Mike sah die anderen etwas ängstlich an.
»Begreift ihr, was ich sagen will?«
»Du w-willst sagen, daß es k-k-keinen f-freien W-W-Willen gibt«, meinte Bill.
»Nein... ich sage nur, daß der freie Wille - wenn es ihn gibt - innerhalb der Grenzen eines natürlichen Rahmens existiert, den wir nur vage zu begreifen imstande sind. Ich kann mir Flügel aus Pergament anheften und aus freiem Willen von einem Felsen herabspringen, aber mein freier Wille wird mich nicht zum Fliegen befähigen, weil er jene Grenzlinie überschreitet -jene Grenzlinie, wo der freie Wille endet und das Naturgesetz ins Spiel kommt. Ebenso könnte ich auch meine Lenden mit dem Schwert umgürten, um den Kampf mit dem aufzunehmen, wovon...« - Mike schluckte hörbar - »wovon Derry heimgesucht wird, und mein ganzer Wille, es zu töten, würde mir nichts nützen, wenn ich unter Nichtbeachtung des Naturgesetzes vorginge. Könnt ihr mir folgen?«
»Ich glaube schon«, sagte Beverly zögernd.
Rich nickte.
»Ich will mit all dem nur sagen, daß jene Rechnungen und Gewichte und Bilanzen dazu dienen, Dinge innerhalb jener Grenzen zu halten, damit der freie Wille wirksam werden kann. Anders ausgedrückt, könnte man sagen, daß die natürliche Ordnung des Universums - vielleicht Gott - dazu da ist, für eine gewisse Ausgewogenheit des Spiels zu sorgen. Ich glaube, daß es so sein muß, denn andernfalls wäre die Welt schon vor langer Zeit in Blut ertrunken.«
Er schaute Bill an. »Also, Bill, sag's laut. Du weißt, was es ist, glaube ich.« Er grinste - es war ein überraschend warmes, sonniges Lächeln. »Du warst schon immer schnell von Begriff.«
»Ich bin nicht sicher, daß ich's kapiert habe«, sagte Bill, »und vielleicht täusche ich mich. Aber ich glaube es eigentlich nicht. Niemand von uns hat Kinder. Das ist die zweite Eigentümlichkeit, stimmt's?«
Einen Moment lang herrschte bestürztes Schweigen.
»Ja, das stimmt«, bestätigte Mike.
»Was hat denn das mit der Sache zu tun?« fragte Eddie. »Allmächtiger Gott! Wer hat dich nur auf die Idee gebracht, daß jeder auf der Welt Kinder haben muß? Das ist doch völliger Blödsinn!«
»Haben deine Frau und du versucht, Kinder zu bekommen?« fragte ihn Mike.
»Wir verwenden keine Verhütungsmittel, wenn du das meinst«, sagte Eddie würdevoll, aber mit hochrotem Kopf. Er schaute die anderen fast ärgerlich an. »Zufälligerweise hat meine Frau ein bißchen... nein, sehr viel Übergewicht. Wir waren bei einer Ärztin, und sie sagte, daß wir wahrscheinlich nie Kinder haben werden. Sind wir deshalb Verbrecher?«
»Nimm's leicht, Eddie«, beruhigte Richie ihn.
»Was ist mit dir und Tom, Beverly?« fragte Mike.
»Keine Kinder«, antwortete sie. »Keine Verhütungsmittel. Tom möchte Kinder haben... und ich natürlich auch«, fügte sie hastig hinzu und warf einen raschen Blick in die Runde. Bill dachte, daß ihre Augen etwas zu sehr strahlten - wie bei einer guten Schauspielerin, die eine tolle Vorstellung gibt. »Es hat einfach noch nicht geklappt.«
»Habt ihr medizinische Tests machen lassen?« fragte Ben.
»O ja, selbstverständlich«, sagte sie und lachte, als wollte sie demonstrieren, was für eine dumme Frage das war... und plötzlich wurde Bill - wie das bei Menschen, die von Natur aus neugierig sind, manchmal der Fall ist -schlagartig so manches über Beverly und ihren Mann klar, jenen wundervollen, fantastischen Tom Huggins. Vielleicht hatte sie sich Fruchtbarkeitstests unterzogen. Aber Bill war überzeugt davon, daß Tom sich geweigert hatte.
»Und was ist mit dir und deiner Frau, Big Bill?« fragte Rich, und alle schauten ihn neugierig an... vermutlich, weil seine Frau Schauspielerin war - zwar keineswegs die berühmteste oder beliebteste Schauspielerin der Welt, aber doch eine Fremde, deren schönes Gesicht ihnen bekannt war. Beverly schien besonders neugierig zu sein.
