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Das war endlich ein fester Entschluß! Der Entschluß, der ihr das Tor zu einem erfüllten und sinnvollen Leben voll solcher fester Entschlüsse eröff-nete! Sie ging den Weg zurück! Zurück in die Innenstadt! Zum Hotel! Packte! Bestellte ein Taxi! Flog nach Hause! Sagte Tom, er solle sich zum Teufel scheren! Lebte erfolgreich! Starb zufrieden!

Sie drückte auf die Klingel.

Sie hörte das vertraute Läuten aus dem Eßzimmer: Kling-klong. Stille. Keine Reaktion. Sie trat auf der Veranda von einem Fuß auf den anderen, weil sie plötzlich aufs Klo mußte, obwohl sie bereits gewesen war, als sie sich in ihrem Hotelzimmer umgezogen hatte.

Niemand zu Hause, dachte sie erleichtert. Jetzt kann ich gehen.

Statt dessen klingelte sie wieder: Kling-klong. Keine Reaktion. Sie dachte an Bens schönes kleines Gedicht und versuchte sich zu erinnern, wann und wie er zugegeben hatte, es geschrieben zu haben, und warum das bei ihr eine Assoziation zu ihrer ersten Menstruation hervorrief. Hatte sie mit zehn Jahren ihre erste Periode gehabt? Bestimmt nicht, obwohl ihre Brüste sich zu entwickeln begonnen hatten, als sie erst neuneinhalb gewesen war. Warum...? Und dann schob sich wieder das Bild Tausender schwatzender Stare auf Telefonleitungen und Dächern vor weißem Frühlingshimmel dazwischen.

Ich gehe jetzt. Ich habe zweimal geklingelt, das reicht.

Aber sie klingelte wieder.

Kling-klong.

Jetzt hörte sie Schritte, und sie hörten sich genauso an, wie sie es sich vorgestellt hatte: langsam und schlurfend. Einen Moment lang war sie sehr nahe daran wegzurennen. Konnte sie es den Betonweg hinab bis um die Ecke schaffen? Dann würde ihr Vater glauben, daß es nur Kinder gewesen waren, die Klingelputzen spielten.

Sie blieb stehen und beobachtete, wie die schattenhafte Gestalt hinter den hellgelben Vorhängen näher kam, eine große Gestalt mit gebeugten

Schultern. Sie beobachtete mit hilfloser Faszination, wie der Türknopf sich drehte. Die Tür öffnete sich.

Sie stieß heftig den Atem aus und mußte sich sehr beherrschen, um nicht in erleichtertes Lachen auszubrechen. Das war nicht ihr Vater. Auf der Schwelle stand eine große alte Frau, die Ende der Siebzig sein mochte. Sie hatte langes, glänzendes Haar, das größtenteils weiß, aber noch mit goldfarbenen Strähnen durchzogen war. Hinter der randlosen Brille strahlten Augen, die so blau waren wie das Wasser in Hochgebirgsseen oder in den Fjorden, aus denen ihre Vorfahren vielleicht stammten. Sie hatte ein purpurrotes Kleid aus Moire an, das etwas abgetragen, aber doch noch sehr eindrucksvoll aussah. Ihr runzeliges Gesicht war freundlich.

»Ja?« fragte sie.

»Es tut mir leid«, sagte Beverly. Das Bedürfnis zu lachen war so schnell vergangen wie es sie überfallen hatte. Sie registrierte fasziniert, daß die alte Frau eine Kamee aus echtem Elfenbein, eingefaßt mit einem hauchdünnen Goldband, am Hals trug. »Ich muß aus Versehen auf die falsche Klingel gedrückt haben.« Oder absichtlich auf die falsche Klingel gedrückt haben, flüsterte eine innere Stimme. »Ich wollte bei Marsh klingeln.«

»Marsh?« Die Frau runzelte leicht die Stirn.

»Ja, wissen Sie...«

»Hier wohnt kein Marsh«, sagte die alte Frau.

»Aber...«

»Es sei denn... Sie meinen doch nicht Alvin Marsh, oder?«

»Doch!« sagte Beverly. »Das ist mein Vater!«

Die alte Frau tastete unwillkürlich nach ihrer Kamee. Sie schaute Beverly aufmerksam an, und Bev kam sich plötzlich lächerlich jung vor, so als sollte sie eigentlich noch eine Schachtel mit Pfadfinderinnen-Kuchen oder Bleistiften in der Hand haben - »Unterstützt die Derry High School, kauft Bleistifte!« Dann lächelte die alte Frau... aber es war ein trauriges Lächeln.

»Nun, Sie müssen schon lange jeden Kontakt mit ihm verloren haben, Fräulein. Es tut mir leid, daß ich - für Sie ein wildfremder Mensch - es Ihnen sagen muß, aber Ihr Vater ist schon vor fünf Jahren gestorben.«

»Aber... auf der Klingel...« Sie schaute noch einmal genau hin, und dann lachte sie auf. Es war ein leises, verwirrtes Lachen, das sich fast anhörte wie ein Schluchzen. In ihrer Aufregung, in ihrer unterbewußten felsenfesten Überzeugung, daß der alte Mann noch hier sein würde, hatte sie kersh als marsh gelesen.

