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Dort unten habe ich die glücklichste Zeit meiner Kindheit verlebt, dachte er, aber dieser Gedanke war von einem Schauder begleitet.

Er wollte sich gerade abwenden, als etwas anderes seine Blicke auf sich zog: ein Zylinder mit schwerem Metalldeckel. Morlock-Brunnen hatte Ben sie genannt und dabei gelacht - aber nur mit dem Mund, nicht mit den Augen. Wenn man dicht heranging, waren diese Zylinder etwa taillenhoch (für ein Kind), und man konnte die halbkreisförmige Aufschrift derry Kanalisation lesen. Und aus der Tiefe hörte man ein summendes Geräusch von irgendwelchen Maschinen.

Morlock-Brunnen.

Dorthin sind wir gegangen. Im August. Zum Schluß. Wir sind in Bens Morlock-Brunnen gestiegen, in die Abwasserkanäle, aber weiter unten waren es dann keine Abwasserkanäle mehr, es waren... waren... was?

Patrick Hockstetter war dort unten. Bevor Es ihn erwischte, sah Beverly, wie er etwas Abstoßendes machte. Sie mußte zwar darüber lachen, aber sie wußte, daß es etwas Häßliches war, was Patrick trieb. Irgendwie war auch Henry Bowers damals mit von der Partie, oder? Ja, ich glaube schon. Und...

Er wandte sich abrupt ab und wollte sich auf den Rückweg machen. Er wollte nicht mehr in die Barrens hinabschauen - die damit verbundenen Erinnerungen gefielen ihm überhaupt nicht. Er wollte zu Hause sein, bei Myra. Er wollte nicht hier in Derry sein. Er...

»Fang auf, Junge!«

Er fuhr herum, und da kam auch schon ein Ball angeflogen, über den Zaun hinweg; er schlug auf dem Boden auf, prallte ab und sprang hoch... und Eddie streckte völlig reflexartig die Hand aus und fing ihn geschickt auf.

Ihm wurde eiskalt, als er sah, was er da in der Hand hielt: einst war es ein Baseball gewesen - vor etwa 27 Jahren. Jetzt war es nur noch eine mit Schnur umwickelte Kugel, denn der Überzug war von einer Schlagkeule heruntergerissen worden. Auch die Schnur hatte sich teilweise abgewik-kelt. Sie zog sich über den Zaun wie eine Spinnwebe und verschwand unten in den Barrens.

O Gott, dachte Eddie. O mein Gott, Es ist hier, Es ist hier bei mir...

»Komm und spiel mit mir«, rief die Stimme jenseits des Zaunes, und Eddie erkannte entsetzt diejenige von Belch Huggins, der im Sommer 1958 grausam ermordet worden war. Es war Belchs Stimme... und nun kam Belch den Steilabhang hochgestolpert.

Er trug ein gestreiftes Baseball-Trikot der New York Yankees, das grüne Flecken hatte und mit Herbstlaub vom Vorjahr behaftet war. Es war Belch, aber es war auch der Aussätzige, eine gräßliche Kreatur, die nach langen Jahren im nassen Grab auferstanden war. Das Fleisch des breiten Gesichts hing in verwesten Fetzen herab. Eine Augenhöhle war leer; das andere Auge hing schaurig heraus. In seinen Haaren krochen Würmer herum. Er trug einen moosbewachsenen Handschuh an einer Hand. Die verwesten Finger der rechten Hand schob er durch die Rauten des Kettenzauns, und als er sie krümmte, gab es ein fürchterliches knarrendes Geräusch, das Eddie fast den Verstand raubte.

»Der war aus dem Yankee-Stadion rausgeflogen!« sagte Belch grinsend. Eine weiße Kröte fiel aus seinem Mund und purzelte zu Boden. »Hörst du? Der war sogar aus dem gottverdammten Yankee-Stadion rausgeflogen! Ach, und übrigens, Eddie, wie war's mit Fliegen? Ich bin glücklich, daß du zurückgekommen bist! Ich wußte, daß du zurückkommen würdest.«

Belchs Gesicht veränderte sich. Die gallertartige Knollennase löste sich auf und enthüllte zwei rohe rote Kanäle, die Eddie in seine Träume verfolgt hatten. Belchs Haar wurde spinnwebfarben und dünn, die faulige Stirnhaut riß auf und entblößte weichen Knochen, überzogen mit einer schleimigen Masse. Belch war verschwunden; an seine Stelle war die Kreatur getreten, die einst unter der Veranda des Hauses Nummer 29 in der Neibolt Street gewesen war.

