Nicht er, dachte Ben. Es. Ich stehe hier mitten in der Stadtbücherei von Derry; es ist Spätfrühling 1985, ich bin ein erwachsener Mann, und ich werde mit dem schlimmsten Alptraum meiner Kindheit konfrontiert. Ich stehe IHM von Angesicht zu Angesicht gegenüber.
Nicht er, dachte Ben. Es.
»Komm rauf, Ben«, rief Pennywise ihm zu. »Ich tu' dir nichts. Ich habe ein Buch für dich... und einen Ballon, wenn du einen haben willst. Komm rauf zu mir.«
Ben öffnete den Mund und wollte rufen: Du bist verrückt, wenn du glaubst, daß ich raufkomme, als ihm gerade noch rechtzeitig einfiel, daß dann alle ihn anstarren und denken würden: Wer ist denn dieser Wahnsinnige?
»Oh, ich weiß, daß du nicht antworten kannst«, rief Pennywise und kicherte. »Aber ich hätte dich fast aufs Glatteis geführt, stimmt's?«
Der Clown am oberen Ende der Treppe warf den Kopf zurück und bog sich vor Lachen. Es dröhnte und hallte in der Kuppel, und Ben brachte es nur mit äußerster Willenskraft fertig, sich nicht die Ohren zuzuhalten.
»Komm rauf, Ben«, rief Pennywise wieder. »Wir werden uns unterhalten. Neutraler Boden. Was meinst du dazu?«
Ich gehe nicht rauf, dachte Ben. Wenn ich schließlich zu dir komme, wirst du mich bestimmt nicht sehen wollen. Wir werden dich nämlich töten.
Der Clown lachte wieder schallend. »Mich töten? Mich töten?« Und plötzlich imitierte er Richie Toziers Stimme, oder vielmehr nicht Richies eigene Stimme, sondern seine Niggerjungen-Stimme. »Nicht töten, Herr, ich bin ein guter Nigger, nicht mich schwarzen Jungen töten, Haystack.« Und dann erneut dieses schrille Gelächter.
Zitternd, mit leichenblassem Gesicht durchquerte Ben den Saal, der vom schrecklichen Lachen des Clowns widerhallte. Er hatte das Gefühl, sich demnächst übergeben zu müssen. Vor einem Regal blieb er stehen und zog aufs Geratewohl ein Buch heraus. Mit eiskalten Händen blätterte er darin, ohne auch nur das geringste aufzunehmen.
»Du hast nur eine einzige Chance, Haystack!« rief die Stimme von hinten, immer noch lachend. »Verlaß diese Stadt! Verlaß sie noch heute vor Einbruch der Dunkelheit! Heute nacht werde ich dich schnappen... dich und die anderen. Du bist zu alt, um mir etwas antun zu können, Ben. Ihr seid alle viel zu alt dazu. Zu alt, um irgend etwas anderes zu erreichen als euren eigenen Tod. Verschwinde aus dieser Stadt, Ben! Oder willst du heute nacht dies hier sehen?«
Ben drehte sich langsam um, das Buch immer noch in den eiskalten Händen. Er wollte nicht hinschauen, aber es war so, als würde eine unsichtbare Hand ihm das Kinn nach oben drücken.
Der Clown war verschwunden. Am oberen Ende der Wendeltreppe stand Dracula, aber es war kein Film-Dracula: es war nicht Bela Lugosi oder Christopher Lee oder Frank Langella oder Reggie Nalder. Ein uraltes menschenähnliches Wesen mit einem Gesicht wie eine verkrümmte Wurzel stand dort oben. Dieses Gesicht war leichenblaß; die Augen waren purpurrot, mit Blut gefüllt. Der Mund war weit geöffnet und enthüllte eine Menge stählerner Rasierklingen, die in Winkeln zueinander aus dem Zahnfleisch herausragten. Es war, als blicke man in ein tödliches Spiegellabyrinth, wo ein falscher Schritt zur Folge hat, daß man in zwei Hälften zerschnitten wird.
»KRRRR!« knurrte es und ließ seinen Kiefer zuschnappen. Ein rotschwarzer Blutstrom ergoß sich aus seinem Mund. Abgeschnittene Lippenfetzen fielen auf sein blendend weißes Seidenhemd und glitten die Brust hinab, Blutspuren hinterlassend.
