»O mein Gott!« murmelte Beverly.
»... und neigt zu Halluzinationen. Bis vor drei Tagen klammerte sich Rademacher an seine Idee, daß Earl der wohl Verdächtigste sei. Er schickte acht seiner Leute raus, die seine Hütte auf den Kopf stellten und überall nach fehlenden Leichenteilen, Lampenschirmen aus Menschenhaut und Gott weiß was suchten.«
Mike schwieg ein Weilchen mit gesenktem Kopf und fuhr dann fort. Seine Stimme war jetzt etwas heiser. »Ich habe die Anrufe immer wieder aufgeschoben. Aber als ich dies hier sah, rief ich euch an. Ich wünschte bei Gott, ich hätte es früher getan.«
»Zeig uns das Foto«, sagte Ben abrupt.
»Das Opfer war wieder ein Fünftkläßler«, sagte Mike. »Ein Klassenkamerad des Feury-Jungen. Er wurde dicht neben der Kansas Street gefunden, in der Nähe der Stelle, wo Bill immer sein Fahrrad versteckte, wenn wir in den Barrens waren. Sein Name war Jerry Bellwood. Er war in Stücke gerissen. Was... was von ihm übrig war, wurde neben einer Stützmauer aus Beton gefunden, die vor etwa 12 Jahren entlang der Kansas Street errichtet wurde, um die Bodenerosion zu stoppen. Dieses Polizeifoto jenes Teils der Mauer wurde weniger als eine halbe Stunde nach Entfernung der Leiche des Jungen aufgenommen. Hier.«
Er reichte das Foto Richie Tozier, der es betrachtete und an Beverly weitergab. Sie warf einen kurzen Blick darauf, zuckte zusammen und gab es Eddie, der es lange versunken studierte, bevor er es Ben zeigte. Dieser gab es nach einem ganz flüchtigen Blick Bill.
In schiefen Druckbuchstaben war auf der Betonmauer zu lesen:
KOMMT HEIM KOMMT HEIM KOMMT HEIM
Bill sah Mike grimmig an. Langsam stieg Zorn in ihm auf, und darüber war er froh - Zorn war nicht gut, aber besser als der Schock, besser als die elende Angst. »Ist es das, was es zu sein scheint?«
»Ja«, sagte Mike. »Die Kreatur, die Jerry Bellwood ermordete, schrieb diese Worte mit dem Blut des Jungen.«
6. Richie Tozier wird ausgepiept
Mike hatte die Fotos wieder an sich genommen und sie in seine innere Jak-kentasche geschoben. Daraufhin fühlten sich alle irgendwie erleichtert.
»Neun Kinder«, sagte Beverly leise. »Ich kann's einfach nicht glauben. Ich meine... ich glaub's schon, aber was ich nicht glauben kann, ist... neun Kinder und - nichts?«
»Ganz so ist es nicht«, erwiderte Mike. »Die Leute sind zornig und beunruhigt. Die Retten-wir-unsere-Kinder-Komitees treffen sich wieder in der Fairmount-Schule und in der High School. Sechzehn Kriminalbeamte vom Justizministerium halten sich in der Stadt auf, und ein Kontingent von FBI-Leuten - ich weiß nicht, wieviel es sind, Rademacher rückt nicht raus damit. Die Sperrstunde ist wieder eingeführt worden...«
»O ja, die berühmte Sperrstunde!« sagte Ben sarkastisch und rieb sich langsam den Nacken. »Die hat 1958 ja wahre Wunder bewirkt.«
»... und es gibt Müttergruppen, die dafür sorgen sollen, daß die kleineren Kinder auf dem Schulweg von jemandem begleitet werden. Die >News< haben in den letzten drei Wochen über 2000 Leserbriefe bekommen, in denen eine Erklärung verlangt wird. Und die Stadtflucht hat auch wieder begonnen.«
»Was für eine Stadtflucht?«
»Es hat jedesmal eine gegeben, sobald diese Ereignisse anfingen - alle 27 Jahre. Es gibt immer Leute, die keine Lust haben, an die Zeitung zu schreiben oder Komitees beizutreten oder zu verlangen, daß der Polizeichef zurücktritt. Sie packen einfach ihre Koffer und machen, daß sie hier rauskommen. Es läßt sich nicht feststellen, wieviel es sind, denn es fällt nie auf ein Volkszählungsjahr. Aber meiner Meinung nach sind es ziemlich viele. Sie rennen davon wie Kinder, die versuchen, aus einem Haus rauszukommen, in dem es spukt.« Mike seufzte. »Vielleicht haben diese Leute recht - vielleicht sind sie am klügsten.«
»Kommt heim, kommt heim, kommt heim«, flüsterte Beverly. Ihr ängstlicher, fragender Blick heftete sich auf Bill, nicht auf Mike. »Es wollte, daß wir zurückkommen. Warum?«
»Ich nehme an, daß Es - was immer Es auch sein mag- sich an uns rächen will«, beantwortete Mike ihre Frage. »Wir haben Es einmal behindert.«
»Es will sich rächen... oder einfach die alte Ordnung wiederherstellen.«
Mike nickte. »Ist euch eigentlich bewußt, daß euer aller Leben ebenfalls nicht ordnungsgemäß, nicht in den richtigen Bahnen verläuft? Keiner von euch hat Derry unbeeinflußt verlassen. Ihr hattet alle vergessen, was 1958 hier geschehen ist, und selbst jetzt sind eure Erinnerungen an jenen Sommer äußerst bruchstückhaft. Habe ich recht?«
Sie schauten von Mike zu Bill, der für sie alle nickte.
