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Wenn er dann schließlich seinen Standort verließ (was er auch jetzt tat) und um das Gebäude herum zum Vordereingang ging (was er auch jetzt tat), blieb er immer noch einmal stehen und warf einen Blick zurück (was er auch jetzt tat), bevor die vorragende Steinmauer der Erwachsenenbücherei ihm die Sicht nahm. Aus der Entfernung konnte man keine Menschen erkennen, nur jenen horizontalen Lichtkorridor im Schnee, der aussah wie ein exotisches Raumschiff, das aus einem Science-fiction-Film auf die Erde herniedergefallen war.

Leicht amüsiert über den nostalgischen Schmerz in seinem Herzen, dachte Ben, daß es nur allzu verständlich war, daß er unbewußt diesen Korridor für die Briten neu geschaffen hatte. Er war für ihn ein Wunder gewesen, und offensichtlich war dieser Zauber immer noch wirksam.

Er ging die Stufen zur Tür der Erwachsenenbücherei hinauf und blieb einen Augenblick auf der schmalen offenen Veranda hinter den Pfeilern stehen, wo es immer so herrlich kühl gewesen war, auch an den heißesten

Sommertagen. Dann zog er die große eisenbeschlagene Holztür mit dem Buchschlitz in der Mitte auf und tauchte in die Stille ein.

Einen Moment lang war ihm fast schwindelig, mit solcher Kraft brach die Erinnerung über ihn herein, als das gedämpfte Licht der Kugellampen ihn umfing. Es war jenes seltsame Gefühl, das die Menschen in Ermangelung eines besseren Ausdrucks >Deja-vu-Erlebnis< nennen. Ben hatte dieses Gefühl auch früher schon erlebt, aber nie mit derart überwältigender Intensität; während er so dastand, wußte er buchstäblich nicht mehr genau, wie alt er wirklich war - 37 Jahre oder 10.

Hier herrschte immer noch dieselbe behagliche Stille, die nur von einem gelegentlichen Flüstern, den schwachen Geräuschen beim Stempeln von Büchern oder Leihkarten, dem leisen Rascheln beim Umblättern von Zeitungen oder Zeitschriften durchbrochen wurde. Heute wie damals liebte er das Licht, das durch die hohen, schmalen Fenster einfiel; an diesem regnerischen Nachmittag war es so grau wie ein Taubenflügel, einschläfernd und irgendwie gemütlich.

Er ging über den Fußboden mit dem rotschwarzgemusterten Linoleumbelag und versuchte wie früher, möglichst geräuschlos aufzutreten - die Bücherei hatte in der Mitte eine Kuppel, in der jedes Geräusch laut widerhallte.

Er sah, daß die eisernen Wendeltreppen zum Büchermagazin noch da waren, auf beiden Seiten der hufeisenförmigen Ausleihtheke, aber er entdeckte auch etwas Neues - einen kleinen käfigartigen Aufzug. Er fühlte sich richtig erleichtert, denn das trieb einen Keil in jenes übermächtige Gefühl.

Während er den großen Saal durchquerte, kam er sich wie ein Eindringling, wie ein Spion aus einem anderen Land vor (aus dem Land der Vergangenheit? dachte er verwirrt), und er erwartete fast, daß die Bibliothekarin an der Ausleihtheke den Kopf heben, ihn mustern und sodann mit lauter Stimme - jeder Leser würde aufschrecken, und alle Blicke würden sich auf ihn richten - rufen würde: »Sie! Ja, Sie! Was machen Sie hier? Sie haben hier nichts zu suchen - Sie sind ein Fremder! Gehen Sie dorthin zurück, woher Sie gekommen sind! Gehen Sie sofort, bevor ich die Polizei rufe!«

Sie schaute tatsächlich auf, ein hübsches junges Mädchen, und einen absurden Moment lang glaubte Ben, daß seine Fantasiegespinste gleich Wirklichkeit würden, und sein Herz pochte laut, als ihre hellblauen Augen ihn musterten. Dann wandte sie ihren Blick gleichgültig ab, und Ben erwachte aus seiner Erstarrung. Wenn er ein Spion war, so war er unentdeckt geblieben.

