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Etwas strich an ihrer Wade vorbei, sanft wie eine Katzenpfote. Sie schrie leise auf und zuckte zusammen. Dann schaute sie hinunter und sprang zurück, eine Hand auf den Mund gepreßt.

Es war ein gelber Ballon, gelb wie ihre Bluse. In leuchtendem Blau stand darauf: Du hast völlig recht, beverly.

Und dann flog der Ballon in der leichten angenehmen Frühlingsbrise davon.

4. Richie Tozier nimmt seine Beine in die Hand

Na ja, so gut wie nichts, dachte Richie Tozier, während er die Outer Canal Street am Bassey Park entlangschlenderte. Seit der verrückten Schlußszene des Mittagessens im >Jade of the Orient< war er ziellos herumgelaufen und hatte versucht, den fürchterlichen Inhalt der Glückskuchen geistig irgendwie zu verarbeiten. Höchstwahrscheinlich war überhaupt nichts aus diesen Dingern rausgekommen, versuchte er sich einzureden. Vermutlich war es so eine Art Gruppenhalluzination gewesen, hervorgerufen durch all das unheimliche Zeug, über das sie geredet hatten. Der beste Beweis für diese Hypothese war die Tatsache, daß Rose nichts gesehen hatte. Natürlich, Be-verlys Eltern hatten damals das Blut im Badezimmer auch nicht gesehen, aber das war nicht dasselbe.

Nein? Und warum nicht?

»Weil wir jetzt erwachsen sind«, murmelte er, stellte aber fest, daß dieser Gedanke ihm weder logisch noch beruhigend vorkam; ebensogut hätte er irgendeine unsinnige Zeile aus einem Kinder-Abzählreim vor sich hin sagen können.

Er warf einen Blick nach links und sah das große Gebäude aus Glas, Ziegeln und Stahl, das Ende der 5oer Jahre so erhaben gewirkt hatte, jetzt aber ziemlich altmodisch und schäbig aussah.

Hier bin ich nun also wieder, dachte er, am verdammten City Center Building, dem Schauplatz jener anderen Halluzination. Oder jenes Traums. Oder was zum Teufel es auch immer gewesen sein mag.

Die anderen hatten in ihm immer den Klassenkaspar, den Spaßvogel gesehen, und er war ganz leicht wieder in diese Rolle geschlüpft (oh, aber wir sind alle wieder in unsere alten Rollen geschlüpft, ist dir das nicht aufgefallen? flüsterte sein Verstand). Und das war nicht einmal so ungewöhnlich. Er dachte, daß man so etwas vermutlich bei jedem High School-Klassentreffen nach zehn Jahren beobachten konnte - der Gescheittuer, der im College seine Berufung zum Priester entdeckt hatte, würde nach zwei Drinks automatisch wieder der alte Klugscheißer sein; der Große-Englisch-Spezialist, aus dem ein geschickter Autoverkäufer geworden war, würde plötzlich Vorträge über John Irving oder John Cheever halten. Und der Junge, der an Freitag- und Samstagabenden in einer Band gespielt und sich zum Geschichtsprofessor gemausert hatte, würde plötzlich mit einer Gitarre in der Hand bei der Kapelle sitzen und mit betrunkener, ausgelassener Fröhlichkeit >Gloria< oder >Wipe-Out< grölen.

Doch, so glaubte Richie, dieser Rückfall war eine Halluzination, nicht aber die jetzige Lebensweise. Vielleicht war das Kind der Vater des Mannes, aber Väter und Söhne hatten oft ganz verschiedene Interessen... und nur eine oberflächliche Ähnlichkeit. Und doch: du sagst >Erwachsene<, und das hört sich plötzlich wie totaler Unsinn an; wie sinnloses Wischi-Waschi. Warum ist das so, Richie? Warum?

»Weil Derry so unheimlich ist wie eh und je. Darum! Warum belassen wir's nicht einfach dabei.

Weil die Dinge nicht so einfach sind, deshalb.