»Was hat Stan Uns gesehen, bevor er starb?« brüllte der Vampir zu Ben hinab und lachte durch seine blutige Mundöffnung. »Was hat er gesehen, Ben? Willst auch du es sehen? Was hat er gesehen? Was hat er gesehen?« Dann wieder jenes quiekende Lachen, und Ben wußte, daß er gleich losschreien würde, o ja, es war unmöglich, diesen Schrei zu unterdrücken. Blut prasselte in einer Art gräßlicher Dusche von der Treppe hinab, und ein Tropfen war auf die gelbliche, arthritisverkrümmte Hand eines alten Mannes gefallen, der das > Wall Street Journah las, und rann jetzt zwischen seinen Knöcheln, ohne daß der Mann das Blut sah oder spürte.
Ben hielt den Atem an, überzeugt davon, daß im nächsten Moment sein Schrei die Stille dieses regnerischen Frühlingstages grell durchschneiden würde wie ein Messer... oder eine Rasierklinge.
Was statt dessen mit zittriger, schwankender Stimme herauskam, leise vor sich hingesprochen wie ein Gebet, waren die Worte: »Wir haben Kugeln daraus gemacht, genau. Wir haben aus den Silberdollars Silberkugeln gemacht.«
Der Mann mit der Taxifahrermütze, der in den Kurzgeschichten von de la Varga gelesen hatte, blickte hoch und warf ihm einen scharfen Blick zu. »Unsinn!« sagte er. Jetzt schauten die Leute tatsächlich auf; jemand zischte verärgert: »Pssst!«
»Es tut mir leid«, sagte Ben mit leiser, zitternder Stimme. Ganz am Rande nahm er wahr, daß sein Gesicht jetzt schweißüberströmt war, und daß sein Hemd am Körper klebte. »Ich habe laut gedacht...«
»Unsinn!« wiederholte der alte Mann noch lauter. »Man kann keine Silberkugeln aus Silberdollars machen. Weit verbreiteter Irrtum. Taucht in Schundliteratur immer wieder auf. Das Problem besteht im spezifischen Gewicht...«
Plötzlich stand die Bibliothekarin, Miß Danner, neben ihnen. »Mr. Brock-hill, Sie müssen leise sein«, sagte sie freundlich. »Die Leute wollen lesen. ..«
»Der Mann da ist krank«, sagte Brockhill scharf und schaute wieder in sein Buch. »Geben Sie ihm ein Aspirin, Carol.«
Carol Danner warf Ben einen Blick zu und machte ein sehr besorgtes Gesicht. »Geht es Ihnen nicht gut, Mr. Hanscom? Sie sehen sehr schlecht aus.«
»Ich... ich habe chinesisch zu Mittag gegessen«, erwiderte Ben. »Ich glaube, das ist mir nicht gut bekommen.«
»Wenn Sie sich hinlegen möchten - in Mr. Hanions Büro steht eine Couch. Sie könnten...«
»Nein, vielen Dank, das ist nicht nötig.«
Er wollte jetzt nur noch eins - so schnell wie möglich aus der Bücherei herauskommen. Er blickte hoch. Der Clown war verschwunden. Ebenso der Vampir. Aber an das niedrige Treppengeländer war ein Luftballon gebunden. Auf der blauen Kugel standen die Worte: ich wünsche einen SCHÖNEN TAG! HEUTENACHT STIRBST DU!
»Ich habe Ihre Leihkarte ausgestellt«, sagte die Bibliothekarin und legte ihm eine Hand auf den Arm. »Möchten Sie sie noch?«
»Ja, vielen Dank.« Ben holte tief Luft. »Es tut mir sehr leid.«
»Ich hoffe nur, daß es keine Lebensmittelvergiftung ist«, sagte sie.
»Sache würde nicht funktionieren!« brummte Mr. Brockhill, ohne von seinem Buch aufzuschauen oder seine Pfeife aus dem Mund zu nehmen. »Eine Erfindung der Schundliteratur. Kugel würde nicht richtig fliegen.«
Und Ben antwortete ganz automatisch, ohne es vorher zu wissen: »Es war keine Munition für eine Schußwaffe, sondern für eine Schleuder. Wir haben rasch erkannt, daß wir keine Pistolenkugeln herstellen konnten. Schließlich waren wir Kinder. Und deshalb...«
»Pssst!« zischte wieder jemand.
Brockhill warf Ben einen leicht verwirrten Blick zu, bevor er sich erneut in seine Kurzgeschichten vertiefte.
An der Ausleihtheke händigte Miß Danner ihm eine kleine orangefarbene Karte mit der Aufschrift Stadtbücherei derry aus. Immer noch leicht benebelt, aber doch schon wieder etwas gefaßt, dachte Ben, daß dies die erste Erwachsenen-Leihkarte seines Lebens war. Seine Kinderkarte war kanarienvogelgelb gewesen.