Er ging an einer der schmalen und selbstmörderisch steilen Wendeltreppen vorbei und stellte amüsiert fest, daß er schon wieder in eine alte Kindergewohnheit verfallen war. Er hatte hochgeschaut, in der Hoffnung, ein Mädchen im Rock die Treppe herabkommen zu sehen. Er erinnerte sich daran, daß er eines Tages im Alter von acht oder neun Jahren rein zufällig den Kopf gehoben und plötzlich einem hübschen jungen Mädchen direkt unter den Rock geschaut und den sauberen rosa Slip gesehen hatte. Ebenso wie das Funkeln von Beverly s Fußkettchen in der Sonne an jenem letzten Schultag 1958 sein Herz mit einem Pfeil von etwas anderem als einfacher Liebe oder Zuneigung durchbohrt hatte, so auch jener Slip des jungen Mäd-

chens. Er erinnerte sich daran, daß er mindestens 20 Minuten in der Kinderbücherei gesessen und diesen unerwarteten Anblick vor Augen gehabt hatte, mit hochrotem Kopf, ein Buch über die Geschichte der Eisenbahn aufgeschlagen auf dem Tisch; aber anstatt darin zu lesen, hatte er sich ausgemalt, daß er jenes Mädchen heiraten würde, daß sie beide in einem kleinen Haus am Rande der Stadt wohnen und unglaubliche Wonnen erleben würden - obwohl er sich darunter überhaupt nichts Konkretes vorstellen konnte.

Diese Gefühle waren ebenso plötzlich wieder verschwunden, wie sie gekommen waren, aber seitdem war er nie wieder unter der Treppe durchgegangen, ohne hinaufzuschauen. Er hatte nie wieder etwas so Interessantes und Erregendes gesehen (einmal war eine fette Frau schwerfällig die Treppe heruntergewatschelt, doch von diesem Anblick hatte er sich hastig und irgendwie beschämt abgewandt), aber er hatte die Angewohnheit beibehalten - und selbst jetzt, nach all den vielen Jahren, hatte er als Erwachsener hochgeschaut.

Er ging langsam durch den Glaskorridor zur Kinderbücherei. Als er diese Liliput-Welt mit ihren kleinen Tischen und Stühlen aus hellem Holz betrat, diese Welt, wo der Trinkbrunnen nur vier Fuß hoch war, fiel ihm eine weitere Veränderung ins Auge: das gerahmte Bild an der Wand gegenüber zeigte nicht Dwight D. Eisenhower, sondern Ronald Reagan. Aber...

Wieder überkam ihn jenes übermächtige Gefühl. Er war ihm hilflos ausgeliefert, und diesmal verspürte er das dumpfe Entsetzen eines Mannes, der nach einer halben Stunde unbeholfener Schwimmversuche schließlich erkennt, daß das Ufer nicht näher gerückt ist, daß er ertrinken wird.

Es war gerade Vorlesestunde, und drüben in der Ecke saßen etwa zwölf kleine Kinder auf ihren Miniaturstühlchen im Halbkreis und lauschten aufmerksam. »Wer trippelt und trappelt da über meine Brücke?« las die Bibliothekarin mit der tiefen, brummenden Stimme des Trolls in der Geschichte, und Ben dachte: Wenn sie den Kopf hebt, werde ich sehen, daß es    Miß

Davies ist, es wird Miß Davies sein, und sie wird keinen Tag älter aussehen als    da

mals ...

Aber als sie dann wirklich den Kopf hob, sah er eine Frau, die noch viel jünger war als damals Miß Davies.

Einige der Kinder hielten sich die Hand vor den Mund und kicherten, aber andere hingen gebannt an ihren Lippen, und ihre Augen spiegelten die ewige Faszination des Märchens wider: Würde das Ungeheuer besiegt werden... oder würde es die Guten auffressen?

»Ich bin's, Billy Goat's Gruff, der über deine Brücke trippelt und trappelt«, las die Bibliothekarin weiter, und Ben ging bleich im Gesicht an ihr vorbei.

Aber wie kann es nur dieselbe Geschichte sein? Genau dieselbe Geschichte? Soll ich das vielleicht für reinen Zufall halten? Das tu' ich nicht... nein, verdammt, das kann ich einfach nicht! Und er hörte Mike sagen: Jene Voraussetzungen werden sich unweigerlich einstellen.

Ich müßte mit jemandem sprechen, dachte er in panischem Schrecken. Mit Mike... Bill... mit irgendjemandem. Wenn es diese Voraussetzungen tatsächlich gibt - ist das Vermischen von Gegenwart und Vergangenheit dann ein Bestandteil davon? Denn ich bin mir nicht sicher, ob ich das verkrafte. Ich...

Sein Blick fiel auf die Ausleihtheke, und ihm blieb einen Moment lang fast das Herz stehen, bevor es rasend zu pochen begann. Das Plakat war einfach, knapp... und altvertraut. Es stand darauf: