»Oh, mein Vadder und ich sind eins«, sagte sie. »Ich und er, er und ich, und - meine Liebe - wenn Sie klug sind, so sollten Sie wegrennen, schleunigst dorthin zurückkehren, woher Sie gekommen sind, Sie sollten sich wirklich sehr beeilen, denn wenn Sie hierbleiben, wird Ihnen Schlimmeres widerfahren als nur der Tod. Niemand, der in Derry stirbt, stirbt wirklich, müssen Sie wissen. Früher wußten Sie das; glauben Sie es jetzt.«
Im Zeitlupentempo kam Beverly auf die Beine und wich vom Tisch und vor der Hexe zurück, voll Todesangst und ungläubigem Entsetzen - Ungläubigkeit, weil sie jetzt bemerkte, daß der hübsche kleine runde Tisch nicht aus dunklem Eichenholz, sondern aus Lebkuchen gefertigt war. Und während sie noch fassungslos darauf starrte, brach die Hexe, immer noch kichernd, mit ihren gelben schielenden Augen in eine Zimmerecke stierend, ein Stück vom Tisch ab und stopfe es sich in die schwarze Mundhöhle.
Beverly sah, daß die Tassen aus weißer Rinde waren, kunstvoll verziert mit blauem Zuckerguß. Die Bilder von Jesus und Kennedy an den Wänden im Nähzimmer waren aus fast durchsichtigem Zuckerwerk, und während sie hinschaute, streckte Jesus ihr die Zunge heraus, und Kennedy machte eine obszöne Handbewegung.
»Wir alle warten auf dich!« schrie die Hexe, und ihre Fingernägel kratzten über die Oberfläche des Lebkuchentisches und hinterließen tiefe Rillen. »O ja! O ja!«
Die Deckenlampen waren große Kugeln aus hartem Kandis. Die Wandverkleidung bestand aus Rahmbonbons. Beverly schaute hinab und sah,
daß ihre Schuhe auf dem Boden tiefe Spuren hinterließen - er war nicht aus Holz, sondern aus langen, schmalen Schokoladenstücken. Der Geruch nach Süßigkeiten war ekelhaft.
O mein Gott, es ist die Hexe aus Hansel und Gretel, vor der ich immer am meisten Angst hatte, weil sie die Kinder aufaß...
»Du und deine Freunde!« schrie die Hexe lachend. »In den Käfig mit euch! In den Käfig, bis der Ofen heiß ist!« Sie kreischte vor Lachen, und Beverly rannte auf die Tür zu, aber sie rannte wie im Traum, wie im Zeitlupentempo. Das Gelächter der Hexe schwirrte dröhnend um ihren Kopf herum wie eine Schar von Fledermäusen. Sie schrie und konnte sich nicht schreien hören. Der Flur stank nach Zucker und Nougat und Kaffee und künstlichen Erdbeeren. Der Türknopf - eine Kristallimitation, als sie hereingekommen war - war jetzt eine monströse Zuckerkugel.
Ich mache mir Sorgen um dich, Bewie... ich mache mir SCHRECKLICHE Sorgen!
Sie wirbelte mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen und wehenden Haaren herum und sah, daß ihr Vater den Flur entlang auf sie zugestolpert kam; er trug das schwarze Kleid der Hexe und die Schädel-Kamee; teigig schlaffe Haut hing von seinem Schädel herab, seine Augen waren schwarz wie Obsidian, er ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. Sein Mund war zu einem gräßlichen breiten Grinsen verzerrt.
Ich schlug dich, weil ich dich ficken wollte, Bewie, das war's, was ich in Wirklichkeit immer wollte, ficken wollte ich dich, ich wollte deine Muschi aufessen, ich wollte dich AUFESSEN, ich wollte dich in den Käfig stecken... und den Ofen heiß machen ... und deine Muschi betasten... deine dicke Muschi... und wenn sie dick genug zum Essen war, wollte ich sie aufessen... aufessen... AUFESSEN ...
Schreiend drehte sie den großen klebrigen Zuckerknopf und stürzte auf die Veranda hinaus, die mit Pralinen verziert war und deren Boden aus Lebkuchen bestand. In der Ferne sah sie verschwommen Autos fahren, und sie konnte auch eine Frau erkennen, die ein Lebensmittelwägelchen vom Supermarkt vor sich herschob.
Ich muß es bis dorthin schaffen, dachte sie. Dort draußen ist die Realität, wenn es mir nur gelingt, den Gehweg zu erreichen...
