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»Nun, ich könnte eine lange, sentimentale Geschichte daraus machen, aber ich werde euch nur die Readers-Digest-Fassung servieren«, sagte Richie. »In dem Jahr, in dem ich nach Kalifornien umzog, lernte ich ein Mädchen kennen. Wir verliebten uns irrsinnig ineinander. Zogen zusammen. Anfangs nahm meine Freundin die Pille, aber sie vertrug sie schlecht, und außerdem konnte man gerade damals überall lesen, daß die Pille wohl doch nicht das Idealrezept, der Weisheit letzter Schluß wäre, wie die Leute in den 6oer Jahren geglaubt hatten.

Wir unterhielten uns sehr oft über Kinder und stimmten völlig überein, daß man in diese gefährliche, beschissene Welt keine Kinder setzen sollte. Außerdem fanden wir es beide problematisch, ein Kind in einer Gesellschaft aufzuziehen, in der elektronische Spiele und modernste Superfahrräder etwas ganz Selbstverständliches waren, während in anderen Teilen der Welt Tausende und Abertausende von Kindern verhungerten.«

Er sah, daß Eddie etwas einwenden wollte, und nickte ihm zu.

»Wir waren eben jung und idealistisch. Ich beharre keineswegs auf der Richtigkeit eines Entschlusses, den wir faßten, als ich 23 und meine Freundin 22 war. Ich erzähle nur, wie's war. Spring mir also bitte nicht ins Gesicht, Ed.«

»Piep-piep, Richie«, sagte Eddie lächelnd.

Richie schnaubte, dann fuhr er fort: »Na ja, jedenfalls unterzog ich mich dann einer Vasektomie. Ließ meine Drähte kappen, wie die Typen von Beverly Hills es mit ihrem unvergleichlichen vulgären Chic ausdrücken. Die Operation verlief problemlos und hatte auch keine unangenehmen Nachwirkungen. Ein Freund von mir hatte hinterher geschwollene Eier etwa von der Reifengröße eines Cadillacs, aber ich konnte anderthalb Wochen nach dem Eingriff schon wieder problemlos die himmlischen Gefilde meiner Freundin durchpflügen.«

»Das hast du sehr schön mit deinem sprichwörtlichen Takt- und Anstandsgefühl ausgedrückt, Richie«, bemerkte Bill trocken, und Beverly begann sofort wieder zu kichern.

Richie grinste. »Herzlichen Dank, Bill, für diese anerkennenden Worte aus so berufenem Munde. In deinem letzten Buch kam zweihundertsechsmal das Wort >ficken< vor. Ich hab's nachgezählt.«

»Piep-piep, Richie«, sagte Bill feierlich, und wieder lachten alle. Bill konnte kaum glauben, daß sie vor weniger als zehn Minuten über ermordete Kinder gesprochen hatten. Dieses ganze Treffen hatte etwas Unwirkliches an sich.

»Erzähl weiter, Richie«, sagte Ben. »Aber fasse dich möglichst kurz. Die Zeit steht nicht still.«

»Wir lebten zweieinhalb Jahre zusammen«; fuhr Richie fort. »Zweimal hätten wir fast geheiratet. Gut, daß wir's letzten Endes doch gelassen haben

- dadurch sind uns die ganzen Probleme mit Aufteilung des gemeinsamen

Besitzes etc. erspart geblieben. Sie bekam ein sehr günstiges Angebot, in einer auf Körperschaftsrecht spezialisierten Kanzlei in Washington zu arbeiten. Ich wollte aber ums Verrecken nicht nach Washington. Außerdem hatte ich gerade die Chance, bei KLAD als Wochenend-Disc-Jockey einzusteigen - das war zwar nicht viel, aber immerhin ein Anfang. Na ja, wir hatten endlose Diskussionen, und zuletzt trennten wir uns.

Etwa ein Jahr später beschloß ich, die Vasektomie wenn möglich, rückgängig zu machen. Ich hatte eigentlich keinen besonderen Grund dafür, und ich hatte gelesen, daß die Chancen für einen solchen Eingriff nicht überwältigend waren, aber ich wollt's probieren.«

»Hattest du damals 'ne feste Freundin?« fragte Bill.

»Nein, das ist ja das Komische an der Sache«, sagte Richie mit gerunzelter Stirn. »Ich beschäftigte mich mit mehreren Damen, aber das war alles nichts Ernsthaftes. Ich wachte einfach eines schönen Tages mit dieser Schnapsidee auf, es rückgängig zu machen.«

»Ich hab' gehört, daß eine solche Operation ganz schön kompliziert ist«, sagte Eddie. »Vollnarkose statt örtlicher Betäubung wie bei der Vasektomie, und all so was.«

»Das alles schreckte mich nicht ab«, sagte Richie. »Ich... ich weiß auch nicht, ich hatte es mir nun einmal in den Kopf gesetzt.«

Bill spürte wieder jenen kalten Schauder im Rücken. Er dachte:... so werden sich diese Voraussetzungen unweigerlich einstellen.

