DENKT AN DIE SPERRSTUNDE!
19 UHR
POLIZEISTATION DERRY.
.. .jene Voraussetzungen werden sich unweigerlich einstellen.
Und in diesem Moment wurde ihm schlagartig, blitzartig alles klar- er erkannte, daß ihre Abstimmung ein Witz gewesen war. Sie hatten keine Wahl, hatten nie eine gehabt. Sie befanden sich auf einer vorherbestimmten Bahn...
»Mein Gott«, murmelte er und rieb sich die Wange.
»Kann ich Ihnen helfen, Sir?« fragte eine Stimme dicht neben ihm, und er zuckte zusammen. Es war ein etwa siebzehnjähriges Mädchen, dessen dunkelblonde Haare mit Spangen aus dem hübschen Gesicht gehalten wurden. Eine Büchereihilfskraft, wie es sie auch 1958 schon gegeben hatte -Mädchen und Jungen von der High School, die Bücher einordneten, den Kindern zeigten, wie man die Katalogkästen benutzte und über Buchbesprechungen und Schülerzeitungen diskutierten. Sie wurden erbärmlich schlecht bezahlt, aber es fanden sich trotzdem immer Interessenten, denn die Arbeit war leicht und angenehm.
Als er den zwar freundlichen, aber fragenden Blick des Mädchens sah, wurde ihm bewußt, daß er hier im Kinderland ein Fremdling war, ein Riese im Zwergenland. In der Erwachsenenbücherei hatte der Gedanke, gemustert oder angesprochen zu werden, ihm Unbehagen bereitet, aber jetzt fühlte er sich dadurch direkt erleichtert. Zum einen bewies es, daß er ein Erwachsener war, und auch die Tatsache, daß das Mädchen unter seinem dünnen Westernhemd ohne jeden Zweifel keinen BH trug, war eher erleichternd als erregend: die deutlich sichtbaren Brustwarzen unter dem Baumwollhemd waren Beweis genug - jetzt war 1985 und nicht 1958.
»Nein, danke«, erwiderte er, und dann hörte er sich plötzlich aus unerfindlichem Grunde sagen: »Ich habe nach meinem Sohn Ausschau gehalten.«
»Oh! Wie heißt er denn? Vielleicht habe ich ihn gesehen.« Das Mädchen lächelte. »Ich kenne die meisten Kinder.«
»Sein Name ist Ben Hanscom«, sagte er. »Aber ich sehe ihn hier nicht.«
»Sagen Sie mir, wie er aussieht, dann richte ich ihm gern etwas aus.«
»Na ja«, sagte Ben, der sich inzwischen etwas unbehaglich fühlte, »er ist ziemlich stämmig, und er sieht mir ein bißchen ähnlich. Aber es ist nichts Wichtiges. Wenn Sie ihn sehen sollten, richten Sie ihm bitte nur aus, sein Vater hätte auf dem Heimweg hier reingeschaut.«
»Das tu' ich«, sagte das Mädchen und lächelte, aber es lächelte nicht mit den Augen, und plötzlich begriff Ben, was los war. Das Mädchen war Hilfskraft in der Kinderabteilung der öffentlichen Bücherei in einer Stadt, in der innerhalb von acht Monaten neun Kinder brutal ermordet worden waren. Das Mädchen hatte einen seltsamen Mann in dieser Liliput-Welt gesehen, wohin sich kaum ein Erwachsener verirrte, es sei denn, um sein Kind hinzubringen oder abzuholen. Du bist verdächtig, Ben... ganz klar.
Er kehrte durch den Glaskorridor zur Erwachsenenbücherei zurück und ging zur Ausleihtheke, einem Impuls folgend, den er nicht verstand... aber vielleicht war das unwichtig. Er hatte das Gefühl, daß sie an diesem Nachmittag einfach ihren Impulsen folgen und sehen sollten, wohin sie das führte.
Das Namensschildchen auf der Ausleihtheke wies die junge, hübsche Bibliothekarin als Carol Danner aus. Hinter ihr konnte Ben eine Tür mit Milchglasscheibe sehen, auf der zu lesen stand: Michael hanlon, Leiter
DERBÜCHEREI.
»Kann ich Ihnen behilflich sein?« fragte Miß Danner.
»Ich glaube schon«, sagte Ben. »Das heißt, ich hoffe es. Mein Name ist Benjamin Hanscom. Ich hätte gern eine Leihkarte.«
»Ausgezeichnet«, sagte sie und holte ein Formular heraus. »Wohnen Sie hier in Derry?«
»Nein.«
»Wie lautet dann Ihre Heimatadresse?«
»Rural Star Route 2, Hemingford Home, Nebraska.«
»Soll das ein Scherz sein?« fragte sie mit einem schwachen Lächeln.
