»Ich kann nicht, Billy, ich kann nicht...«
»Du kannst! Du mußt!« Er hörte leichte Schritte auf dem Gang, die sich dem Perlenvorhang an der Tür näherten. »Das gilt für euch alle! Setzt euch wieder an den Tisch! Redet! Benehmt euch völlig normal!«
Beverly warf ihm einen flehenden Blick zu, aber Bill schüttelte den Kopf. Er setzte sich, zog seinen Stuhl an den Tisch heran und bemühte sich, nicht den Kuchen auf seinem Teller anzustarren, der pulsierte wie ein Herz kurz vor dem Stillstand. Ich hätte hineinbeißen können, dachte er entsetzt.
Eddie schob seinen Aspirator wieder in den Mund und inhalierte tief.
»Was glaubst du - wer wird den Sieg davontragen?« sagte Bill an Mike gewandt und lächelte verzerrt, gerade als Rose mit höflich fragendem Gesichtsausdruck hereinkam. Aus dem Augenwinkel heraus sah er, daß Bev wieder am Tisch saß. Braves Mädchen, dachte er.
»Ist alles in Ordnung?« erkundigte sich Rose.
»Alles b-bestens«, sagte Bill und deutete mit dem Daumen auf Eddie. »Unser Freund hatte einen Asthmaanfall. Aber es geht ihm schon wieder besser, seit er seine Arznei genommen hat.«
Rose schaute Eddie besorgt an.
»Mir geht's wirklich schon viel besser«, keuchte Eddie.
Rose warf einen Blick auf den Tisch. »Sollen wir abräumen?«
»In Kürze«, sagte Mike mit breitem unechten Lächeln.
»Hat's Ihnen geschmeckt?« fragte sie. Ihre Blicke glitten wieder über den Tisch. Sie sah weder das Heimchen, das nur noch schwach zuckte, noch den großen Blutfleck auf dem Tischtuch, noch das Auge, das aus einem der Glückskuchen starrte, hoch die Zähne in einem der anderen Kuchen; sie sah auch nicht, daß Bills Kuchen rhythmisch pulsierte. Sie sah nichts davon, aber sie spürte, daß etwas nicht in Ordnung war.
»Ausgezeichnet«, sagte Beverly und lächelte - es war ein wesentlich natürlicheres Lächeln als Mikes und Bills. Mädchen können sich fantastisch beherrschen, dachte Bill.
»Waren die Glückskuchen gut?« fragte Rose.
Bill hörte ein leises Geräusch. Er warf einen Blick auf seinen Kuchen und sah ein Insektenbein herausragen und blindlings auf seinem Teller herumtasten.
Ich hätte hineinbeißen können, dachte er wieder, behielt aber sein starres Lächeln bei. »Sehr gut«, sagte er.
Richie starrte auf Bills Teller. Eine große grauschwarze Fliege kroch aus dem Kuchen, den sie aufgebrochen hatte wie ein gräßliches Ei. Ihre Membranflügel waren naß und klebten an ihrem Körper. Sie summte schwach.
»Na dann...«, sagte Rose mit unsicherem Lächeln.
»Ein wunderbares Essen«, lobte Richie. »Höchst ungewöhnlich.«
Ihr Lächeln wurde natürlicher. »Dann verlasse ich Sie jetzt wieder«, sagte sie und ließ ihren Worten die Tat folgen.
Kaum war sie verschwunden - die Perlenschnüre bewegten sich noch -, als alle ihre Stühle wieder vom Tisch wegschoben.
»Was ist das?« flüsterte Ben heiser, während er das Insekt auf Bills Teller anstarrte.
»Eine Fliege«, sagte Bill. »Oder vielmehr eine Fliegen-Mutation. Die Erfindung eines Schriftstellers namens George Langlahan. Er schrieb eine Geschichte mit dem Titel >The Fly<. Sie wurde Ende der 5oer oder Anfang der 6oer Jahre im >Playboy< veröffentlicht und hat mir Alpträume verursacht. In letzter Zeit habe ich sehr oft daran gedacht. Es wendet wieder seine alten Tricks an.«
»Ich glaube, ich muß mich übergeben«, sagte Beverly. »Entschuldigt mich bitte.«
Sie ging rasch hinaus, noch bevor einer der Männer aufstehen konnte.
Bill warf seine Serviette über die Fliege, die etwa die Größe eines jungen
Schmetterlings hatte. Es war eigentlich unmöglich, daß etwas so Großes aus einem kleinen chinesischen Glückskuchen geschlüpft war... und doch war es so. Sie summte wütend unter der Serviette, dann verstummte sie.