»Also ging ich zu dem Arzt, der mich operiert hatte, und sprach mit ihm darüber«, fuhr Richie fort. »Ich... ich tischte ihm allerdings Lügen über meine Gründe auf, denn in Wirklichkeit hatte ich ja keinen plausiblen Grund, zumindest keinen, den ich hätte anführen können. Ich erzählte ihm also, daß ich vorhätte zu heiraten und meine Ansichten über Kinder geändert hätte. Er fragte mich, ob ich wüßte, daß die Operation ein Glücksspiel sei. Ich bejahte. Er sagte, als erstes müsse er eine Spermauntersuchung vornehmen, um ganz sicher zu sein, daß die Operation notwendig sei. Er erklärte mir, die Chancen für eine spontane Regeneration der durchtrennten Samenleiter seien zwar sehr gering, aber überprüfen müsse er es doch. Also ging ich aufs Klo und wichste in einen Glaszylinder...«

»Piep-piep, Richie«, rief Beverly vorwurfsvoll.

»Ja, ja, ich weiß schon«, sagte Richie, nicht im geringsten verlegen. »Also drücken wir's folgendermaßen aus: Ich hatte eine absolut klinische Ejakulation in ein steriles Gefäß, okay?«

Bev lachte und winkte errötend ab.

»Drei Tage später rief der Arzt mich an und sagte: >Was möchten Sie zuerst hören, die gute oder die schlechte Nachricht?<

>Zuerst die gute<, sagte ich.

>Also - die Operation ist überflüssig< erklärte er. >Und die schlechte Nachricht ist, daß jede Frau, mit der Sie in den letzten drei Jahren geschlafen haben, gegen Sie eine Vaterschaftsklage einreichen könnte.<

>Du lieber Himmel! < rief ich. >Wollen Sie damit sagen, daß ich nicht unfruchtbar bin?<

>Genau das<, sagte er. >In der Spermaprobe waren Millionen Samenzel-len<

>Und wie lange ist das schon so?< fragte ich.

>Das läßt sich unmöglich sagen<, meinte er. Möglicherweise schon kurz nach der Spermienzählung nach Ihrer Vasektomie .< Das war eine Untersuchung zehn Tage nach dem Eingriff gewesen. >Das hört sich jetzt vielleicht so an, wie wenn man jemandem rät, den Stall abzuschließen, nachdem das Pferd bereits gestohlen ist - aber Ihre Tage des sorglosen Geschlechtsverkehrs sind vorüber, Richard .<

Ich bedankte mich bei ihm und legte den Hörer auf«, berichtete Richie. »Als nächstes rief ich meine ehemalige Freundin in Detroit an. In ihrem Apartment erreichte ich sie nicht; ihre Vermieterin teilte mir dann mit, sie hätte Ende des Vorjahres geheiratet und wäre ausgezogen. Also rief ich sie in der Kanzlei an. >Rich!< sagte sie. >Wie schön, wieder mal von dir zu hören. Ich habe geheiratete

>Gratuliere!< sagte ich. >Übrigens, du hast nicht zufällig ein Kind bekommen, nachdem du von Kalifornien weggezogen bist?<

>Wovon redest du?< fragte sie, und ich erzählte es ihr.

Sie lachte schallend, und als ich sie fragte, was denn daran so komisch sei, sagte sie: >Diesmal bist du also der Gelackmeierte, Richie. Wieviel Bastarde hast du denn produziert, seit ich weg bin?<

>Ich nehme an, das bedeutet, daß du die Freuden der Mutterschaft noch nicht erlebt hast?< fragte ich sie.

>Im Juli wird es soweit sein<, antwortete sie. >Sonst noch Fragen, Ri-chie?<

Ich dankte ihr und legte auf.« Richie blickte in die Runde. »Ich fragte den Arzt, wie groß die Wahrscheinlichkeit für so eine spontane Regeneration sei. Wißt ihr, was er sagte?«

Bill schüttelte den Kopf.

»Verschwindend klein, sagte er mir. So gut wie Null. Da bin ich nun also, mit spontan regenerierten Samenleitern, und kann trotzdem kein Kind vorweisen. Wenn man bedenkt, daß meine Freundin im November geheiratet hatte und ihr Kind im Juli erwartete, so muß sie wirklich äußerst fruchtbar gewesen sein. Aber... bei uns beiden war trotzdem nichts passiert.« Er schaute Eddie an. »Ändert das deine Meinung irgendwie, mein Guter?«