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Und das Ende der Geschichte?... Es war gar nicht mal so schlecht gewesen ... aber was nun eigentlich genau passiert war, daran konnte sie sich immer noch nicht erinnern. Sie glaubte, daß Ben zugegeben hatte, das kleine Liebesgedicht, das fast ein Haiku war, verfaßt und ihr geschickt zu haben. Sie glaubte Bill gesagt zu haben, daß sie ihn liebte und immer und ewig lieben würde. Und irgendwie hatten diese beiden Geständnisse ihnen allen das Leben gerettet... war es wirklich so gewesen? Sie konnte sich nicht erinnern. Diese Erinnerungen (oder vielmehr Erinnerungen an Erinnerungen, das traf wohl eher zu) glichen Inseln, die in Wirklichkeit gar keine Inseln waren, sondern einzelne Wirbel eines großen Korallenrückgrats, die zufällig aus dem Wasser herausragten; sobald sie jedoch versuchte, tief hinabzutauchen und auch den Rest, die unter Wasser verborgenen Teile, zu sehen, schob sich ein verrücktes Bild dazwischen: die Stare, die jedes Frühjahr - Ende März - nach Neuengland zurückkehrten, in dichten Scharen auf den Telefonleitungen, Bäumen und Dächern saßen und mit ihren heiseren Unterhaltungen die Tauwetterluft erfüllten. Dieses Bild stellte sich unverständlicherweise immer und immer wieder störend ein.

Sie bemerkte, daß sie völlig in Gedanken die Straße überquert hatte. Statt auf Kleiderpuppen starrte sie jetzt auf die Auslage eines Taschenbuchladens, so als wären alle Geheimnisse der Welt in den grellen Einbänden verborgen: Rosemary Rogers, John Saul, John Jakes, Don Pendleton, Merriam-Webster, Roget, King James. Aber dort war keine Antwort zu finden; nur ihr Gesicht, umgeben von ihrer Haarmähne, spiegelte sich gespenstisch darin, im trüben Licht aller Farbe beraubt.

Sie ließ das Geschäftsviertel hinter sich und strebte unbewußt der Lower Main Street zu. Beim Gehen dachte sie jetzt über das Treffen nach - den schrecklichen Vorfall am Ende des Mittagessens verdrängte sie vorerst allerdings und beschäftigte sich lieber mit den Menschen, den Gefährten ihrer Kindheit, und mit den Gefühlen, die sie jetzt für sie hegte.

Bill hatte seine Haare verloren - das war für sie der größte Schock gewesen. Sie liebte ihn nicht mehr - >immer und ewig<, hatte sie als Kind geschworen! -, aber sie spürte Zuneigung zu ihm, zu allen Freunden von damals. Am meisten vielleicht zu Ben, der nicht mehr fett war und sich anscheinend selbst geheilt hatte. Der seine Träume verwirklicht hatte und von ihnen nicht erdrückt worden war. Aber...

Aber das traf in gewisser Weise auf sie alle zu, oder etwa nicht? Es war unheimlich und direkt erschreckend, noch so viel von den Kindern, die 1958 auf diesen Straßen herumgelaufen waren, in ihren Gesichtern, ihren Gesten und ihrem Verhalten wiederzufinden: Richie, der sich auf seinem Stuhl lümmelte, frech grinste und in seinen stimmen redete; Eddie mit seinem Aspirator; Ben, der plötzlich jenes >Piep-piep< ausrief; Bill mit seinem leichten Stottern; und sie selbst...

Was?

Ach, nichts, Beverly.

Es war so, als wären sie alle irgendwie konserviert worden, gefeit gegen die vielen dazwischenliegenden Jahre; sie hatten Erfolg gehabt, ohne viel darüber nachzudenken, sie waren vorwärtsgekommen, sie hatten ihre Kindheit vergessen,

(waren unfruchtbar)

sie hatten geheiratet und Pläne geschmiedet, die irgendwie schattenhaft waren, so als hätten sie alle in einer tieferen Schicht ihres Geistes - in einer Schicht, wo nicht das Denken regierte, sondern etwas Umfassenderes und Wichtigeres, etwas Realeres (vielleicht an einem Ort symbolträchtiger Träume) - stets gewußt, daß das Leben, das sie als Erwachsene führten, im Grunde schattenhaft und substanzlos war, lediglich eine Art Wartezeit ohne jene entscheidenden Kämpfe, die zur Realität gehören.

