Nach diesen Worten trat ein längeres Schweigen ein.
»Aber warum allein?« fragte Beverly schließlich. »Wenn wir diese Aufgabe als Gruppe ausführen wollen - weshalb sollen wir dann allein spazie-engehen?«
»Ich glaube, diese Frage kann ich beantworten«, sagte Bill.
»Dann tu's, Bill.« Mike hörte sich sehr erleichtert an.
»Jeder von uns war allein, als die Sache damals anfing«, erklärte Bill, an Beverly gewandt. »Ich erinnere mich nicht an alles - noch nicht -, aber soviel weiß ich noch. Das Foto in Georgies Zimmer, das sich bewegte. Bens Mumie. Der Aussätzige, den Eddie unter der Veranda auf der Neibolt Street sah. Mike, der in der Nähe des Kanals, im Bassey-Park, auf die Blutspur stieß. Bei dir war es die Stimme aus dem Abfluß und das Blut, das aus dem Rohr hervorschoß, Beverly. Und bei Richie...« Aber an dieser Stelle verstummte er verwirrt.
»Ich war nicht allein«, sagte Richie leise. »Ich hatte meine erste Erfahrung mit etwas Übernatürlichem in Georgies Zimmer. Als du und ich hingingen und jenes Foto von der Center Street am Kanal sich bewegte. Aber da waren wir zu zweit, Bill.«
»Es muß davor etwas anderes gegeben haben«, sagte Bill. »Erinnerst du dich an gar nichts Außergewöhnliches, das sich vor jenem Tag ereignet hat?«
»Ich...« Richies Augen flackerten ein wenig. Langsam sagte er: »Aber das war nur ein Traum. Im McCarron-Park. Ich...« Er verstummte.
»Was war es, Richie?« fragte Beverly.
»Nichts«, erwiderte Richie kurz. Er schaute Mike an. »Aber ich hab' nichts gegen einen Spaziergang. Es ist ein guter Zeitvertreib für den Nachmittag. Ein Streifzug durch die alte Heimatstadt.«
»Sind alle damit einverstanden?« fragte Bill. Sie nickten. »Und wir treffen uns dann um sieben in der Bücherei?«
»Klingelt, wenn ihr zu spät kommt«, sagte Mike. »Werktags schließt die Bücherei um sieben, bis in den Schulen die Sommerferien beginnen.«
»Und seid vorsichtig«, mahnte Bill. »Denkt daran, daß keiner von uns
richtig weiß, was wir eigentlich tun. Dies ist nur so eine Art Erkundungsgang. Wenn ihr irgendwas seht - rennt weg.«
Mike nickte. »Ja, das ist wichtig.«
»Wenn wir diesen Spazier- oder Erkundungsgang machen wollen, sollten wir allmählich aufbrechen«, sagte Ben. Er verzog den linken Mundwinkel zu einem angedeuteten Lächeln, das halb amüsiert und halb bitter war. »Obwohl ich nicht die geringste Ahnung habe, wohin ich gehen soll, wenn die Barrens tabu sind. Das war für mich das Tollste - mit euch dorthin zu gehen.« Seine Blicke schweiften zu Beverly und blieben einen Moment lang auf ihr haften. Dann schaute er wieder weg. »Mir fällt kein anderer Ort ein, der mir viel bedeutet hätte. Vermutlich werde ich einfach ein paar Stunden durch die Stadt schlendern, mir Gebäude anschauen und nasse Füße bekommen.«
»Du wirst schon 'nen Ort finden, alter Haystack«, sagte Richie. »Besuch doch einfach ein paar deiner alten Futterplätze und stärk dich ein bißchen.«
Ben lachte. »Ich kann bei weitem nicht mehr soviel essen wie als Zehnjähriger. Ich bin schon jetzt so voll, daß ihr mich gleich hier rausrollen müßt.«
»Also dann, gehen wir!« sagte Eddie.
»Wartet!« rief Beverly, als sie ihre Stühle zurückzuschieben begannen. »Unsere Glückskuchen!«
»Ja«, sagte Richie. »Ich kann mir den Inhalt von meinem gut vorstellen. DU WIRST BALD VON EINEM RIESIGEN MONSTER GEFRESSEN WERDEN. ELNEN SCHÖNEN TAG!«
Sie lachten, und Mike gab Richie die kleine Platte, der sie dann weiterreichte. Bill fiel auf, daß niemand seinen Kuchen öffnete, bevor nicht alle versorgt waren; jeder saß da, einen kleinen hutförmigen Kuchen vor sich auf dem Teller, und als Bev ihren lächelnd in die Hand nahm und in zwei Hälften brach, hätte er fast geschrien: Tu's nicht, leg ihn zurück, rühr ihn nicht an!
