»Autounfall«, sagte die erkennbare Gesichtshälfte und grinste. Das Grinsen verursachte ein unsagbar scheußliches Dehngeräusch, und Eddie konnte sehen, wie rohe Sehnen sich bewegten. »Ich war achtzehn, Eddie. Betrunken. Deine Freunde sind hier, Eddie.«
Kreischend wich Eddie vor ihr zurück. Sie folgte ihm. Ihre Beine waren blutverkrustet. Und dann sah er hinter ihr etwas noch viel Schrecklicheres: Patrick Hockstetter kam über das Außenfeld stolpernd und taumelnd auf ihn zu. Auch er trug das Trikot der New York Yankees, aber in seiner Brust war ein großes schwarzes Loch.
»Du bist in mich hineingetreten«, rief Patrick und begann zu rennen. »Du bist in mich hineingetreten, aber ich hab's dir nicht übelgenommen, Eddie, komm zurück, komm und spiel...«
Eddie rannte. Greta griff wieder nach ihm und zerriß ihm das Hemd; irgendeine schreckliche Flüssigkeit rann ihm den Rücken hinab. Tony Tracker stemmte sich aus seinem mannsgroßen Maulwurfsloch. Patrick Hockstetter stolperte und schlurfte hinter ihm her. Eddie rannte; er wußte nicht, woher er die Puste zum Rennen nahm, aber er rannte. Und während er rannte, tanzten Wörter vor seinen Augen, jene Sätze, die auf dem grünen Ballon standen, den Greta Bowie in der Hand gehalten hatte:
ASTHMAMEDIZIN VERURSACHT LUNGENKREBS!
GRÜSSE VOM CENTER STREET DRUGSTORE
Eddie rannte. Er rannte und rannte und rannte, und irgendwo in der Nähe des McCarron Parks brach er ohnmächtig zusammen. Einige Kinder sahen ihn, hielten sich aber in sicherer Entfernung von ihm, weil er aussah wie ein Betrunkener oder wie jemand, der irgendeine unheimliche Krankheit hat; sie dachten, daß er vielleicht sogar der gesuchte Mör-
der sein könnte und überlegten, ob sie ihn bei der Polizei anzeigen sollten, ließen es dann aber doch bleiben.
3. Bev Huggins macht einen Besuch
Beverly Huggins ging geistesabwesend die Main Street hinab. Sie hatte sich gerade im Derry Town House umgezogen und trug jetzt Bluejeans und eine hellgelbe Bluse. Sie machte sich keine Gedanken darüber, wohin sie gehen sollte. Statt dessen dachte sie an jenes Haiku:
Dein Haar gleicht Winterfeuer,
Funken im Januar.
Dort glüht mein Herz.
Sie hatte die Postkarte in der untersten Schublade zwischen ihrer Unterwäsche versteckt. Vielleicht hatte ihre Mutter sie gesehen, aber das war nicht schlimm. Wichtig war damals nur, daß das die einzige Schublade war, in die ihr Vater nie hineinschaute. Wenn er das Gedicht gesehen hätte, hätte er sie vermutlich mit jenem klaren, fast freundlichen und sie total lähmenden Blick angeschaut und in seinem fast freundlichen Ton gefragt: »Hast du etwas getan, was du nicht tun dürftest, Bev? Mit den Jungen?« Und ob sie nun ja oder nein sagte, war ganz egal - er hätte auf jeden Fall zugeschlagen, so rasch und heftig, daß es im ersten Moment nicht einmal weh tat - der Schmerz setzte erst später ein, wenn die Taubheit verging. Und dann wieder seine fast freundliche Stimme: »Ich mache mir große Sorgen um dich, Beverly. Ich mache mir schreckliche Sorgen. Du mußt erwachsen werden, Beverly. Habe ich recht?«
Aber wenn ihre Mutter jene nicht unterschriebene Karte - jenes Gedicht -wirklich gesehen hatte, so hatte sie darüber geschwiegen.
Während Bev jetzt an den Schaufenstern vorbeiging, registrierte ein Teil von ihr automatisch die Kleider auf den Puppen und tat sie auf den ersten Blick als armselige, einfallslose Fetzen ab, als langweilige Massenprodukte. Die Preise waren sehr hoch, aber die Kleider trotzdem langweilig, mit Ausnahme einiger interessanter handgearbeiteter Stücke im Fenster eines Geschäfts mit dem Namen >Chosen Works<, das es in ihrer Kindheit noch nicht gegeben hatte. Vor allem aber dachte sie an jenes Gedicht, das sie über all die Jahre hinweg aufbewahrt hatte, wenn sie auch nicht zu sagen gewußt hätte, wo. Und im Zusammenhang mit dem Haiku überfielen sie die verschiedensten Gedanken und Gefühle, die so kompliziert waren, daß sie sie nicht ganz zu entwirren vermochte. Sie dachte an ihren Vater, der vielleicht noch hier in Derry wohnte. Er hatte hier gelebt, als sie zuletzt etwas von ihm gehört hatte, aber das lag... wie lange lag es zurück? Zehn Jahre? Jedenfalls war es lange vor ihrer Heirat gewesen. Sie hatte damals eine Postkarte von ihm erhalten, nicht eine einfache Postkarte wie jene mit dem Haiku, sondern eine Ansichtskarte mit der riesigen, scheußlichen Kunststoffstatue von Paul Bunyan, die vor dem City Center stand. Diese Statue war irgendwann in den 5oer Jahren aufgestellt worden und hatte sie als Kind sehr beeindruckt, aber die Karte ihres Vaters hatte trotzdem keine nostalgischen Erinnerungen in ihr wachgerufen.
