Er stand an der Ecke Kansas Street und Daltrey Close, seine Hände in den Hosentaschen, blickte dem Taxi nach, das sich wieder in den Verkehr einordnete, und versuchte, den gräßlichen Abschluß des Mittagessens aus seinen Gedanken zu verscheuchen. Aber es gelang ihm nicht; immer wieder hatte er jene grauschwarze Fliege vor Augen, die aus dem Glückskuchen auf Bills Teller gekrochen war, und deren Flügel am Rücken geklebt hatten. Er bemühte sich immer wieder, an etwas anderes zu denken, und jedesmal, wenn er gerade glaubte, es wäre ihm gelungen, stellte er fest, daß seine Gedanken schon wieder um diese entsetzliche Szene kreisten.
Ich versuche, irgendeine logische Erklärung dafür zu finden, dachte er. Wenn man Bauwerke errichtete, mußte man bestimmte Naturgesetze beachten; Naturgesetze lassen sich in Gleichungen fassen; Gleichungen sind logisch aufgebaut. Wo lag die logische Erklärung für das, was vor einer knappen halben Stunde geschehen war?
Denk nicht mehr daran, sagte er sich zum x-ten Male. Du kannst es nicht erklären, also laß es sein.
Aber dazu war er nicht imstande. Er erinnerte sich daran, daß sein Leben am Tag nach seiner Begegnung mit der Mumie auf dem vereisten Kanal ganz normal weitergegangen war. Er hatte immer noch das Gefühl gehabt, daß jene Kreatur - was immer es auch gewesen sein mochte - ihn um ein Haar erwischt hätte, aber sein Leben ging ganz normal weiter: Er war zur Schule gegangen, hatte eine Klassenarbeit im Rechnen geschrieben, war nach der Schule in die Bücherei gegangen und hatte mit seinem üblichen herzhaften Appetit gegessen. Er hatte die Erscheinung auf dem Kanal einfach in sein Leben integriert, und wenn sie ihn auch um ein Haar getötet hätte... nun, Kinder waren dem Tod immer sehr nahe. Sie überquerten Straßen, ohne nach links und rechts zu schauen, sie paddelten auf dem See herum und stellten plötzlich fest, daß sie auf ihren Gummiflößen viel zu weit hinausgetrieben waren, sie fielen von Kletterstangen und Bäumen herunter.
Während Ben jetzt im Nieselregen vor einem Eisenwarengeschäft stand -1958 war hier ein Pfandleihhaus gewesen, erinnerte er sich -, wurde ihm durch eigene Erfahrung klar, worüber Mike und Bill beim Mittagessen gesprochen hatten (bevor die Insekten aus den Kuchen herauskrochen, flüsterte eine innere Stimme, die er nicht zum Schweigen bringen konnte - vor dem Hut, dem Auge und jenen Zähnen). Kinder konnten das Unerklärliche besser in ihr Leben integrieren. Sie glaubten ohnehin an die unsichtbare Welt.
Über wundersame Ereignisse - ob positiver oder negativer Art - wurde zwar durchaus nachgedacht, aber die Welt stand dadurch keineswegs still. Ein plötzliches überwältigendes Ereignis schöner oder schrecklicher Art verschlug einem Zehnjährigen nicht im geringsten den Appetit.
Aber das änderte sich, wenn man älter wurde. Als Erwachsener lag man nicht mehr wach im Bett und war überzeugt davon, daß im Schrank etwas lauerte oder unermüdlich am Fenster kratzte... aber wenn dann tatsächlkh etwas passierte, war man völlig überfordert, geriet ins Schleudern, die Vorstellungskraft versagte. Man konnte das unerklärliche Ereignis nicht so ohne weiteres mit der Lebenserfahrung in Übereinstimmung bringen. Es war unverdaulich. Der Verstand beschäftigte sich immer wieder damit... bis man schließlich entweder verrückt oder zumindest völlig unfähig zum Handeln wurde.
Und wenn das passiert, dachte Ben, hat Es gewonnen. Dann bin ich - sind wir - verloren.
Er spazierte die Kansas Street hinauf, scheinbar ohne festes Ziel.
Und plötzlich dachte er: Was haben wir nur mit den Silberdollars gemacht? Er konnte sich immer noch nicht daran erinnern.
Er ging dahin und beschäftigte sich mit der zentralen Frage: Waren sie überhaupt noch eines solch elementaren Glaubens fähig, der für die Bewältigung dieser Aufgabe notwendige Voraussetzung war? Vielleicht hätten sie lieber wegrennen sollen, so schnell sie nur konnten.
