Sonne verbrannten Schultern kamen ihm wunderschön vor); er war damals neun Jahre alt und hatte gerade die vierte Klasse abgeschlossen. An jenem Tag hatte er sich ein bißchen in sie verliebt - sie war schlank, und ihr glänzendes blondes Haar fiel offen auf die Schultern. Sie schaute in der Gegend herum, und einen Moment lang glaubte Eddie, sie hätte ihn gesehen, aber das erwies sich als Irrtum, denn als er seine Hand zu einem schüchternen Gruß hob, winkte sie nicht zurück, sondern schlug ihren Ball in Richtung des Spielfeldes und rannte hinterher. Er war weitergegangen, ohne sich darüber zu ärgern, daß sie seinen Gruß nicht erwidert hatte (er glaubte wirklich, sie hätte ihn nicht gesehen), oder daß er nie zu einem der Krocketspiele an Samstagnachmittagen eingeladen wurde: warum sollte ein wunderschönes Mädchen wie Greta Bowie einen Jungen wie ihn auch einladen? Er war schmächtig, asthmatisch und hatte ein Gesicht wie eine ertränkte Wasserratte.
Ja, dachte er, während er ziellos die Kansas Street hinabschlenderte, ich
hätte zum West Broadway gehen und mir jene Häuser wieder einmal anschauen sol
len... das der Muellers, das der Bowies, das von Dr. Halewagon, das der Trak-kers. . .
Er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als er bemerkte, daß er direkt vor dem LKW-Fuhrunternehmen der Gebrüder Tracker stand.
»Das gibt's also immer noch«, sagte Eddie laut und lachte.
Das Haus am West Broadway, das Phil und Tony Tracker gehörte (beide waren Junggesellen), war vielleicht das schönste der großen Häuser in dieser Straße, ein makellos weißes viktorianisches Gebäude, das von grünen Rasenflächen und prachtvollen Blumenbeeten umgeben war. Die Auffahrt wurde jeden Herbst frisch geteert, das mit Schiefer gedeckte Dach befand sich in einem tadellosen Zustand, und manchmal blieben Leute stehen und fotografierten die mit Mittelpfosten versehenen Fenster, die sehr alt und schön waren.
»Zwei Männer, die ihr Haus so in Ordnung halten, müssen andersherum gepolt sein«, hatte Eddies Mutter einmal verstimmt gesagt, und Eddie hatte sich nicht getraut zu fragen, was das bedeutete. Jetzt verstand er es natürlich.
Aber das LKW-Fuhrunternehmen war das genaue Gegenteil des Hauses am West Broadway. Es war ein niedriges Ziegelgebäude; die Ziegel waren alt und bröckelten stellenweise ab, und in Bodennähe ging ihre schmutzigorange Farbe in ein rußiges Schwarz über. Sämtliche Fenster waren schmutzig, mit Ausnahme einer kleinen runden Stelle an einer der unteren Scheiben des Lademeisterbüros; diese eine Stelle wurde von Kindern immer flek-kenlos sauber geputzt, denn der Lademeister hatte über seinem Schreibtisch einen >Playboy<-Kalender hängen, und kein Junge kam zum Baseballspielen auf dem hinteren Parkplatz, ohne zuvor mit seinem Spielhandschuh über das Glas zu reiben und sich das nackte Pin-up-Girl des Monats anzuschauen.
Das Ziegelgebäude war auf drei Seiten von großen Kiesflächen umgeben. Hier hatten immer viele Fernlaster gestanden, Jimmies und Peterbilts und Rios, alle mit der Aufschrift Gebrüder tracker, derry newton prov-dence hartford new york. Manche waren vollständig zusammengesetzt, manchmal standen aber auch Einzelteile herum: Fahrerkabinen oder Karosserien auf Hinterrädern, vorne auf Stützstreben aufgepflockt.
