gesehen, Bill?«

Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, versuchte zu sprechen. Er brachte kein Wort heraus. Er versuchte es noch einmal - er war sich bewußt, daß er jetzt wieder stotterte, und er kämpfte dagegen an, kämpfte gegen das lähmende Entsetzen an.

»Ich habe dieses Foto seit Oktober 1958 nicht mehr gesehen«, sagte er. »Ein Jahr nach Georgies Tod. Damals machte ich meinen Eltern eine Szene. Ich bekam fast einen W-W-Wutanfall. Ich überredete sie, G-G-Georgies Zimmer auszur-r-räumen und das Zeug entweder zu v-v-verbrennen oder auf den Dachboden zu bringen. Ich dachte, dieses A-A-Album hätte zu den Sachen gehört, die sie verbrannt haben. Aber ich habe mich wohl g-g-geirrt.«

»O Bill«, stöhnte Beverly und griff nach seiner Hand. »Es tut mir so leid.«

Ein lautes Keuchen lenkte die Aufmerksamkeit aller plötzlich auf Eddie. Er legte gerade seinen Aspirator auf den Tisch zurück und sah ein bißchen |verlegen aus.

»Gibst du den Geist auf, Big Ed?« fragte Richie, und dann kam gespenstisch die Stimme des >Tönende-Wochenschau<-Reporters aus Richies Mund: »Heute ist in Derry die ganze Stadt auf den Beinen, um die Parade der Asthmatiker zu sehen, und der Star der Show ist Big Ed, die Rotznase, der in ganz Neuengland bekannt ist als...«

Er brach abrupt ab, und seine Hände schnellten zum Gesicht hoch, so als wollte er seine Augen damit bedecken, und Bill dachte plötzlich mit neuem Entsetzen: Nein, nein, das ist es nicht. Nicht um seine Augen zu bedecken, sondern um seine Brille hochzuschieben. Die Brille, die nicht mehr da ist. O mein Gott, was geht hier nur vor?

»Eddie, es tut mir leid«, sagte Rich. »Das war gemein von mir. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.« Er schaute bestürzt in die Runde.