»Wir haben's in den letzten sechs Jahren immer wieder vergeblich probiert«, sagte Bill. »Vor vier Jahren haben wir in New York die Tests machen lassen. Die Ärzte entdeckten einen sehr kleinen gutartigen Tumor in Aud-ras Gebärmutter, und sie meinten, das sei ein Glück gewesen, denn er hätte eine Schwangerschaft zwar nicht verhindert, aber zu einer Eileiterschwangerschaft führen können. Nein, wir sind beide fruchtbar.«
»Das beweist immer noch nichts«, beharrte Eddie eigensinnig. »Nicht das Geringste.«
»Aber es gibt einem doch sehr zu denken«, sagte Ben.
»Keine kleinen Pannen, was dich angeht, Ben?« fragte Bill.
Er lächelte ein wenig. »Ich war nie verheiratet«, antwortete er, »und ich war immer sehr vorsichtig. Deshalb eigne ich mich nicht sehr gut für irgendwelche Beweise.«
»Wollt ihr was Komisches hören?« fragte Richie. Er lächelte, aber seine Augen waren ernst.
»Na klar«, meinte Bill. »Als Komiker warst du schon immer gut, Tozier.«
»Du bist 'n Riesenarschloch, Junge«, sagte Richie mit der Stimme des irischen Bullen. Es war eine fantastische Imitation. Du hast sagenhafte Fortschritte gemacht, Richie, dachte Bill. Als Junge war deine Stimme eines irischen Bullen einfach grauenhaft... bis auf ein einziges Mal, Wann war das nur? »Daran hat sich nichts geändert. Du warst und bleibst 'n Riesenarschloch!«
Ben Hanscom hielt sich plötzlich die Nase zu und rief: »Piep-piep! Pieppiep! Piep-piep!«
Einen Augenblick später hielten auch Eddie und Beverly sich die Nasen zu und fielen ein.
»Schon gut! Schon gut!« rief Richie. »Ich hör' ja auf.«
»Das Piep-piep hat dir auch schon früher dein freches Mundwerk gestoppt, Tozier!« schrie Eddie und warf sich in seinem Stuhl zurück. Vor Lachen rannen ihm Tränen über die Wangen.
»Piep-piep«, sagte Beverly kichernd. »Mein Gott, das hatte ich total vergessen. Wir haben immer gesagt, du hättest 'nen Vogel, Richie.«
»Ihr wußtet wahres Talent eben nie zu schätzen, das ist alles«, sagte Richie, aber auch er lächelte - und diesmal war es ein richtiges Lächeln. »Das war damals dein kleiner Beitrag zum Klub der Verlierer, nicht wahr, Hay-stack?«
»Piep-piep, Richie«, sagte Ben feierlich und brach sodann in schallendes Gelächter aus. »Immer noch derselbe Roadrunner.«
»Wollt ihr meine Geschichte nun hören oder nicht?« fragte Richie. »Ihr dürft mich auch ruhig mit eurem >Piep-piep< zum Schweigen bringen, wenn's euch zuviel wird. Ich kann einiges vertragen. Schließlich habt ihr hier einen Mann vor euch, der einmal ein Interview mit Ozzy Osborne gemacht hat.«
»Erzähl«, sagte Bill. Er warf einen Blick auf Mike und stellte fest, daß Mike jetzt glücklicher aussah - oder entspannter - als bisher. Kam das daher, daß er - wie Bill selbst - eine fast unbewußte Annäherung, ein neu erwachendes Zusammengehörigkeitsgefühl der Anwesenden spürte, was bei alten Freunden, die sich nach Jahren wiedersehen, kaum je der Fall ist? Höchstwahrscheinlich war es so, dachte Bill... und ihm fiel ein, was Mike vor kurzem gesagt hatte:... wenn es bestimmte Voraussetzungen... _für den Glauben an magische Kräfte gibt, der es ermöglicht, die erforderlichen magischen Kräfte auszuüben, so werden sich diese Voraussetzungen unweigerlich einstellen.
Ein kalter Schauder überlief ihn. Es war eine Sache, solche Ideen auszusprechen, Ideen, die einem vage möglich und zugleich unmöglich und verrückt vorkamen, aber eine völlig andere, mit eigenen Augen zu erleben, wie diese Ideen sich verwirklichten. Piep-piep, in der Tat. Ben hatte damals damit angefangen, und sie hatten es alle von ihm übernommen, dieses Pieppiep des Roadrunners aus den Cartoons der Warner Brothers. Es war ein Spottruf, gleichzeitig aber auch eine Art Schlachtruf und sogar so etwas wie ein Losungswort gewesen. Er hatte seit 1958 nicht mehr daran gedacht.