»Bobby tut's für nur zehn Cent«, krächzte der Aussätzige und begann, am Zaun hochzuklettern. Kleine Fleischfetzen blieben in den Drahtrauten hängen. Der Zaun quietschte unter seinem Gewicht, und wenn er die Schlingpflanzen berührte, wurden sie sofort schwarz. »Jederzeit gern bereit, länger kostet's 15 Cent.«

Eddie versuchte zu schreien, brachte aber nur ein leises Quieken hervor. Er betrachtete den Ball in seiner Hand, und plötzlich schoß zwischen den Schnüren Blut hervor und tropfte auf den Kies und auf seine Schuhe.

Er schleuderte ihn weg, machte zwei große taumelnde Schritte nach rückwärts und wischte sich die Hand am Hemd ab. Der Aussätzige hatte den oberen Rand des Zauns erreicht. Sein Kopf hob sich silhouettenartig vom Himmel ab, alptraumhaft wie ein zum Leben erwachter ausgehöhlter Hal-loween-Kürbis. Seine Zunge schoß hervor, vier Fuß lang, vielleicht auch sechs. Sie rollte sich vom grinsenden Mund des Aussätzigen am Zaun hinab wie eine Schlange.

Im nächsten Moment war die Kreatur verschwunden.

Sie löste sich nicht allmählich auf wie im Film; sie verschwand schlagartig, mit einem Pop!, als ob eine Champagnerflasche entkorkt worden wäre. Es war die Luft, die dieses Geräusch verursachte, als sie den Raum des Aussätzigen einnahm.

Eddie drehte sich um und rannte los, aber er hatte noch keine sechs Schritte getan, als vier steife Formen aus der Dunkelheit unter der Laderampe des verlassenen Ziegelgebäudes hervorflogen. Er dachte zuerst, es wären Fledermäuse, und er schrie und hielt sich die Arme schützend vor den Kopf... aber dann sah er, daß es Segeltuchplanen waren, jene Planen, die als Male gedient hatten, als die großen Jungen hier Baseball spielten.

Sie wirbelten durch die Luft, und er mußte sich ducken, um einer davon auszuweichen. Dann nahmen sie alle gleichzeitig ihre Plätze ein: Schlagmal, Standmal I, Standmal II, Standmal III.

Keuchend, nach Luft schnappend, rannte Eddie am Schlagmal vorbei, mit verzerrtem Mund und schneeweißem Gesicht.

»WWACK!« Das Geräusch einer Keule, die einen Phantomball schlägt. Und dann...

Eddie blieb wie angewurzelt stehen, und ein Stöhnen entrang sich seiner Brust. Der Boden wölbte sich in einer geraden Linie vom Schlagmal zum Standmal I, so als raste ein riesiger Maulwurf direkt unter der Erdoberfläche dahin. Kies rollte hinab. Die Wölbung erreichte das Standmal I, und die Plane flog ein Stück hoch. Dann begann sich der Boden zwischen Standmal I und II zu wölben, und gleich darauf flog die Plane an Standmal II hoch; weiter raste das Etwas unter der Erdoberfläche, passierte Standmal III - wieder flog eine Plane hoch - und sauste auf das Schlagmal zu.

Auch diese Plane wurde in die Luft geschleudert, aber noch bevor sie wieder zu Boden fiel, sprang das Etwas aus der Erde hervor wie eine gruselige Partyüberraschung - und dieses Etwas erwies sich als Tony Tracker, von dessen Schädel noch einige schwärzliche Fleischfetzen herabhingen, und dessen weißes Hemd sich in verfaulte gelbe Fäden aufgelöst hatte. Er ragte bis zur Taille aus der Erde heraus und schwankte hin und her wie ein grotesker Wurm.

»Bemüh dich nicht, Junge. Wir kriegen dich ohnehin. Dich und deine Freunde. Wir kriegen euch auf jeden Fall«, rief Tony Tracker mit kreischender Stimme.

Schreiend stolperte Eddie davon. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Er versuchte sich loszureißen. Die Hand grub sich einen Moment lang in seine Schulter, dann gab sie ihn frei. Er drehte sich um. Es war Greta Bowie. Sie war tot. Eine Hälfte ihres Gesichts war verschwunden. In dem zerfressenen roten Fleisch der anderen Hälfte krochen Maden herum. Sie hielt einen grünen Ballon in einer Hand.