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»Sind Sie ganz sicher, daß Sie sich nicht etwas hinlegen möchten, Mr. Hanscom?«

»Ich fühle mich schon wieder etwas besser, danke.«

»Bestimmt?«

Ben brachte ein kleines Lächeln zustande. »Ganz bestimmt.«

»Sie sehen ein bißchen besser aus«, sagte sie, aber es klang nicht sehr überzeugt. Dann legte sie ein Buch unter das Mikrofilmgerät, mit dem neuerdings Ausleihen registriert wurden, und Ben verspürte eine fast hysterische Belustigung. Sie hat das Buch registriert, das ich aus dem Regal geholt habe, als der Claim mit Richies Stimme redete, dachte er. Ich habe zum erstenmal seit 25 Jahren ein Buch aus der Stadtbücherei Derry entliehen, und ich weiß nicht einmal, was es ist. Aber es ist mir auch ganz egal. Ich will nur hier rauskommen - dann bin ich schon zufrieden.

»Danke«, sagte er und klemmte sich das Buch unter den Arm.

»Nichts zu danken, Mr. Hanscom. Sind Sie sicher, daß Sie kein Aspirin möchten?«

»Ganz sicher«, antwortete er, zögerte etwas und fuhr dann fort: »Sie wissen nicht zufällig, was aus Mrs. Starrett geworden ist? Barbara Starrett. Sie war die Leiterin der Kinderbücherei.«

»Sie ist gestorben«, berichtete Miß Danner. »Vor drei Jahren. Es war ein Herzschlag, soviel ich weiß. Wirklich ein Jammer - sie war noch verhältnismäßig jung... 58 oder 59, glaube ich. Mr. Hanion hat damals die Bücherei für einen Tag geschlossen.«

»Oh!« sagte Ben tief betroffen. Das kam dabei heraus, wenn man nach langer Zeit an einen vertrauten Ort zurückkehrte. Der Guß auf dem Kuchen war süß, aber darunter schmeckte er bitter. Menschen vergaßen einen, oder sie starben, oder sie verloren ihre Haare und Zähne - in manchen Fällen auch den Verstand. Oh, das Leben war wirklich großartig.

»Es tut mir leid«, sagte sie. »Sie hatten sie gern, nicht wahr?«

»Alle Kinder mochten Mrs. Starrett«, sagte Ben und stellte bestürzt fest, daß er den Tränen nahe war.

»Geht es Ihnen...«

Wenn sie mich noch einmal fragt, ob es mir gut geht, kriege ich wirklich noch das große Heulen, glaube ich. Oder einen Schreikrampf.

Mit einem Blick auf seine Armbanduhr sagte er rasch: »Ich muß mich beeilen, Miß Danner. Danke dafür, daß Sie so nett waren.«

»Einen schönen Tag noch, Mr. Hanscom.«

Na klar doch. Und heute nacht sterbe ich dann.

Er winkte ihr zu, brachte mühsam ein Lächeln zustande und durchquerte den Saal. Mr. Brockhill warf ihm, als er vorbeiging, einen scharfen, mißtrauischen Blick zu.

Ich werde nicht rennen, dachte Ben, und er tat es auch wirklich nicht... aber ihm war sehr danach zumute. Er schaute ein letztes Mal auf die linke Wendeltreppe. Der Ballon schwebte immer noch oben am Ende der Treppe, ans Geländer gebunden. Aber die Aufschrift lautete jetzt:

ICH HABE BARBARA STARRETT UMGEBRACHT!

PENNYWISE DER CLOWN

Er sah rasch weg, weil er fühlte, daß sein Puls schon wieder raste. Er trat ins Freie und wurde von Sonnenschein begrüßt. Nur noch kleine Wölkchen waren am Himmel zu sehen, und eine warme Maisonne schien und ließ das Gras unglaublich grün und üppig erscheinen. Ben wurde leichter ums Herz. Ihm war, als hätte er in der Bücherei eine unerträgliche Last zurückgelassen ... und dann warf er einen Blick auf das Buch, das er unbeabsichtigt entliehen hatte, und seine Zähne schlugen klappernd aufeinander. Es war >Bulldozer< von Stephen W. Meader, eines jener Bücher, die er an dem Tag ausgeliehen hatte, als er in die Barrens hinabgestürzt war.

