»Es ist immer noch kein Beweis...«
»Nein«, sagte Bill. »Aber immerhin legt es einen ursächlichen Zusammenhang sehr nahe. Die Frage ist - was tun wir jetzt? Hast du darüber nachgedacht, Mike? Was kommt als nächstes?«
»Ich habe darüber nachgedacht«, sagte Mike. »Aber ihr versteht bestimmt, daß es für mich unmöglich war, den nächsten Schritt genau festzulegen, bevor ihr alle wieder hier wart, bevor wir miteinander geredet hatten. Ich konnte schließlich nicht mit Sicherheit vorhersagen, wie dieses Treffen verlaufen würde, für euch oder für mich.«
Er schwieg lange und schaute sie nachdenklich an.
»Ich habe eine Idee«, sagte er schließlich, »aber bevor ich sie euch mitteile, sollten wir, glaube ich, klären, ob wir hier eine Aufgabe haben oder nicht. Wollen wir versuchen, das zu tun, was wir schon 1958 versucht haben? Wollen wir noch einmal versuchen, Es zu töten? Oder wollen wir einfach die Essensrechnung durch sechs teilen und wieder auseinandergehen?«
»Es sieht so aus, als ob...«, begann Beverly, aber Mike schüttelte den Kopf.
»Ihr müßt verstehen, daß unsere Erfolgschancen sich unmöglich vorher
> sagen lassen«, sagte er. »Ich glaube, sie wären viel, viel besser gewesen,
| wenn auch Stan gekommen wäre. Ohne Stanley ist der Kreis, den wir an je-Jnem Tag bildeten, unterbrochen. Ich glaube nicht, daß wir Es mit einem unterbrochenen Kreis vernichten oder auch nur für eine gewisse Zeit besiegen können. Wenn wir das versuchen, wird Es uns töten, einen nach dem ande-en, und zwar höchstwahrscheinlich auf besonders scheußliche Art, davon bin ich überzeugt. Auf irgendeine Weise, die ich bis heute nicht verstehe, bildeten wir als Kinder einen perfekten Kreis. Wenn wir beschließen weiterimachen, müssen wir versuchen, einen kleineren vollständigen Kreis zu bilden. Ich weiß nicht, ob das möglich ist. Wir könnten eventuell glauben, es wäre uns gelungen, nur um dann festzustellen - wenn es zu spät ist -, daß wir uns getäuscht haben.«
Mike sah sie wieder der Reihe nach an. Seine Augen in dem braunen Gesicht waren tief eingesunken und wirkten sehr müde. »Ich glaube also, wir müssen abstimmen. Wollen wir hierbleiben und es wieder versuchen, oder gehen wir einfach nach Hause? Ich habe euch kraft eines alten Versprechens hergeholt; ich war mir nicht sicher, ob ihr euch überhaupt noch daran erinnern würdet. Aber ich kann euch nicht gegen euren Willen hier festhalten. Ich würde es auch gar nicht versuchen, denn es würde unweigerlich zu einer Katastrophe führen.«
Er schaute Bill an, und Bill begriff sofort, was jetzt kommen würde. Er hatte Angst davor, schreckliche Angst, aber er akzeptierte es: Mike hatte sie nach Derry geholt, doch nun gab er die Führungsrolle ab, gab sie an jene Person, die sie 1958 innegehabt hatte.
»Also, Big Bill, was sagst du? Führ du die Abstimmung durch.«
»Ist jedem klar, worum es geht?« fragte Bill. »Bev, du wolltest vorhin was sagen.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Okay«, sagte Bill. »Die Frage ist also - bleiben wir hier und kämpfen, oder lassen wir die ganze Sache sein? Wer stimmt für den Kampf?«
Etwa fünf Sekunden lang saßen alle völlig regungslos da, und Bill wurde an Auktionen erinnert, bei denen der Preis für irgendeinen Gegenstand so hochgeschnellt war, daß jene, die nicht mehr mitsteigern wollten, buchstäblich zu Statuen erstarrten und Angst hatten, eine juckende Stelle zu kratzen oder eine Fliege von der Nase zu scheuchen, weil der Auktionär ihre Bewegung mißverstehen und für ein neues, höheres Angebot halten könnte.
Bill dachte an Georgie, Georgie, der niemandem etwas zuleide getan hatte, Georgie, der in einer Hand sein Boot gehalten und mit der anderen die Druckknöpfe seines gelben Regenmantels geschlossen hatte.
Danke, Billy. Es ist ein tolles Boot.