>Ich hoffe, es geht Dir gut, und Du bist anständig<, hatte er geschrieben. >Ich hoffe, daß Du mir etwas schicken wirst, wenn Du kannst, denn ich habe nicht viel. Ich liebe Dich. Dad.<
Er hatte sie geliebt, und sie vermutete, daß sie sich hauptsächlich deshalb in jenem langen Sommer 1958 so wahnsinnig in Bill Denbrough verliebt hatte - weil Bill als einziger von den Jungen eine Autorität ausstrahlte, die sie mit ihrem Vater assoziierte... aber gleichzeitig war es eine andere Art von Autorität... eine Autorität, die nicht einengte, nicht unterdrückte wie die ihres Vaters, der sie erzog, als wäre sie ein Haustier, der sie abwechselnd verhätschelte und streng bestrafte, der sie...
(du darfst nicht so von deinem Vater denken, das ist verwerflich)
Ich denke ja überhaupt nicht schlecht von ihm, versuchte sie sich rasch und ein wenig nervös einzureden. Red doch keinen Unsinn, ich trage ihm überhaupt nichts nach; er liebte mich und erzog mich; natürlich hielt er ein bißchen zuviel von... na ja, von körperlicher Züchtigung,.. aber ich brauchte von Zeit zu Zeit wirklich eine feste Hand. Ich muß schon sagen, ich war oft ungezogen. Ich wollte nicht einsehen, daß ich... daß ich erwachsen werden mußte.
Das ist doch alles totaler Blödsinn, und das weißt du selbst, widersprach eine neue Stimme in ihr - sie klang ein bißchen nach Kay, ein bißchen nach Bill Denbrough und - erschreckenderweise - sehr nach ihr selbst. Aber dieses andere Ich beunruhigte und schockierte sie - es wirkte so frech, so unverschämt, ja direkt ein bißchen unanständig. Es hörte sich so gar nicht nach nettem, bravem Mädchen an. Man mußte sich große Sorgen um ein Mädchen machen, das einen solchen Ton an den Tag legte; man mußte sich schreckliche Sorgen um ein solches Mädchen machen.
Du redest totalen Scheiß. Er war auf einem Power-Trip, und er hat so 'ne Art Gehirnwäsche bei dir vorgenommen, bis du selbst geglaubt hast, Strafe verdient zu haben, Du kannst noch von Glück sagen, daß er dich nicht umgebracht oder zum Krüppel geschlagen hat. Du kannst von Glück sagen...
(hör auf, hör auf, ich möchte diesen Blödsinn nicht hören. halt sofort den mund!)
In Ordnung, meine Liebe. Ganz wie du willst.
Sie war an der Kreuzung Kansas-, Center- und Main Street angelangt, stand kurze Zeit einfach da und starrte auf die rote Ampel, ohne sie wirklich wahrzunehmen, erschüttert in die Vergangenheit blickend wie in einen tückischen Brunnen, in den sie fast gestürzt wäre.
Aus welchen Gründen auch immer - jedenfalls war sie gegen Ende ihres ersten Treffens als vollständige Gruppe im Juli 1958 wahnsinnig verliebt in Bill gewesen. Es einfach einen Schulmädchenschwarm zu nennen, wäre das gleiche, als würde man einen Rolls-Royce als Fahrzeug mit vier Rädern bezeichnen. Sie kicherte nicht, und sie wurde auch nicht rot, wenn sie ihn sah; sie schrieb seinen Namen weder auf Bäume noch auf den Steg, der vom Bassey Park zur High School führte. Sie lebte einfach die ganze Zeit mit seinem Bild im Herzen - es war eine Art süßer Schmerz. Sie wäre für ihn gestorben.
Und deshalb war es nur allzu verständlich, wenn sie sich damals einreden wollte, daß Bill ihr das Liebesgedicht geschickt hatte... obwohl es ihr nie gelungen war, sich selbst hundertprozentig zu überzeugen. Und später hatte sie dann erfahren, daß es Ben Hanscom gewesen war, der jenes Haiku geschrieben hatte. Ja, Ben hatte es geschrieben, er hatte es ihr erzählt (obwohl sie sich absolut nicht erinnern konnte, wann, unter welchen Umständen er es zugegeben hatte), aber als er es ihr erzählte, war ihr bewußt geworden, daß sie das fast von Anfang an in ihrem Innersten geahnt hatte. Er hatte seine Liebe zu ihr fast ebensogut verborgen wie sie ihre Gefühle für Bill, aber für einen scharfen Beobachter war es trotzdem ganz offenkundig -es war an tausend Kleinigkeiten zu erkennen: wie ängstlich er immer bemüht war, ihr nicht zu nahe zu kommen; wie er den Atem anhielt, wenn sie seinen Arm oder seine Hand berührte; wie er sich anzog, wenn er wußte, daß er sie sehen würde. Lieber süßer dicker Ben.