Mike Hanion brach das Schweigen.
»Ich hatte mir nach der Entdeckung von Steven Johnsons Leiche geschworen, euch anzurufen, sobald noch etwas passierte - sobald noch ein klarer Fall vorlag -, und dann habe ich diese Anrufe doch zwei Monate lang immer wieder aufgeschoben. Es war so, als sei ich hypnotisiert von den Ereignissen. Georges Foto wurde neben einem umgestürzten Baum, keine zehn Fuß von der Leiche des Torrio-Jungen entfernt, gefunden. Es war nicht versteckt - ganz im Gegenteil. Es war so, als hätte der Mörder gewollt, daß es gefunden würde. Und ich bin überzeugt davon, daß das tatsächlich in seiner Absicht lag.«
»Wie bist du an das Polizeifoto herangekommen, Mike?« fragte Ben. »Denn es ist doch eins, oder?«
»Ja. Es gibt einen Burschen bei der Polizei, der nicht abgeneigt ist, sich ein bißchen was dazuzuverdienen. Ich zahle ihm so an die 20 Dollar monatlich
- mehr könnte ich mir nicht leisten. Er ist meine geheime Informationsquelle.
Die Leiche von Dawn Roy wurde vier Tage nach der des Torrio-Jungen gefunden«, berichtete Mike weiter. »Im McCarron-Park. Das Mädchen war 13 Jahre alt. Die Leiche war verstümmelt.
23. April dieses Jahres. Adam Terrault. Sechzehn. Er wurde als vermißt gemeldet, nachdem er vom Üben mit einer Band nicht zurückkam. Am nächsten Tag wurde er dicht neben dem Weg gefunden, der durch den Grüngürtel hinter West Broadway führt. Auch er war verstümmelt.
Weiter - 6. Mai. Ein Junge namens Frederick Cowan. Zweieinhalb Jahre alt. Er wurde in einem Badezimmer gefunden, mit dem Kopf in der Toilette.«
»O Mike!« schrie Beverly.
»Ja, es ist schlimm«, sagte er fast ärgerlich. »Glaubt ihr, ich wüßte das nicht?«
»Ist die Polizei überzeugt davon, daß es nicht... na ja, ein Unfall gewesen sein könnte?« fragte Bev.
Mike schüttelte den Kopf. »Seine Mutter hängte auf dem Hinterhof Wäsche auf. Sie hörte Geräusche von einem Kampf... hörte ihren Sohn schreien. Sie rannte ins Haus, so schnell sie konnte. Das Bad war im ersten Stock, und auf der Treppe hörte sie mehrmals die Toilettenspülung - und ein Lachen. Sie sagte, es hätte nicht wie das Lachen eines Menschen geklungen.«
»Und sie sah überhaupt nichts?« fragte Eddie.
»Ihren Sohn. Seine Wirbelsäule war gebrochen, und er hatte eine Schädelfraktur. Die Glastür der Dusche war eingeschlagen. Überall war Blut. Und die zerbrochene Brille neben der Toilette. Die Frau befindet sich jetzt in der Nervenklinik in Bangor. Mein... mein Mann bei der Polizei sagt, sie hätte völlig den Verstand verloren.«
»Kein Wunder«, murmelte Richie heiser. »Wer hat eine Zigarette für mich?«
Beverly gab ihm eine, und er zündete sie mit zitternder Hand an.
»Die Polizei behauptet, der Mörder wäre durch die Vordertür hereingekommen, während die Mutter des Jungen auf dem Hinterhof ihre Wäsche aufhängte. Und als sie dann die Treppe hinauf rannte, wäre er aus dem Badezimmerfenster auf den Hof gesprungen und auf diese Weise entkommen. Aber das Fenster ist sehr klein; ein siebenjähriges Kind müßte sich schon sehr verrenken, um rauszukommen. Und dann ein Sprung aus 25 Fuß Höhe auf eine mit Steinfliesen ausgelegte Veranda! Aber über solche Dinge redet Rademacher nicht gern, und niemand von der Presse hat ihn richtig in die Zange genommen.«
Mike trank einen Schluck Wasser und ließ dann ein weiteres Foto von
Hand zu Hand gehen, ausnahmsweise keine Polizeiaufnahme. Es war wieder ein Schulfoto, diesmal das eines etwa dreizehnjährigen grinsenden Jungen. Er hatte für dieses Schulfoto vermutlich seine beste Kleidung angezogen, und seine Hände waren sauber und auf dem Schoß gefaltet... aber seine Augen funkelten verschmitzt. Er war schwarz.
»Jeffery Holly«, kommentierte Mike. »13. Mai. Eine Woche nach der Ermordung des Cowan-Jungen. Tatort - Bassey-Park, dicht am Kanal.
