Beverlys Zimmer war jetzt als Nähzimmer eingerichtet. Eine große alte schwarze Singer-Nähmaschine mit schmiedeeisernem Gestell stand unter zwei sehr hellen Lampen. An einer Wand hing ein Bild von Jesus, an der anderen eines von John F. Kennedy. Unter diesem stand ein sehr schönes geschnitztes Schränkchen mit Glasvitrine; ursprünglich wohl zum Aufbewahren von Porzellan gedacht, diente es als Bücherschrank.
Zuletzt ging Beverly ins Bad.
Es war jetzt in einem warmen Rosaton gekachelt und gestrichen. Die ganze Einrichtung war neu, doch trotzdem näherte sich Beverly dem Waschbecken mit dem Gefühl, daß der alte Alptraum gleich wieder beginnen würde. Sie würde in jenes schwarze lidlose Auge hinabspähen, das Flüstern würde einsetzen, dann würde das Blut hervorschießen...
Sie sah im Spiegel flüchtig ihr bleiches Gesicht, ihre dunklen Augen, als sie sich über das Becken beugte - und dann starrte sie in jenes Auge und wartete auf die Stimmen, das Lachen, das Stöhnen und das Blut.
Wie lange sie dort so stand, über das Waschbecken gebeugt, wußte sie selbst nicht; es war Mrs. Kershs Stimme, die sie aus der Halbhypnose riß: »Tee, Fräulein.«
Sie zuckte zusammen und verließ das Bad. Sie fühlte sich erleichtert -wenn irgendwo dort unten im Abfluß vor 25 Jahren schwarze Magie am Werk gewesen war, so gab es sie jetzt nicht mehr - oder sie schlief.
»Sie hätten sich wirklich nicht soviel Mühe machen sollen!«
Mrs. Kersh schaute sie freundlich lächelnd an. »O Fräulein, wenn Sie wüßten, wie selten ich Besuch habe, würden Sie das nicht sagen. Ich tische ja sogar dem Zählerableser mehr auf.«
Zarte Tassen und Untertassen aus dünnem eierschalenfarbenem, mit Blau abgesetztem Porzellan standen auf dem runden Küchentisch. Auf einer Platte lagen kleine Kuchen und Kekse. Daneben verströmte eine dampfende Teekanne aromatischen Duft. Leicht amüsiert dachte Bev, daß das einzige, was noch fehlte, jene kleinen Sandwiches mit der abgeschnittenen Rinde waren, die sie immer >Tantensandwiches< genannt hatte und von denen es drei Sorten gab: mit Frischkäse und Oliven, mit Brunnenkresse und mit Eiersalat.
»Setzen Sie sich«, sagte Mrs. Kersh. »Setzen Sie sich, Fräulein, dann werde ich den Tee einschenken.«
»Ich bin kein Fräulein«, sagte Beverly und hob die linke Hand, damit Mrs. Kersh ihren Ring sehen konnte.
Die alte Frau lächelte und machte eine abwehrende Geste. »Ich sage zu allen hübschen jungen Mädchen Fräulein«, erklärte sie. »Das ist so 'ne Angewohnheit von mir. Nehmen Sie's mir nicht übel.«
»Nein«, sagte Beverly. »Warum sollte ich?« Aber trotzdem verspürte sie plötzlich ein leichtes Unbehagen: das Lächeln der alten Frau hatte etwas an sich gehabt - aber was? Etwas Unangenehmes? Falsches? Wissendes? Aber das war doch lächerlich, völlig absurd.
»Es gefällt mir sehr, was Sie aus dieser Wohnung gemacht haben«, sagte sie.
»Wirklich?« sagte Mrs. Kersh und schenkte Tee ein. Er sah dunkel und trüb aus. Bev war sich nicht sicher, ob sie ihn trinken wollte... und auf einmal war sie auch gar nicht sicher, ob sie überhaupt hier sein wollte.
Auf der Klingel stand Marsh, flüsterte plötzlich eine innere Stimme, und leichte Furcht überfiel sie.
Mrs. Kersh reichte ihr eine Teetasse.
»Danke«, sagte Beverly. Er duftete wunderbar. Sie nippte vorsichtig daran. Er schmeckte gut. Hör auf, überall Gespenster zu sehen, sagte sie sich. »Besonders Ihre Zedernkommode ist ein herrliches Stück.«
»Eine Antiquität«, erwiderte Mrs. Kersh und lachte. »Sie ist sehr alt.« Wieder lachte sie, und Beverly bemerkte einen Schönheitsfehler an ihr, der hier oben im Norden der USA weit verbreitet war: sie hatte sehr schlechte Zähne - sie sahen zwar kräftig aus, waren aber ganz gelb. Die beiden Vorderzähne standen über Kreuz, und die Eckzähne waren sehr lang und erinnerten direkt an Stoßzähne.