»Dann ist da die äußerst merkwürdige Tatsache, daß ihr alle reich seid«, fuhr Mike fort.
»Na hör mal!« rief Richie. »Reich würde ich mich...«
»Sachte, sachte«, sagte Mike und lächelte leicht. »Reich nach den Maßstäben eines Bibliothekars, der netto im Jahr knapp elf Riesen verdient. Okay?«
Rich zuckte ein wenig verlegen die Achseln. Ben war scheinbar ganz damit beschäftigt, seine Papierserviette zu zerreißen. Außer Bill schaute niemand Mike direkt an.
»Ihr seid alle sogar nach den Maßstäben der oberen Mittelschicht sehr wohlhabend«, fuhr Mike fort. »Wenn jemand von euch auf seiner Einkommensteuererklärung für 1984 weniger als 90000 Dollar eingetragen hat, so möge er die Hand heben.«
Sie warfen einander verstohlene Blicke zu, verlegen, wie Amerikaner es über ihren Erfolg immer zu sein scheinen. Bill spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoß, aber er konnte nichts dagegen machen. Er hatte allein für den ersten Entwurf des Drehbuchs von >Attic Room< 10000 Dollar mehr als die von Mike erwähnte Summe bekommen, und weitere 20000 Dollar für jede der beiden abgeänderten Fassungen. Angesichts von Mikes Einkommen von knapp 11000 Dollar im Jahr wirkte dieses leicht verdiente Geld fast ungeheuerlich.
»Bill Denbrough, ein erfolgreicher Schriftsteller in einer Gesellschaft, in der nur ganz, ganz wenige Schriftsteller vom Schreiben leben können«, sagte Mike. »Beverly Huggins, die sich als Modedesignerin auf einem Gebiet betätigt, wo noch weniger Leute Erfolg haben. Und trotzdem ist sie inzwischen wohl die gefragteste Designerin im mittleren Drittel des Landes.«
»Das ist Toms Verdienst«, fiel Beverly ihm ins Wort. Sie lachte nervös und zündete sich an der glimmenden Kippe einer Zigarette die nächste an. »Ohne ihn würde ich immer noch Säume heften und nähen. Ich habe überhaupt keinen Geschäftssinn, das sagt sogar Tom. Es ist einfach... na ja, einfach Glück, wißt ihr.« Sie zog an ihrer Zigarette und drückte sie aus.
»Ich glaub', die Lady protestiert 'n bißchen zu sehr«, sagte Richie verschmitzt.
Sie drehte sich abrupt zu ihm um und warf ihm mit hochroten Wangen einen scharfen Blick zu. »Was soll denn das heißen, Richie Tozier?«
»Nicht schlagen, Miß Scarlett!« schrie Richie mit hoher, zitternder Stimme - und in diesem Moment konnte Bill den Jungen von einst mit gespenstischer, unheimlicher Deutlichkeit sehen; es war keine verborgene Gegenwart, die unter Richies Backenknochen oder der Form seines Kinns lauerte - nein, sie war realer als der erwachsene Mann. »Nicht schlagen! Lassen Sie mich Ihnen noch 'nen Pfefferminztee bringen, Miß Scarlett! Nur nicht mich armen schwarzen Jungen auspeitschen, bitte nicht!«
»Du bist einfach unmöglich!« sagte Beverly kühl. »Du solltest endlich erwachsen werden, Richie.«
Richie schaute sie an, nun wieder ganz ernst. »Ich hielt mich dafür - bis ich hierher zurückkam!«
»Richie, du bist der vielleicht erfolgreichste Discjockey in den Vereinigten
Staaten«, ergriff Mike wieder das Wort. »Los Angeles frißt dir jedenfalls aus der Hand. Außerdem moderierst du auch noch zwei Shows, die von anderen Sendern übernommen werden. Eddie, du hast ein sehr erfolgreiches, lukratives Mietwagen-Unternehmen in einer Großstadt, in der es vor derartigen Unternehmen nur so wimmelt. Ben, du bist vielleicht der erfolgreichste junge Architekt der ganzen Welt.«