Neun Tage später, am 22. Mai, wurde ein Fünftkläßler namens John Feury auf der Neibolt Street tot aufgefunden...«
Eddie stieß einen hohen kreischenden Schrei aus. Er tastete nach seinem Aspirator und warf ihn dabei vom Tisch. Bill hob ihn auf. Eddies Gesicht war krankhaft gelb. Sein Atem pfiff in seiner Kehle.
»Holt ihm was zu trinken«, rief Richie. »Holt doch...«
Aber Eddie schüttelte den Kopf. Er schob sich den Aspirator in den Mund, und sein Brustkorb dehnte sich, als er gierig Luft einsaugte. Dann lehnte er sich keuchend, mit halb geschlossenen Augen, zurück.
»Es wird mir gleich wieder bessergehen«, japste er. »Nur noch 'n Augenblick, dann bin ich wieder okay.«
»Eddie, bist du ganz sicher?« fragte Beverly besorgt. »Vielleicht solltest du dich etwas hinlegen?«
»Mir geht's schon wieder ganz gut«, sagte er eigensinnig. »Es war nur... nur der Schock. Der Schock, wißt ihr. Ich hatte die Neibolt Street total vergessen.«
Niemand erwiderte etwas darauf; es war auch nicht notwendig. Sie alle hatten diesen Schock soeben am eigenen Leibe erfahren. Bill hatte das Gefühl, als würde er davon erdrückt, als könnte er sich weder bewegen noch einen klaren Gedanken fassen. Man glaubte gerade, das Schlimmste hinter sich zu haben, und dann nannte Mike noch einen Namen und noch einen -wie ein böser Zauberer, der unzählige schreckliche Kunststücke auf Lager hat -, und immer neue riesige Wellen des Entsetzens schlugen über einem zusammen. Es war einfach zuviel des Schrecklichen auf einmal, ein unglaublicher Strom unerklärlicher Gewalt - und direkt für die hier Versammelten bestimmt - zumindest legte Georges Foto diese Vermutung sehr nahe.
»Beide Beine John Feurys waren verschwunden«, fuhr Mike leise fort, »aber der Gerichtsmediziner sagt, er sei erst nach seinem Tod verstümmelt worden. Er scheint buchstäblich vor Angst gestorben zu sein - Herzschlag. Er wurde vom Briefträger gefunden, der unter der Veranda eine Hand herausragen sah...«
»Es war Nummer 29, nicht wahr?« sagte Richie, und Bill schaute rasch zu ihm hinüber. Richie erwiderte seinen Blick und nickte, dann wandte er sich wieder Mike zu. »Neibolt Street Nummer 29.«
»Ja«, bestätigte Mike ruhig. »Es war Nummer 29.« Er trank wieder einen Schluck Wasser. »Bist du wieder okay, Eddie?«
Eddie nickte. Seine Atmung hatte sich fast wieder normalisiert.
»Einen Tag nachdem man Feurys Leiche gefunden hatte, nahm Rademacher eine Verhaftung vor«, berichtete Mike. »An jenem Tag war in einem Leitartikel auf der ersten Seite der >News< sein Rücktritt gefordert worden.«
»Nach acht Morden«, sagte Ben. »Ganz schön radikal von den Leuten, findet ihr nicht auch?«
»Wer wurde denn verhaftet?« fragte Beverly.
»Ein Mann, der in einer kleinen Hütte an der Route 7 wohnt, fast schon an der Stadtgrenze zwischen Derry und Newport«, sagte Mike. »Er ist so 'ne Art Eremit. Verbrennt Abfallholz in seinem Ofen, hat das Dach seiner Hütte mit weggeworfenen Schachteln gedeckt. Heißt Harold Earl. Sieht vermutlich in einem ganzen Jahr nicht mal 200 Dollar an Bargeld. Ein Autofahrer sah ihn auf seinem Hof stehen und den Himmel betrachten, an dem Tag, als John Feurys Leiche gefunden wurde. Seine Kleidung war mit Blut befleckt.«
»Vielleicht ist dann...«, begann Richie hoffnungsvoll.
»Er hatte drei erlegte Hirsche in seinem Schuppen«, berichtete Mike. »Er hatte das Wild nachts mit Feuer angelockt. Das Blut auf seinen Kleidern war Hirschblut. Rademacher fragte ihn, ob er John Feury ermordet hätte, und Earl soll geantwortet haben: >O ja, ich hab' 'ne Menge Leute ermordet. Die meisten hab' ich erschossen - im Krieg. < Er sagte auch, er hätte nachts in den Wäldern etwas gesehen. Blaue Lichter, die einige Zoll vom Boden entfernt schwebten. Leichenlichter nannte er sie.
Man brachte ihn in die psychiatrische Klinik in Bangor, und dem medizinischen Befund zufolge ist seine Leber fast hin. Er hat Farbenverdünner getrunken.. .«