»Sind Sie Mrs. Kersh?« fragte sie, immer noch verwirrt. Sie war betroffen über die Mitteilung, daß ihr Vater tot war, aber sie ärgerte sich auch über ihren Irrtum - die Dame mußte sie ja für eine Analphabetin halten. Die beiden Emotionen vermischten sich und erzeugten diese Verwirrung.

»Ja, die bin ich«, bestätigte die alte Frau.

»Sie... haben meinen Vater gekannt?«

»Nur sehr flüchtig«, antwortete Mrs. Kersh. »Er hat vor mir in dieser Erdgeschoßwohnung gelebt. Wir sahen einander ein paar Tage lang, als er aus-und ich einzog. Er ist in die Roward Lane umgezogen. Kennen Sie die Straße?«

»Ja«, sagte Beverly. Die Roward Lane zweigte vier Blocks weiter

von der Lower Main Street ab, und die Mietshäuser waren dort kleiner und noch schäbiger.

»Manchmal habe ich ihn im Supermarkt getroffen«, berichtete Mrs. Kersh, »und in der Münzwäscherei, die es jetzt nicht mehr gibt. Wir haben hin und wieder ein paar Worte gewechselt. Wir... Mädchen, Sie sehen ja ganz bleich aus. Es tut mir leid. Kommen Sie herein und trinken Sie eine Tasse Tee.«

»Nein, das geht doch nicht«, sagte Beverly, aber in Wirklichkeit fühlte sie sich schwach und hatte das Gefühl, einen Tee und einen Stuhl gut gebrauchen zu können.

»Aber natürlich geht es«, sagte Mrs. Kersh herzlich. »Das ist doch das mindeste, was ich für Sie tun kann, wenn ich Ihnen schon eine so unerfreuliche Mitteilung machen mußte.«

Und bevor Beverly noch weiter protestieren konnte, wurde sie schon durch den dunklen Flur in ihre ehemalige Wohnung geführt, die ihr jetzt viel kleiner, aber dennoch nicht deprimierend vorkam - vermutlich, weil fast alles anders war. Statt des großen Küchentisches mit den drei Stühlen stand jetzt ein kleines rundes Tischchen da, mit Seidenblumen in einer Töpfervase. Und anstelle des alten Ungetüms von Kühlschrank, an dem ihr Vater immer herumgebastelt hatte, damit er dann wieder eine Weile funktionierte, gab es eine kupferfarbene moderne Kühlkombination. Der Herd war klein, sah aber sehr leistungsfähig aus; darüber war ein Dunstabzug angebracht. Hellblaue Vorhänge hingen an den Fenstern, Topfblumen schmückten die Fensterbretter. Der häßliche Linoleumbelag ihrer Kindheit war verschwunden, und der Holzboden war auf Hochglanz poliert.

Mrs. Kersh warf ihr vom Herd her, wo sie Teewasser aufsetzte, einen Blick zu.

»Sind Sie hier aufgewachsen?«

»Ja«, sagte Beverly. »Aber es ist jetzt alles ganz verändert hier... so hübsch und gemütlich... wundervoll!«

»Wie nett von Ihnen, das zu sagen!« rief Mrs. Kersh und lächelte strahlend, was sie viel jünger erscheinen ließ. »Wissen Sie, ich habe ein bißchen Geld. Nicht viel, aber zusammen mit dem Geld von meiner Sozialversicherung kann ich ganz gut leben. Ich bin in Schweden geboren und aufgewachsen. 1918 bin ich in dieses Land gekommen, mit vierzehn, ohne Geld - und auf diese Weise lernt man den Wert des Geldes am besten schätzen, finden Sie nicht auch?«

»O ja.«

»Ich habe im Krankenhaus gearbeitet«, erzählte Mrs. Kersh. »Jahrzehntelang, seit 1925. Schließlich arbeitete ich mich zur Wirtschafterin hoch. Hatte alle Schlüssel. Mein Mann hat unser Geld ganz gut angelegt. Und jetzt habe ich hier meinen kleinen Hafen gefunden. Schauen Sie sich doch um, Fräulein, bis das Wasser kocht!«

»O nein, das geht doch...«

»Bitte... ich würde mich freuen.«

Also schaute Beverly sich um. Das Schlafzimmer ihrer Eltern war nun Mrs. Kershs Schlafzimmer, aber der Unterschied war gewaltig. Das Zimmer sah jetzt größer und heller aus. Eine Kommode aus Zedernholz mit den eingelegten Initialen R. G. verströmte einen leisen angenehmen Duft. Eine riesige Tagesdecke war über das Bett gebreitet. Die aufgestickten Motive zeigten Frauen, die Wasser pumpten, viehtreibende Jungen und Männer, die Heuschober bauten. Eine herrliche Decke.