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Bei der Enthüllung hatte sich gezeigt, daß Paul Latzhosen und ein rotweißkariertes Hemd trug (beides war vorherzusehen gewesen). Sein Bart war herrlich schwarz und herrlich dicht und herrlich holzfällerartig. Über einer Schulter trug er eine wahrhaft riesige Axt, und er grinste unermüdlich vor dem Hintergrund des Himmels, der an jenem Tag so blau gewesen war wie die Haut von Pauls berühmtem Gefährten (der bei der Enthüllung nicht zutage kam; der Kostenvoranschlag für einen blauen Ochsen war umwerfend hoch gewesen).

Die bei der Enthüllungszeremonie anwesenden Kinder (es waren Hunderte, und der neunjährige Richie Tozier - in Begleitung seines Vaters -war einer davon) waren völlig hingerissen von dem Plastikriesen, der in den Himmel emporragte. Eltern hoben ihre Kleinkinder auf den hohen quadratischen Sockel, auf dem Paul stand, und beobachteten amüsiert -zugleich aber auch etwas besorgt -, wie die Kleinen lachend über Paul Bunyans riesige Plastikstiefel krabbelten und kletterten.

Es war im März des folgenden Jahres gewesen, als Richie Tozier sich erschöpft und verängstigt auf eine der Bänke vor der Statue fallen ließ, nachdem er während einer Verfolgungsjagd, die von seiner Schule durch einen Großteil der Innenstadt geführt hatte, Bowers, Criss und Huggins nur ganz knapp entkommen war. Es war ihm schließlich gelungen, sie in der Spielwarenabteilung von Freese's Department Store zu überlisten.

Diese Filiale von >Freese< war natürlich im Vergleich zu dem riesigen Kaufhaus in Bangors Innenstadt ziemlich bescheiden, aber Henry Bowers war ganz dicht hinter ihm gewesen, und Richie - dessen Mundwerk ihn natürlich wieder einmal in Schwierigkeiten gebracht hatte - war schon total erschöpft. Deshalb erschien ihm das Kaufhaus als letzter Zufluchtsort, und mit einem plötzlichen Seitensprung rettete er sich durch die Drehtür ins Innere. Henry, der den Mechanismus solch komplizierter

Vorrichtungen wie Drehtüren offensichtlich nicht kapierte, klemmte sich fast die Finger ein, als er ihn doch noch zu packen versuchte.

Während Richie mit wehendem Hemd einen Gang entlangsauste, hörte er die Drehtür ein paarmal laut knallen und begriff, daß die Großen Drei immer noch hinter ihm her waren. Er lachte, aber das war nur ein nervöser Tick; sein Herz war so angsterfüllt wie das eines Kaninchens in einer Drahtschlinge. Diesmal wollten sie ihn richtig verprügeln (damals hatte Richie noch keine Ahnung davon, daß die drei - insbesondere aber Henry - im Juni außer vor Mord vor kaum etwas zurückschrecken würden, und er wäre vor Angst erbleicht, wenn ihm jemand erzählt hätte, daß es im Juli zu der apokalyptischen Steinschlacht kommen würde, bei welcher der Klub der Verlierer einen gewissen Mike Hanion in seiner Mitte willkommen heißen würde). Und dabei war es um eine so dumme, wirklich alberne Sache gegangen.

Die Fünfkläßler, unter ihnen auch Richie, waren in die Turnhalle gegangen; ihre Parallelklasse, darunter auch Henry Bowers, war gerade herausgekommen. Die Wasserrohre an der Decke tropften wieder einmal, aber Mr. Fazio war noch nicht dazu gekommen, sein Schild Vorsicht! nasser fussboden! aufzustellen. Henry war ausgerutscht und mit aller Wucht auf seinem Hintern gelandet.

Und bevor er ihn daran hindern konnte, hatte Richies Verräter-Mund gerufen: »O weia, wenn der Arsch nur nicht aus dem Leim gegangen ist!«

Sowohl Henrys als auch Richies Klassenkameraden hatten natürlich schallend gelacht, aber Henry hatte nicht einmal gelächelt, als er sich hochrappelte; nur eine dumpfe Zornesröte war ihm vom Nacken in den Kopf gestiegen. »Ich seh' dich später, Vier-Auge!« hatte er gesagt. Das Gelächter war verstummt, und die Jungen hatten Richie wie einen Todeskandidaten angesehen. Henry hatte sich entfernt, mit einem großen nassen Fleck auf der Hose, und bei diesem Anblick hatte Richies selbstmörderisch witziger Mund sich schon wieder geöffnet... aber diesmal hatte Richie sich fast die Zungenspitze abgebissen, als er ihn mit aller Kraft wieder schloß.