»Keineswegs.«
»Ein ziemlich weiter Weg, um Bücher auszulernen, meinen Sie nicht? Gibt es in Nebraska keine Büchereien?«
»Es ist pure Sentimentalität«, sagte Ben. Wider Erwarten machte es ihn nicht verlegen, das einer wildfremden Person zu erklären. »Ich bin in Derry aufgewachsen, müssen Sie wissen, und jetzt bin ich zum erstenmal seit meiner Kindheit wieder hier. Ich bin herumgeschlendert und habe geschaut, was sich hier verändert hat und was nicht. Und plötzlich ist mir eingefallen, daß ich etwa neun Jahre meines Lebens - von drei bis zwölf - hier verbracht und doch keinen einzigen Erinnerungsgegenstand an all diese Jahre habe. Nicht einmal eine Postkarte. Ich hatte ein paar Silberdollars, aber die habe ich einem Freund geschenkt. Ich glaube, ich möchte einfach ein Andenken an meine Kindheit haben. Ein bißchen spät - aber besser spät als gar nicht, heißt es nicht so?«
Miß Danner lächelte, und das Lächeln verschönte noch ihr ohnehin hübsches Gesicht. »Das ist wirklich sehr süß«, sagte sie. »Wenn Sie ein bißchen schmökern möchten, werde ich inzwischen die Karte ausstellen.«
Ben grinste ein wenig. »Vermutlich muß ich eine Gebühr bezahlen«, sagte er. »Nachdem ich ja kein Einwohner von Derry bin und so.«
»Hatten Sie als Junge eine Karte?«
»Aber ja«, sagte Ben und fügte wahrheitsgetreu hinzu: »Abgesehen von meinen Freunden war das wohl das wichtigste...«
»Ben, willst du nicht raufkommen?« rief plötzlich eine laute Stimme, die die Stille der Bücherei abrupt durchbrach.
Er zuckte schuldbewußt zusammen, wie Leute das so an sich haben, wenn jemand in einer Bücherei schreit, und drehte sich rasch um. Er sah niemanden, den er kannte... und einen Moment später bemerkte er, daß niemand aufgeschaut hatte. Die alten Männer lasen immer noch ihre Zeitungen und Zeitschriften: die >Derry News<, >Globe<, »National Geographic<, >Time< und >Newsweek<. An den Tischen im Raum mit den Nachschlagewerken steckten zwei High School-Mädchen immer noch ihre Köpfe über einem Stoß Zeitungen und einem Stapel Karteikarten zusammen. Mehrere Personen schmökerten in den Büchern auf den Regalen mit der Aufschrift NEUERSCHEINUNGEN BELLETRISTIK, NUR FÜR EINE WOCHE AUSLEIHBAR.
Ein alter Mann mit einer lächerlichen Taxifahrermütze, eine kalte Pfeife zwischen den Zähnen, blätterte in einem Band Kurzgeschichten von de la Varga.
Ben wandte sich wieder der jungen Frau zu, die ihn verwirrt betrachtete.
»Ist etwas nicht in Ordnung?«
»Nein«, sagte Ben lächelnd. »Ich glaubte nur, was gehört zu haben. Vermutlich hat der Flug mich doch mehr angestrengt, als ich dachte. Was wollten Sie vorhin sagen?«
»Wenn Sie eine Leihkarte hatten, als Sie hier wohnten, wird Ihr Name im Mikrofilmarchiv sein«, erklärte sie. »Ich kann nachschauen und Ihnen dann eine neue Karte geben. Das kostet keine Gebühr.«
»Das ist...«, begann Ben, und dann durchbrach jene Stimme wieder die geheiligte Stille der Bücherei, diesmal noch lauter und gräßlich fröhlich: »Komm doch rauf, Ben! Komm doch rauf, du fettes kleines Dreckschwein! Es geht um dein Leben, Ben Hanscom!«
Ben räusperte sich. »Das ist sehr praktisch«, sagte er.
»Ja.« Sie schaute ihn aufmerksam an. »Ist es draußen warm geworden?«
»Ein wenig«, erwiderte er. »Warum?«
»Sie...«
»Ben Hanscom hat es getan!« schrie die Stimme. Sie kam von oben - vom Büchermagazin. »Ben Hanscom hat die Kinder ermordet! Packt ihn! Schnappt ihn!«
»... schwitzen!« sagte die Bibliothekarin.
»Wirklich?« fragte er völlig verwirrt.
»Ich werde Ihre Karte gleich fertigmachen«, sagte sie.
»Vielen Dank.«
Sie ging zu der alten Schreibmaschine am Ende der Ausleihtheke.
Ben entfernte sich langsam; er hatte rasendes Herzklopfen. Ja, er schwitzte; er spürte jetzt, daß ihm der Schweiß von der Stirn und aus den Achselhöhlen rann, und daß die Haare auf seiner Brust schweißnaß waren. Er schaute hoch und sah den Clown, Pennywise, der oben an der linken Wendeltreppe stand und auf ihn herabblickte. Sein Gesicht war dämonisch weiß, der blutrot gemalte Mund zu einem mörderischen Grinsen verzogen. Anstelle der Augen gähnten nur leere Höhlen. Er hielt eine Traube Ballons in der einen, ein Buch in der anderen Hand.