Mit zitternden Händen klappte er das Buch hinten auf. Die Bücherei war inzwischen zum Mikrofilmsystem bei der Ausleihe übergegangen, das hatte er gesehen. Aber innen auf dem hinteren Einband dieses Buches klebte immer noch eine Tasche, in der eine Karte steckte, Auf jeder Linie stand ein Name und der Stempel mit dem Rückgabetermin. Ben las folgendes:

NAMEDES ENTLEIHERS    LETZTERRÜCKGABETERMIN

Charles N. Brown    14. Mai 1958

David Hartwell    1. Juni 1958

Joseph Brennan    17. Juni 1958

Und auf der letzten benutzten Linie der Karte stand mit Bleistift in seiner eigenen kindlichen Schrift:

Benjamin Hanscom    5. Juli 1958

Quer über diese Karte, quer übers Vorsatzblatt, quer über den Falz der Seiten war mit verschmierter roter Farbe, die aussah wie Blut, ein Wort gestempelt: AUSSORTIERT.

»O mein Gott!« murmelte Ben. Er wußte nicht, was er sonst sagen sollte; das schien die gesamte Situation am treffendsten auszudrücken. »O mein Gott, mein Gott!«

Er stand in der warmen Frühlingssonne und fragte sich plötzlich, was wohl die anderen erlebten - was ihnen zustieß, womit sie konfrontiert wurden.

2. Eddie Kaspbrak fängt einen Ball auf

Eddie Kaspbrak stieg an der Ecke Kansas Street und Kossuth Lane aus dem Bus. Die Kossuth Lane war eine Sackgasse, die eine Viertelmeile hügelab-wärts führte und dann abrupt endete, am Rande eines Steilabhangs, der ins Dickicht der Barrens überging. Eddie hatte nicht die leiseste Ahnung, warum er gerade jetzt ausgestiegen war; weder hatte er sich als Kind hier besonders oft herumgetrieben noch jemanden gekannt, der in der Kossuth Lane oder in diesem Abschnitt der Kansas Street wohnte. Aber es schien die richtige Stelle zu sein. Beverly hatte den Bus schon in der unteren Main Street verlassen, in der Nähe ihrer alten Wohnung, und Mike fuhr noch weiter. Er hatte nichts gesagt, als Eddie ausgestiegen war, aber er hatte ihm zugenickt, und Eddie hatte zurückgenickt.

Während er jetzt dem kleinen Mercedes-Bus nachblickte, fragte er sich, was er eigentlich hier wollte, an einer obskuren Kreuzung in einer obskuren Stadt, fast 500 Meilen von Myra entfernt, die sich bestimmt wahnsinnige Sorgen um ihn machte. Ihm wurde etwas schwindelig, er griff in seine Jak-kentasche, und dann fiel ihm ein, daß er sein >Dramamine< im Town House gelassen hatte, zusammen mit seiner übrigen Hausapotheke. Aber Aspirin hatte er bei sich. Er schluckte zwei Tabletten, und dann ging er die Kansas Street entlang. Er überlegte, ob er der Bücherei einen Besuch abstatten oder vielleicht die Costello Avenue entlangbummeln sollte. Es klärte sich jetzt allmählich auf, und er dachte, daß er sogar zum West Broadway spazieren und dort die alten viktorianischen Häuser bewundern könnte - die beiden einzigen wirklich vornehmen Häuserblocks in Derry. Das hatte er als Kind manchmal getan - er war den West Broadway entlanggebummelt, hatte dabei aber immer so getan, als wäre er irgendwohin anders unterwegs. In der Nahe der Ecke Witcham Street und West Broadway war Sally Muellers Haus, ein großes rotes Gebäude mit Türmchen, das von Hecken umgeben war. Die Muellers hatten einen Gärtner, der Eddie immer mißtrauisch betrachtete, bis er weiterging.

Dann war da Greta Bowies Haus, vier Häuser weiter auf derselben Straßenseite. Es war mit grünen Schindeln gedeckt und hatte ebenfalls Türmchen - aber während die Türmchen am Haus der Muellers oben abgeflacht waren, hatten die am Haus der Bowies komische kegelförmige Aufsätze, die Eddie an Dummkopf-Mützen erinnerten.

Im Sommer standen immer Gartenmöbel auf dem Rasen neben dem Haus - ein Tisch, über dem ein gelber Sonnenschirm aufgespannt war, Korbstühle, eine Hängematte zwischen zwei Bäumen. Weiter hinten gab es auch ein Krocketspielfeld. Eddie wußte das, obwohl er nie zum Krocketspielen zu Greta Bowie eingeladen worden war; Richie war einmal dort gewesen und hatte ihm davon erzählt, und wenn Eddie vorbeischlenderte, hörte er manchmal das Klicken der Bälle, Gelächter oder auch Geschimpfe, wenn ein Ball danebenging. Einmal hatte er Greta selbst gesehen. Eine Limonade in einer Hand, den Krocketschläger in der anderen, war sie auf der Suche nach ihrem abgeschlagenen Ball - er war gegen einen Baum geprallt und ziemlich weit weggeflogen, und deshalb bekam Eddie Greta zufällig zu Gesicht. Sie sah unbeschreiblich schön aus, fand Eddie (sogar ihre von der