Na ja, vielleicht vergißt er's, hatte er unbehaglich beim Umziehen gedacht. Verdammt, soviel Gehirnzellen hat er ja schließlich nicht.

»Du bist ein toter Mann, Tozier!« hatte Vince Taliendo gesagt, während er seine Turnhose hochzog. Er hatte das mit einem gewissen traurigen Respekt gesagt, der nicht gerade zur Besserung von Richies Laune beitrug. »Aber mach dir nichts draus, ich bring' Blumen zur Beerdigung mit.«

»Schneid dir die Ohren ab, dann kannst du sogar Blumenkohl mitbringen«, hatte Richie schlagfertig erwidert, und alle hatten gelacht, sogar Taliendo. Sie hatten alle gut lachen, sie saßen jetzt gemütlich zu Hause, hörten >Bandstand< oder schauten sich im Fernsehen >The Mickey Mouse Club< an, während Richie schweißüberströmt durch die Abteilung für Damenwäsche hetzte. Eine Frau drehte sich flüchtig nach ihm um, bevor sie sich wieder den Playtex-Korsetts zuwandte - und Bowers und seine beiden Gefolgsmänner kamen die Treppe hinabgestürzt.

Henry hatte es natürlich nicht vergessen. Richie hatte die Schule vorsichtshalber durch den Hinterausgang verlassen, aber Henry hatte dort -ebenfalls vorsichtshalber - Belch Huggins als Aufpasser postiert. Richie hatte ihn zuerst gesehen - sonst hätte es überhaupt keine Verfolgungsjagd gegeben. Belch hatte gerade in die andere Richtung geschaut, eine Camel in einer Hand, während er sich mit der anderen verträumt am Hintern kratzte. Mit laut pochendem Herzen hatte Richie sich über den Spielplatz geschlichen und war schon fast auf der Charter Street gewesen, als Belch sich zufällig doch noch umgedreht und ihn gesehen hatte. Das war der Beginn dieser Verfolgungsjagd gewesen.

Die Spielzeugabteilung war fürchterlich leer. Nicht einmal ein Verkäufer war zu sehen - ein willkommener Erwachsener, der hätte eingreifen können. Er hörte sie näher kommen, die drei Elefanten der Apokalypse. Und er konnte einfach nicht mehr rennen. Bei jedem Atemzug durchzuckte ein scharfer Schmerz seine ganze linke Seite.

Sein Blick fiel auf den Notausgang, und er faßte neuen Mut. Auf einem Schild über der Türstange stand nämlich: nur notausgang! alarm wird ausgelöst!

Richie rannte einen Gang entlang, vorbei an Donald-Duck-Schachtel-männchen, amerikanischen Armeepanzern, die in Japan, und Plastikaffen, die in Taiwan hergestellt worden waren. Dann drückte er mit aller Kraft gegen die Türstange. Die Tür öffnete sich, und kühle Märzluft flutete herein. Heulend ging die Alarmsirene los. Mit einem Satz sprang Richie zurück und ließ sich im nächsten Gang auf Hände und Knie fallen.

Henry, Belch und Victor stürzten gerade noch rechtzeitig in die Spielzeugabteilung, um zu sehen, wie die Notausgangstür zufiel und die Sirene verstummte. Sie rasten darauf zu, Henry als erster, das Gesicht vor Anstrengung und Wut verzerrt.

Jetzt kam auch ein Verkäufer angerannt. Er trug einen blauen Nylonkittel über einem buntkarierten Sportsakko und hatte eine Brille mit pinkfarbe-nem Gestell auf der Nase. Richie dachte, daß er eine unheimliche Ähnlichkeit mit Wally Cox in der Rolle des Mr. Peepers hatte, und er mußte sich den Arm vor seinen Verräter-Mund halten, um nicht in wildes, hysterisches Gelächter auszubrechen.

»He, Jungs!« schrie Mr. Peepers. »Ihr könnt dort nicht raus! Das ist ein Notausgang! Ihr... he... ihr Jungs...!«

Victor warf ihm einen etwas nervösen Blick zu, aber Henry und Belch drehten sich nicht einmal um, und Victor folgte ihnen. Erneut ging die Alarmsirene los, als die drei auf die Gasse hinter dem Kaufhaus hinausrannten. Sie war noch nicht wieder verstummt, als Richie schon aufgesprungen war und in die andere Richtung trabte, zurück zur Abteilung für Damenwäsche.