Sie stellte plötzlich erschrocken fest, daß sie vor der Kleen-Kloze-Münz-wäscherei stand, in die sie, Stan, Ben und Eddie, an jenem Tag Ende Juni die blutbefleckten Putzlappen gebracht hatten - Blut, das nur sie sehen konnten. Die Fenster waren eingeseift, und an einer abblätternden Außenwand klebte ein handgeschriebener Zetteclass="underline" vom Eigentümer zu verkaufen . Beverly spähte durch die Seifenlauge und sah einen leeren Raum mit helleren Rechtecken auf den schmutziggelben Wänden, wo die Waschmaschinen gestanden hatten.

Ich gehe ja nach Hause, dachte sie erschrocken, setzte aber dennoch ihren Weg fort.

In der Nachbarschaft hatte sich nicht viel verändert. Ein paar Bäume waren gefällt worden, und die Häuser sahen noch ein bißchen schäbiger aus. Es gab mehr zerbrochene Fensterscheiben - manche waren durch Pappe ersetzt, andere nicht.

Und dann stand sie vor dem Mietshaus Nummer 127 der Lower Main Street. Es war noch da, unverwechselbar, obwohl es irgendwann neu gestrichen worden sein mußte - die abblätternde Farbe, in ihrer Kindheit weiß, war jetzt schokoladenbraun. Da war das Küchenfenster; und da war auch das Fenster ihres Zimmers.

(Jimmy, komm von der Straße runter! Komm sofort von der Straße runter, oder willst du vielleicht von einem Auto angefahren und getötet werden?)

Sie fröstelte plötzlich und verschränkte die Arme vor der Brust.

Es ist gut möglich, daß Daddy noch hier wohnt; o ja, das ist sehr gut möglich. Er würde nie umziehen, wenn es sich irgend vermeiden ließe. Du brauchst nur näher heranzugehen, Beverly. Wirf einen Blick auf die Briefkästen. Drei Briefkästen für drei Wohnungen, genau wie in alten Zeiten. Und wenn auf einem MARSH steht, kannst du klingeln, und gleich darauf wirst du im Flur hinter den hellgelben verwaschenen Chintzvorhängen das Schlurfen von Pantoffeln hören, und die Tür wird sich öffnen, und er wird vor dir stehen, der Mann, dessen Samen dich rothaarig und linkshändig werden ließ und dem du dein Zeichentalent verdankst... erinnerst du dich noch daran, wie gut er zeichnen konnte? Wenn er wollte, konnte er alles mögliche zeichnen. Du hast stundenlang dagesessen, als du klein warst, und er saß neben dir und zeichnete Katzen und Hunde und Pferde und Kühe mit Blasen vor dem Mund, in denen >Muh< stand; du hast gelacht, und dann hat er gesagt: Jetzt du, Beverly, und wenn du den Bleistift gehalten hast, hat er dir die Hand geführt... geh jetzt weiter, Beverly. Drück auf die Klingel. Er wird kommen, und er wird alt sein, er wird tiefe Falten im Gesicht haben, und seine Zähne-jene, die noch übrig sind -werden gelb sein, und er wird dich anschauen und sagen: Na so was, das ist ja Bev-vie, Bevvie ist heimgekommen, um ihren alten Vater zu besuchen, komm herein, Bewie, ich freue mich so, dich zu sehen, ich freue mich, denn ich mache mir Sorgen um dich, Bewie, ich mache mir SCHRECKLICHE Sorgen - und er wird grinsen...

Sie ging langsam den Weg entlang, und das Unkraut, das zwischen den geborstenen Betonplatten wuchs, streifte ihre Knöchel. Sie warf einen Blick auf die Briefkästen. Zweiter Stock: starkwether Erster Stock: burke. Erdgeschoß - ihr stockte der Atem - marsh.

Aber ich werde nicht klingeln. Ich will ihn nicht sehen, und ich werde nicht klingeln.