Den Parkplatz hinter dem Gebäude versuchten die Trackers soweit wie möglich freizuhalten, denn beide waren große Baseballfans und liebten es, wenn Kinder dort spielten. Phil Tracker beförderte selbst Frachtgut, deshalb bekamen die Jungen ihn selten zu Gesicht, aber Tony Tracker führte die Bücher, und Eddie (der selbst nie mitspielte - seine Mutter hätte ihn gelyncht, wenn sie erfahren hätte, daß er Baseball spielte, herumrannte und Staub in seine zarte Lunge bekam, gebrochene Beine und Gehirnerschütterungen riskierte) gewöhnte sich richtig an seinen Anblick, und seine Stimme gehörte für ihn irgendwie schon zum Spiel dazu. Tony Tracker, groß und dick und doch irgendwie gespenstisch, wenn sein weißes Hemd in der Sommerdämmerung schimmerte und ringsum Leuchtkäfer durch die Luft schwirrten; Tony Tracker, der die Spieler anfeuerte und ihnen gute Ratschläge zubrüllte: »Du mußt unter den Ball gelangen, bevor du ihn fangen kannst, Roter!... Du hast den Ball aus den Augen gelassen, Halbe-Portion! Du kannst ihn nicht treffen, wenn du nicht hinschaust!... Rennen, Pferdefuß, rennen!« Er hatte nie jemanden mit Namen angeredet, fiel Eddie ein, immer nur mit >Roter<, >Blonder<, >Vier-Auge<, >Halbe-Portion< usw. Grinsend trat Eddie ein bißchen näher... und dann verschwand das Grinsen von seinem Gesicht. Das lange Ziegelgebäude, wo Aufträge ausgeführt, Lastwagen repariert und kurzfristig auch Waren gelagert worden waren, war jetzt dunkel und verlassen. Unkraut wucherte zwischen dem Kies, und nirgends war ein LKW zu sehen... nur eine einzelne verrostete Karosserie.
Als er noch näher kam, sah er, daß im Fenster ein Plakat Zu verkaufen Hing, mit Namen und Telefonnummer eines Grundstücksmaklers.
Die Trackers sind nicht mehr im Geschäft, dachte er und war selbst überrascht, wie traurig ihn das stimmte... so als wäre jemand gestorben. Jetzt war er froh, daß er nicht zum West Broadway gegangen war. Wenn es schon die Gebrüder Tracker nicht mehr gab - diese Firma hatte für ihn Ewigkeitscharakter gehabt -, was mochte sich dann alles in einer Straße verändert haben, die er als Kind so gern entlanggeschlendert war? Er stellte mit Unbehagen fest, daß er es nicht wissen wollte. Er wollte nicht Greta Bowie mit vereinzelten grauen Haaren oder dicken Hüften und Beinen (vom vielen Sitzen, Essen und Trinken) sehen; es war besser - sicherer -, einfach von dort fernzubleiben.
Genau das hätten wir alle auch tun sollen, dachte er. Einfach fernbleiben. Wir haben hier, wo wir aufgewachsen sind, nichts mehr verloren. An den Ort zurückzukehren, wo man aufgewachsen ist, hat große Ähnlichkeit mit verrückten YogaKunststücken, wie die Füße in den eigenen Mund stecken und sich irgendwie selbst verschlucken, so daß nichts von einem übrigbleibt; so etwas ist unmöglich, und jeder halbwegs vernünftige Mensch sollte darüber verdammt froh sein... aber was mag wohl Tony und Phil Tracker zugestoßen sein?
Tony hatte vielleicht einen Herzschlag erlitten; er hatte mindestens 50, vielleicht sogar 50 Pfund Übergewicht gehabt. Man mußte gut aufpassen, was das Herz aushalten konnte. Die Dichter mochten gebrochene Herzen romantisieren, Barry Manilow wunderschön davon singen (Myra hatte
sämtliche Schallplatten von Barry Manilow), aber Eddie bevorzugte denn doch alljährlich ein gründliches EKG. Ja, vermutlich hatte Tonys Herz versagt. Und Phil? Vielleicht ein Unfall. Pech auf der Autobahn. Eddie, der seinen Lebensunterhalt selbst am Steuer verdiente (vielmehr früher verdient hatte; inzwischen chauffierte er nur noch die Berühmtheiten und verbrachte die übrige Zeit am Schreibtisch), wußte über Pech auf der Straße gut Bescheid. Vielleicht war der gute alte Phil Tracker mit seinem Wagen auf vereister Fahrbahn ins Schleudern geraten, irgendwo in New Hampshire oder in den Wäldern im Norden von Maine, oder die Bremsen hatten auf irgendeinem steilen Hügel südlich von Derry versagt, und er war ins Kenne-bec Valley abgestürzt.
»Scheiße, die Zeit vergeht!« sagte Eddie Kaspbrak seufzend und war sich nicht einmal bewußt, daß er laut gesprochen hatte.
Resigniert und unglücklich - ein Gemütszustand, der ihm neuerdings vertrauter war, als er früher je für möglich gehalten hätte - ging Eddie um das Gebäude herum, um einen Blick auf den Parkplatz zu werfen, wo die Jungen in seiner Kindheit Baseball gespielt hatten, und wo er ihnen manchmal dabei zugeschaut hatte.