Aber es war schon zu spät. Beverly brach ihren Kuchen in zwei Hälften, Ben ebenfalls, Eddie zerteilte seinen sorgfältig mit der Gabel, und gerade als Beverlys Lächeln sich in eine Grimasse des Entsetzens verwandelte, dachte Bilclass="underline" Und wir wußten es, irgendwie wußten wir es, denn niemand von uns hat einfach in den Kuchen gebissen, was das Normalste gewesen wäre. Irgendwie erinnern wir uns immer noch... an alles.
Und dieses unterbewußte Wissen war eigentlich das Allerschlimmste; es war ein überzeugender Beweis für Mikes Worte, wie tief Es sie geprägt hatte... und daß sie sein Siegel immer noch trugen.
Blut spritzte aus Beverlys Kuchen wie aus einer aufgeschnittenen Arterie. Es rann an ihren Fingern herab und tropfte auf das weiße Tischtuch, färbte es rot, sickerte ein... und breitete sich immer mehr aus.
Eddie Kaspbrak stieß einen erstickten Schrei aus und schob seinen Stuhl so heftig vom Tisch weg, daß dieser fast umkippte. Ein großes Insekt mit häßlich gelb-braunem Rückenpanzer schob sich aus seinem Glückskuchen wie aus einem Kokon. Die schwarzen Augen starrten blind nach vorne. Als es auf Eddies Brotteller taumelte, rieselten Kuchenkrumen von seinem harten Panzer; Bill hörte es ganz deutlich, und das Geräusch verfolgte ihn in jener Nacht im Traume. Als er sich ganz aus dem Kuchen befreit hatte, rieb es
seine dünnen Hinterbeine aneinander, wodurch ein leises Summen entstand, und Bill erkannte, daß es eine Art schrecklich verändertes Heimchen war. Es rutschte über den Tellerrand und fiel auf den Rücken.
»O mein Gott!« brachte Richie mit erstickter Stimme hervor. »O mein Gott, Big Bill, es ist ein Auge, gütiger Gott, es ist ein Auge, es ist ein Auge...«
Bill drehte sich um und sah, daß Richie wie hypnotisiert auf seinen Glückskuchen starrte, in dem ein menschlicher Augapfel lag. Kuchenkrumen waren auf der blanken braunen Iris verstreut und in die weiße Augenhaut eingebettet.
Ben Hanscom schleuderte seinen Kuchen entsetzt von sich. Er rollte über den Tisch, und Bill sah im hohlen Innern zwei Zähne, deren Wurzeln von altem, geronnenem Blut dunkel verfärbt waren. Sie rasselten gegeneinander wie Samen in einem hohlen Kürbis... eigentlich konnten sie ein solches Geräusch unmöglich erzeugen, aber alle hörten es.
Bill blickte hoch und sah, daß Beverly den Atem anhielt und gleich schreien würde. Sie starrte auf das Insekt, das aus Eddies Kuchen gekrochen war und jetzt hilflos auf dem Tischtuch zappelte.
Bill reagierte blitzartig, ohne nachzudenken. Intuition, schoß es ihm durch den Kopf, während er aufsprang und Beverly mit seiner Hand den Mund zuhielt, bevor sie schreien konnte. Ich handle rein intuitiv. Mike müßte stolz auf mich sein.
Anstatt eines Schreis war nur ein ersticktes Mmmpf! zu hören.
Eddie gab jene pfeifenden Töne von sich, an die Bill sich von früher so gut erinnerte. Von dieser Seite drohten also keine Schreie. Bill sah die anderen scharf an. »Hört auf! Alle! Haltet den Mund!«
Rich fuhr sich mit der Hand über den Mund. Mikes Gesicht war ganz grau, aber er nickte Bill anerkennend zu. Sie waren alle vom Tisch weggesprungen. Bill hatte seinen eigenen Glückskuchen nicht geöffnet, aber nun sah er, daß die Seiten sich langsam bewegten - sich auswölbten und wieder einsanken - während die ihm zugedachte Überraschung, was immer das auch sein mochte, versuchte herauszukommen.
»Mmmpf!«
Bill löste seine Hand von Bevs Mund. »Sei still!« warnte er sie.
Ihr Gesicht schien nur aus Augen zu bestehen. Ihr Mund zuckte. »Bill... Bill, hast du gesehen...« Sie starrte wieder auf das Heimchen, das dem Tode nahe war. Die schwarzen runzeligen Augen schienen ihren Blick direkt zu erwidern, und Beverly begann zu stöhnen.
»Hör auf!« sagte Bill scharf. »Und setz dich wieder an den Tisch!«