»Mein Gott«, murmelte Eddie.
Wir können im Foyer auf Beverly warten«, sagte Mike. »Machen wir, laß wir hier schleunigst rauskommen.«
Alle standen auf und entfernten sich vom Tisch. Im Hinausgehen warf Bill noch einen Blick zurück. Aus Beverly s aufgebrochenem Kuchen tropfte immer noch Blut. Die Ausbuchtung unter seiner Serviette zuckte nur noch ganz schwach.
Beverly kam aus der Damentoilette, als sie gerade im Foyer angelangt waren. Sie war bleich, aber gefaßt. Mike stellte einen Scheck aus, und sie traten in den regnerischen Nachmittag hinaus.
»Hat jemand durch diesen Vorfall seine Meinung geändert?« fragte Mike.
»Ich nicht«, sagte Ben.
»Nein«, sagte Richie.
»Nein«, sagte Eddie. »Ich glaube, zum Umkehren ist es jetzt zu spät.«
Bill schüttelte den Kopf und schaute Beverly an.
»Ich bleibe«, sagte sie. »Bill, was hast du gemeint, als du sagtest, daß Es seine alten Tricks anwendet?«
»Ich habe in letzter Zeit sehr viel an diese Langlahan-Geschichte gedacht«, erklärte er. »>The Fly< wurde mit Vincent Price verfilmt, und kürzlich fragte mich ein Filmproduzent, Richard Kobritz, ob ich Interesse daran hätte, das Drehbuch für eine Neuverfilmung zu schreiben. Das hat mich sehr beschäftigt. Bei dir war es Blut, Beverly. Warum hattest du Blut im Sinn?«
»Vermutlich wegen des Blutes aus dem Abfluß«, sagte Beverly sofort. »Damals im Bad, als wir Kinder waren.« Aber stimmte das wirklich? Eigentlich glaubte sie selbst nicht an diese Erklärung. Denn als das warme Blut ihr über die Finger geflossen war, hatte sie sofort an jenen blutigen Fußabdruck gedacht, den sie hinterlassen hatte, nachdem sie in die Scherbe getreten war. Tom.
Und
(Bevvie, manchmal mache ich mir schreckliche Sorgen)
ihr Vater.
Bill wandte sich Eddie zu. »Warum war es ein Heimchen?«
»Unser Keller«, erklärte Eddie. »Wir haben Heimchen im Keller. Sie machen uns nachts total verrückt. Ein paar Nächte vor Mikes Anruf hatte ich einen schrecklichen Alptraum. Mir träumte, daß ich aufwachte und das ganze Bett von Heimchen nur so wimmelte. Myra rief den Kammerjäger an, aber er sagte, er könne erst Mitte Juni kommen. Ich mag keine Insekten.«
»Rose hat nichts gesehen«, sagte Ben. »Sie schaute direkt auf diese... diese ganze Schweinerei und sah nichts.« Er schaute Beverly an. »So wie deine Eltern das Blut aus dem Abfluß nicht gesehen haben.«
»Ja«, flüsterte sie. »Genauso.«
Sie standen in dem feinen Frühlingsregen und sahen einander an.
Mike warf einen Blick auf seine Uhr. »In 20 Minuten oder so fährt ein Bus«, sagte er, »ich kann aber auch Taxis bestellen. Was euch lieber ist.«
»Ich glaube, ich gehe gleich von hier aus zu Fuß«, sagte Bill. »Ich kann jetzt etwas frische Luft gut gebrauchen.«
»Ich glaub', ich nehm' ein Taxi«, meinte Ben.
»Ich fahr' mit, wenn du mich in der Innenstadt aussteigen läßt«, sagte Richie.
»Okay. Wohin willst du?«
Richie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es noch nicht.«
Die anderen beschlossen, auf den Bus zu warten.
»Heute abend um sieben«, erinnerte Mike Bill. »Und - Bill!«
»Ja?«
»Sei vorsichtig.«
»Das w-w-werde ich.« Er schlenderte davon, die Hände in den Taschen, froh über die frische Luft, froh darüber, den feinen nebelartigen Regen auf seinem Gesicht zu spüren, hauptsächlich aber heilfroh darüber, daß das Treffen jetzt vorüber war und daß jetzt Taten folgen konnten.
Elftes Kapitel
Sechs Spaziergänge
1. Ben Hanscom leiht ein Buch aus
Richie Tozier stieg an der Kreuzung Kansas-, Center- und Main Street aus dem Taxi und Ben oben auf dem Up-Mile Hill. Eigentlich hätte er genausogut mit Richie aussteigen können, aber es war vielleicht besser, von Anfang an allein loszugehen.