»Rennen wird dir auch nichts nützen, Bewie«, rief ihr Vater
(mein Vadder)
lachend. »Wir haben lange gewartet. Das wird ein Mordsspaß sein.«
Sie schaute wieder zurück, und jetzt trug ihr toter Vater nicht mehr das schwarze Kleid der Hexe, sondern das Clownskostüm mit den großen orangefarbenen Knöpfen. Es hatte eine Waschbärmütze auf dem Kopf, wie sie Ende der 5oer Jahre modern gewesen waren. In einer Hand hielt Es eine Traube Luftballons, in der anderen schwenkte es ein Kinderbein wie einen Trommelschlegel. Jeder Ballon trug die Aufschrift: Es kam aus dem Aussehen Weltall.
»Erzähl deinen Freunden, daß ich der letzte einer aussterbenden Rasse bin«, rief Es grinsend, während Es die Verandastufen hinabstolperte. »Der einzige Überlebende eines sterbenden Planeten. Ich bin gekommen, um alle Frauen zu rauben... alle Männer zu entführen... und um den Pepper-mint-Twist zu lernen!«
Es begann wie ein Verrückter, sich zu verrenken und zu zucken, die Bai-lons in einer Hand, das abgerissene blutende Kinderbein in der anderen. »Das Clownskostüm flatterte und wehte, aber Beverly spürte keinen Wind. Sie stolperte über ihre eigenen Beine und fiel der Länge nach hin, wobei sie die Wucht des Aufpralls mit ihren Händen gerade noch etwas dämpfen konnte. Die Frau mit dem Lebensmittel wägelchen blieb stehen und warf einen unschlüssigen Blick zurück, dann setzte sie ihren Weg etwas schneller fort.
Der Clown warf das Kinderbein weg. Es landete mit einem unbeschreiblichen Geräusch auf dem Rasen. Dann kam er auf sie zu. Sie lag immer noch auf dem Pflaster und war insgeheim überzeugt davon, daß sie jetzt jeden Moment aufwachen mußte - dies alles konnte nicht Wirklichkeit sein, es mußte einfach ein Traum sein...
Erst im letzten Moment, als der Clown schon seine gekrümmten, klauenartigen Finger nach ihr ausstreckte, begriff sie, daß es kein Traum war, Daß Es sie töten konnte, so wie Es die Kinder getötet hatte.
»Die Stare kennen deinen wahren Namen«, schrie sie Es plötzlich an. Es fuhr etwas zurück, und es kam Bev so vor, als hätte sich das Grinsen auf den echten Lippen innerhalb des breiten roten aufgemalten Grinsens für eine Sekunde zu einer Grimasse des Hasses und Schmerzes verzerrt... ja sogar der Angst. Aber vielleicht hatte sie sich das auch nur eingebildet, und sie hatte jedenfalls absolut keine Ahnung, warum sie etwas so Verrücktes gerufen hatte - und doch gewann sie dadurch ein wenig Zeit.
Sie sprang auf und rannte, Bremsen quietschten, und eine heisere, sowohl wütende als auch erschrockene Stimme schrie: »Passen Sie doch auf, wo Sie hinrennen, Sie dumme Kuh!« Sie sah verschwommen den BäckereiLieferwagen, in den sie fast hineingerannt war wie ein Kind, das seinem Ball nachläuft; und dann stand sie auf dem Gehweg der anderen Straßenseite, keuchend, mit heftigen Herzstichen. Der Lieferwagen fuhr schon ein Stückchen weiter die Lower Main Street entlang.
Der Clown war verschwunden. Das Bein war verschwunden. Das Haus stand noch da, aber sie sah jetzt, daß es leer stand und allmählich verfiel; die Fenster waren mit Brettern vernagelt, die Verandastufen zerbrochen.
War ich wirklich dort drin, oder habe ich das alles nur geträumt?
Aber ihre Jeans waren schmutzig, ihre gelbe Bluse staubbedeckt.
Und sie hatte Schokolade an den Fingern.
Sie wischte sie an ihren Jeans ab und entfernte sich rasch. Ihr Puls raste, ihr Kopf fühlte sich heiß, ihr Rücken hingegen eiskalt an.
Wir können Es nicht besiegen. Was immer Es auch sein mag, wir können Es nicht besiegen. Es will sogar, daß wir es versuchen - Es will die alte Rechnung begleichen. Und Es wird sich nicht mit einem Unentschieden zufriedengeben, nehme ich an. Wir sollten von hier verschwinden... möglichst rasch verschwinden...