Die Silberdollars, Ben... Beverly hat dir mit ihnen das Leben gerettet... dir... höchstwahrscheinlich auch allen anderen. Aber wie? Was hat sie nur gemacht? Und wie war es möglich, daß sie damit Erfolg hatte? Sie hat Es irgendwie in die Flucht geschlagen, und wir alle haben ihr dabei geholfen. Aber wie?
Ihm fiel plötzlich ein Wort ein, mit dem er nichts anfangen konnte, das ihm aber unwillkürlich eine Gänsehaut verursachte: Chüd.
Chüd
Was bedeutete das?
»Ich weiß es nicht«, sagte er laut, und als er sich rasch umschaute, ob jemand sein Selbstgespräch gehört hatte, stellte er fest, daß er - entweder zufällig oder unbewußt - von der Kansas Street in die Costello Avenue abgebogen war. Beim Mittagessen hatte er den anderen erzählt, die Barrens seien der einzige Ort in Derry gewesen, wo er sich als Kind wirklich glücklich gefühlt hätte... aber das stimmte nicht ganz, fiel ihm jetzt ein. Es hatte noch einen zweiten Ort gegeben. Entweder zufällig oder unbewußt war er an diesen anderen Ort gegangen: zur Bücherei von Derry.
Ein, zwei Minuten stand er davor, die Hände in den Taschen. Hier hatte sich nichts verändert; es war immer noch dasselbe alte graue Steingebäude, und er bewunderte es jetzt wieder genauso wie als Kind. Wie so viele andere gut entworfene Steinbauten, so verwirrte auch dieses den scharfen Beobachter durch Widersprüchlichkeiten: Trotz des soliden Steingefüges wirkte es durch die Bögen und die schlanken Säulen nicht plump, sondern eher grazil; es sah vertrauenerweckend stabil aus, zugleich aber auch anmutig, und die in schmale Eisenstreifen gefaßten, oben abgerundeten Fenster verliehen ihm eine gewisse Leichtigkeit.
Diese widersprüchlichen Elemente bewahrten es davor, häßlich zu wirken, und Ben stellte überrascht fest, daß er dieses Gebäude liebte.
Er blickte die Straße entlang und sah die Stadthalle. Hier auf der Costello Avenue schien sich demnach nicht viel verändert zu haben.
Er durchquerte den Rasen und bemerkte nicht einmal, daß seine Schuhe naß wurden - er wollte einen Blick auf jenen Glaskorridor zwischen Erwachsenen- und Kinderbücherei werfen. Auch er war unverändert, und als Ben neben den tiefhängenden Zweigen einer Trauerweide stehenblieb, konnte er in dem Korridor Leute hin und her laufen sehen. Die alte verzückte Begeisterung ergriff von ihm Besitz, und jetzt vergaß er zum erstenmal, was zum Abschluß des Mittagessens geschehen war. Er erinnerte sich daran, daß er auch vor 27 Jahren manchmal an dieser Stelle gestanden hatte, nur war es damals Winter gewesen, und er hatte sich durch fast hüft-hohen Schnee einen Weg gebahnt und oft eine Viertelstunde hier verweilt.
Er war in der Dämmerung hergekommen, erinnerte er sich, und auch damals hatte ihn der Kontrast so fasziniert, daß er darüber seine vor Kälte raupen Fingerspitzen und den schmelzenden Schnee in seinen grünen Gummistiefeln vergaß. Draußen, wo er stand, wurde es allmählich dunkel, der Himmel war im Osten aschfarben, im Westen purpurrot. Draußen, wo er stand, war es kalt, zehn Grad minus oder noch mehr, wenn der Wind - wie es oft der Fall war - von den vereisten Barrens her pfiff.
Aber dort, keine 40 Yards von seinem Standort entfernt, liefen die Leute hemdsärmelig hin und her. Dort, keine 40 Yards von seinem Standort entfernt, war ein heller Lichttunnel. Kleine Kinder tuschelten und kicherten da, verliebte Pärchen aus der High School hielten Händchen (und wenn die Bibliothekarin sie sah, rief sie sie zur Ordnung). Für ihn war das so etwas wie Zauberei, herrliche Zauberei - er war damals zu jung gewesen, um diese Zauberwirkung mit so nüchternen Dingen wie elektrischem Strom und Ölheizung zu erklären. Für ihn war jener strahlende Zylinder voll Licht und Leben, der die beiden Gebäude wie eine Rettungsleine miteinander verband, ein Wunder; es war ein Wunder, daß dort Leute umhergingen, unberührt von Dunkelheit und Kälte. Irgendwie wurden sie dadurch zu etwas Besonderem - zu gottähnlichen Wesen.