Sie waren weiß... als sie an die Tür kam, lächelte sie, und du dachtest noch, wie auffallend weiß sie seien.
Plötzlich fürchtete sie sich nicht mehr nur ein bißchen. Plötzlich wollte sie nichts wie weg.
»O ja, sie ist wirklich sehr alt«, wiederholte Mrs. Kersh und trank ihren Tee laut schlürfend mit einem Schluck aus. Sie lächelte Beverly zu - sie grinste ihr zu -, und Beverly stellte entsetzt fest, daß auch ihre Augen sich verändert hatten. Die Hornhaut war jetzt altersgelb, mit Rot durchzogen. Selbst ihr Haar war dünner geworden und sah plötzlich ungepflegt aus; die silberweißen, mit Gold durchsetzten Flechten waren schmutziggrau.
»Sehr alt«, murmelte Mrs. Kersh noch einmal über ihrer leeren Tasse und sah Beverly aus ihren gelben Augen verschlagen an. Das abstoßende Grinsen enthüllte wieder ihre schrecklichen Zähne. »Ich hab' sie von Zuhause mitgebracht. Sind Ihnen die Initialen aufgefallen?«
»Ja.« Beverly hatte das Gefühl, als käme ihre eigene Stimme von weither, und sie versuchte sich an einen Gedanken zu klammern: Wenn sie nicht weiß, daß du die Veränderung bemerkt hast, bist du vielleicht noch in Sicherheit, wenn sie nicht weiß, nicht sieht...
»Mein Vater«, sagte die Alte - sie sprach es wie >Vadder< aus -, und Beverly bemerkte, daß nun auch ihr Kleid sich verändert hatte. Es war glänzend schwarz. Und die Kamee war ein Schädel mit schaurig gähnendem Kiefer. »Sein Name war Robert Gray, besser bekannt als Bob Gray, noch besser bekannt als Pennywise der Tanzende Clown. Obwohl auch das nicht sein richtiger Name war. Aber mein Vadder liebte Spaße.«
Sie lachte wieder. Einige ihrer Zähne waren so schwarz geworden wie ihr Kleid. Die Falten in ihrem Gesicht waren jetzt sehr tief. Ihr rosiger Teint hatte sich in krankhaftes Gelb verwandelt. Die Finger waren Klauen. Sie grinste Beverly an. »Essen Sie doch etwas, meine Liebe.« Ihre Stimme war um eine halbe Oktave höher geworden, schlug in dieser Tonlage aber dauernd um und klang jetzt wie eine knarrende Grufttür.
»Nein, danke«, hörte Beverly sich sagen. Die Worte schienen nicht ihrem
Gehirn zu entspringen, sondern ihrem Mund, und mußten von dort erst den Weg bis zu ihren Ohren zurücklegen, bevor sie wahrnahm, was sie gesagt hatte.
»Nein?« fragte die hexe und grinste wieder. Ihre Klauen kratzten über die Platte, und sie begann mit beiden Händen dünne Kekse und schmale Kuchenstücke mit Zuckerguß in ihren Mund zu stopfen. Ihre schrecklichen Zähne mahlten knirschend; ihre langen schmutzigen Nägel gruben sich in die Kuchen; Krümel fielen auf ihr vorstehendes knochiges Kinn. Ihr Atem war süß und abstoßend. Es roch nach Totem, nach Verwestem. Ihr Kichern war ein tonloses Gackern. Ihr Haar wurde immer dünner; schuppige Kopfhaut schimmerte stellenweise hindurch.
»O ja, er liebte Spaße, mein Vadder«, sagte sie. »Lieben Sie Spaße und Witze, Fräulein? Hier ist einer: Mein Vadder hat mich geboren, nicht meine Mutter. Er hat mich aus seinem Arschloch geschissen.«
»Ich muß jetzt gehen«, hörte Beverly sich mit hoher ängstlicher Kinderstimme sagen - der Stimme eines kleinen Mädchens, das auf seiner ersten Party boshaft gekränkt worden ist. Ihre Knie waren weich. Sie war sich vage bewußt, daß in ihrer Tasse kein Tee war, sondern Scheiße, flüssige Scheiße, eine kleine Überraschung aus den Abwasserkanälen unter der Stadt. Und sie hatte davon getrunken, nicht viel, aber einen Schluck; o Gott, o Gott, o Jesus, bitte, bitte...
Die Frau schrumpfte vor ihren Augen zusammen, wurde immer magerer; ihr Gesicht glich einem verschrumpelten Apfel, und sie kicherte mit hoher kreischender Stimme und wiegte sich auf ihrem Stuhl hin und her.