Er selbst war ein Hanswurst gewesen, ein manchmal rüpelhafter, manchmal amüsanter Spaßvogel - es war für ihn die einzige Möglichkeit gewesen, irgendwie zurechtzukommen, ohne sich von Burschen wie Henry Bowers total fertigmachen zu lassen oder einfach überzuschnappen. Im nachhinein begriff er, daß die Tatsache, daß sein Verstand zehn- oder zwanzigmal schneller arbeitete als der seiner meisten Mitschüler, einen Großteil seiner Probleme ausgelöst hatte. Seine Klassenkameraden hatten ihn für komisch, sonderbar, etwas unheimlich oder schlichtweg selbstmörderisch gehalten, weil sie seinen geistigen Höhenflügen einfach nicht folgen konnten. Später bekam man so was unter Kontrolle - entweder man bekam es unter Kontrolle, oder man fand dafür Ablaßventile wie beispielsweise Kinky Briefcase oder Buford Kissdrivel. Das hatte Richie in jenen Monaten entdeckt, nachdem er - aus einer Augenblickslaune heraus - in den Rundfunksender seines Colleges geschlendert war und dort schon nach seiner ersten Woche am Mikrofon alles gefunden hatte, was er sich jemals gewünscht hatte. Er war anfangs sehr gut gewesen; er war viel zu aufgeregt gewesen, um gut zu sein. Aber er hatte begriffen, daß er die Möglichkeit hatte, in diesem Beruf nicht nur gut, sondern hervorragend zu sein, und allein schon diese innere Gewißheit hatte ihn in Euphorie versetzt. Gleichzeitig hatte er auch begonnen, jenes wichtige Prinzip zu begreifen, das die Welt regiert - zumindest soweit es um Karriere und Erfolg geht: Man mußte den verrückten Kerl in seinem eigenen Innern finden, der einem das Leben schwermachte. Man mußte ihn in die Ecke treiben und packen. Aber man durfte ihn nicht umbringen, o nein. Für kleine Bastarde dieser Art wäre der Tod viel zu gut gewesen. Man mußte ihm ein Geschirr anlegen und dann anfangen zu pflügen. Der verrückte Kerl legte sich mächtig ins Zeug, sobald man ihn erst in die Spur gebracht hatte. Und er hielt einen bei Laune, amüsierte einen. Das war eigentlich auch schon das ganze Erfolgsrezept. Und das genügte vollständig.

Er war komisch gewesen, zugegeben, ein Lacher pro Minute, aber zuletzt hatte er die Alpträume überwunden, jene dunkle Rückseite seines vielen Lachens. Zumindest hatte er das geglaubt. Bis heute, als das Wort erwachsen plötzlich seinen Sinn für ihn verloren hatte. Und jetzt gab es noch etwas anderes, womit er sich auseinandersetzen mußte - mit dieser riesigen, idiotischen Statue von Paul Bunyan vor dem City Center.

Irgendwas muß es gegeben haben, hatte Bill gesagt.

Nichts. Na ja... so gut wie nichts. Da war die Statue von Paul Bunyan, Big Bill. Der Gegenstand jener Halluzination. Oder jenes Traums. Oder was immer es auch gewesen sein mag.

Zum zweitenmal an diesem Tag verspürte er plötzlich einen scharfen Schmerz in den Augen, und er riß mit leisem Stöhnen die Hände hoch... und gleich darauf war der Schmerz schon wieder vorbei. Richie fühlte sich nur noch etwas zittrig, und ihm war schwindelig zumute. Die Statue verschwamm vor seinen Augen, wurde schärfer, verschwamm und wurde schließlich wieder ganz scharf. Der legendäre Paul hatte die stattliche Größe von 20 Fuß, und der Sockel hob ihn noch 6 Fuß empor. Er stand da und lächelte auf die Fußgänger und Autofahrer auf der Outer Canal Street hinab, von seinem Platz vor dem City Center, das in den Jahren 1954/55 für ein später nie zustande gekommenes Jugend-Basketballteam errichtet worden war. Der Stadtrat von Derry hatte ein Jahr später Gelder für die Statue bewilligt. Sie war damals heiß umstritten, sowohl in den Versammlungen des Stadtrats als auch in den Leserbriefen an die >Derry News<. Manche waren der Meinung, es würde eine großartige Statue sein. Viele glaubten, sie könnte zu einer Touristenattraktion werden. Andere aber hielten die Idee einer Plastikstatue von Paul Bunyan für entsetzlich kitschig, unglaublich geschmacklos. Die Kunstlehrerin der High School hatte - daran erinnerte sich Richie noch genau - einen Leserbrief an die >News< geschrieben und gedroht, die Statue in die Luft zu sprengen, wenn diese Monstrosität tatsächlich in Derry aufgestellt werden würde. Grinsend dachte Richie jetzt, daß ihr Vertrag bestimmt nicht verlängert worden war.

Die Kontroverse - viel Lärm um nichts, was sehr typisch für solche Lokalangelegenheiten war - hatte etwa sechs Monate angedauert, und dann war die Statue, die in einer Plastikfabrik in Ohio einfach gegossen wurde, aufgestellt worden, zunächst allerdings noch in eine riesige Segeltuchplane gehüllt. Die Enthüllung hatte am 13. Mai 1957 stattgefunden, dem 150. Jahrestag der Stadterhebung Derrys, und wie es vorauszusehen gewesen war, brach ein Teil der Anwesenden in wüste Schmäh-rufe, der andere in wahren Begeisterungstaumel aus.