Er spürte, wie der alte Zorn in ihm hochstieg, aber jetzt war er älter und hatte einen weiteren Horizont. Eine gräßliche Kette von Namen zog sich durch seinen Kopf: sein Bruder George; Betty Ripsom; Cheryl Lamonica, die aus dem Kenduskeag gefischt worden war; Matthew Clements, der von seinem Dreirad gezerrt worden war; die neunjährige Veronica Grogan, die man in einem Abzugskanal gefunden hatte; Patrick Hochstetter; Steven Johnson; Lisa Albrecht; all die anderen; und Gott weiß wie viele, die in den Polizeiakten von Derry als vermißt geführt wurden.
Langsam hob er die Hand und sagte: »Laßt uns den Hundesohn umbringen! Bringen wir Es diesmal wirklich um!«
Einen Moment lang war seine Hand allein, wie die Hand des einzigen Schülers in der Klasse, der die richtige Antwort weiß, und den die übrigen Kinder deswegen hassen. Dann seufzte Richie Tozier, hob die Hand und sagte: »Verdammt! Es wäre ja ohnehin sinnlos, diesen gewieften Schreiberling zum Heimfahren überreden zu wollen.«
Beverly Huggins hob die Hand. Sie hatte hektisch rote Flecken auf den Wangen und sah sowohl furchtbar aufgeregt als auch zu Tode geängstigt aus.
Mike hob die Hand.
Ben hob die Hand.
Eddie Kaspbrak lehnte sich in seinem Stuhl zurück und erweckte den Eindruck, als würde er am liebsten hineinkriechen und auf diese Weise unsichtbar werden. Sein schmales, zartes Gesicht sah mitleiderregend ängstlich aus, als er zuerst nach rechts und dann nach links auf die erhobenen Hände starrte. Einen Moment lang war Bill überzeugt davon, daß Eddie einfach aufspringen und ohne zurückzuschauen aus dem Zimmer stürzen würde; aber dann hob er eine Hand und umklammerte mit der anderen seinen Aspirator.
»Piep-piep«, sagte Eddie leise.
7. Der Klub der Verlierer bekommt ein Dessert
»So, Mike, und nun erzähl mal, was für 'ne Idee du hast«, sagte Bill. Sie waren von der Kellnerin gestört worden, die auf einer Platte sechs Glücks-Kuchen gebracht hatte. Sie hatte die sechs Personen, die ihre Hände in die Höhe streckten, mit höflichem Mangel an Neugier betrachtet. Sie hatten hastig die Hände gesenkt und geschwiegen, bis die Kellnerin wieder gegangen war.
»Sie ist ganz einfach«, sagte Mike, »aber sie könnte auch verdammt gefährlich sein.«
»Laß hören«, forderte Richie ihn auf.
»Ich dachte, daß wir uns für den Rest des Nachmittags trennen sollten«, sagte Mike, »und jeder von uns sollte den Ort aufsuchen, an den er oder sie sich am besten erinnert... das heißt, abgesehen von den Barrens. Ich glaube, dorthin sollte keiner von uns gehen... noch nicht. Man könnte es vielleicht einfach als eine Reihe Spaziergänge betrachten.«
»Und welchen Sinn soll das haben, Mike?« fragte Ben.
»Ich bin mir selbst nicht sicher«, erwiderte Mike. »Ihr müßt verstehen -ich verlasse mich ganz auf meine Intuition. Das ist schwierig, aber genau
deshalb glaube ich, daß es richtig sein könnte. Kinder neigen dazu, völlig ihrer Intuition zu vertrauen. Erwachsene gewöhnen sich das im allgemeinen ab. Ich habe diese Tatsache mit dem verknüpft, was ich vorhin gesagt habe... daß die Voraussetzungen sich einstellen.«
»Du meinst, wir sollten uns in die damalige Situation zurückversetzen«, sagte Richie. »Stimmt's?«
»Ich glaube schon«, meinte Mike. »Meine Idee - mein Vorschlag, oder wie immer ihr es nennen wollt - besteht einfach darin, daß jeder von uns diesen kleinen Spaziergang macht, und daß wir uns dann heute abend in der Bücherei treffen und unsere Erlebnisse austauschen... falls überhaupt etwas passiert.«
»Was wird deiner Meinung nach passieren?« fragte Bill.
Mike schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Ahnung. Vielleicht gar nichts. Das andere Extrem wäre, daß einer von euch heute abend einfach nicht in der Bücherei aufaucht. Ich habe keine plausible Begründung für solche Annahmen. .. nur wieder meine Intuition.«