»Ihr Jungs bekommt hier alle Hausverbot!« schrie der Verkäufer hinter ihm her.
Richie rief ihm über die Schulter hinweg mit seiner >Stimme der Zeternden Oma< zu: »Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, daß Sie genau wie Mr. Peepers aussehen, junger Mann?«
Und da saß er nun, fast eine Meile vom Kaufhaus entfernt, und hoffte, in Sicherheit zu sein. Zumindest bis zum nächsten Tag. Er war sehr müde. Er saß auf der Bank, die etwas links von der Statue stand, und versuchte, sich ein wenig zu erholen. Gleich würde er aufstehen und nach Hause gehen,
aber im Moment war es sehr angenehm, hier einfach in der Nachmittagssonne zu sitzen, die versprach, daß der Frühling nun bald wirklich anbrechen würde.
Jenseits des Rasens konnte er an der Überdachung des Eingangs zum City Center in großen blauen transparenten Leuchtbuchstaben folgende Ankündigung lesen:
HALLO TEENS!
KOMMT ALLE AM 28. MÄRZ!
ZURARNiE >Woo-Woo< GINSBERGROCKAND ROLL SHOW!
JERRYLEELEWIS
THEFLAMINGOS
FRANKIE LYMON & THE TEENAGERS GENE VINCENT & THE BLUE CAPS THEMELLOWTONES EDDIE & THE CRUISERS
Das war eine Show, zu der er wirklich sehr gern gehen würde, dachte er schläfrig, aber er wußte, daß seine Mutter das nie erlauben würde. Sie gab zwar zu, in den 4oer Jahren für Frank Sinatra geschwärmt zu haben, aber ebenso wie Bill Denbroughs Mutter wollte sie von Rock 'n' Roll nichts wissen. Chuck Berry war ihr ein Greuel, und sie erklärte, daß sich ihr bei Richard Penneman - unter seinen Fans besser bekannt als Little Richard -der
Magen umdrehe.
Richies Vater war in bezug auf dieses Thema neutral, aber Richie wußte tief im Herzen, daß seine Mutter nicht mit sich reden lassen würde, was Rock 'n' Roll anging. Ihm selbst gefiel das bißchen Rock 'n' Roll, das er bisher gehört hatte, großartig (seine beiden Hauptquellen waren >American Bandstand< auf Kanal 7 und der WPTR aus New York, der hier aber nur sehr schlecht zu empfangen war); er spürte in dieser Musik eine große Kraft, eine Macht, die eines Tages vielleicht allen schmächtigen Kindern und Verlierern dieser Welt gehören würde, eine verrückte, ausgelassene Kraft, die einen sowohl erschlagen als auch in Ekstase versetzen konnte. Seine besonderen Ideale waren Fats Domino, weil gegen den sogar Ben Hanscom mager aussah, und Buddy Holy, weil der eine Brille trug.
Na ja, eines Tages würde er seinen Rock 'n' Roll haben, wenn er wollte, aber nicht dieses oder nächstes Jahr. Mit solchen Gedanken beschäftigt, wandte Richie seine Blicke wieder der Statue von Paul Bunyan zu... und dann... na ja, er mußte eingeschlafen sein. Denn was dann geschehen war, konnte man einfach unmöglich glauben. Solche Dinge passierten nur in Träumen.
Und als Richie Tozier nun, 27 Jahre später - nachdem er soviel Rock and Roll bekommen hatte, wie er nur wollte, diese Musik aber immer noch heiß liebte - auf derselben Bank saß und zum City Center hinüberblickte, sah er, daß die blauen Leuchtbuchstaben mit gräßlicher Zufälligkeit verkündeten:
14. JUNI
THE J. GEIl S BAND & THE BLEND KARTENVERKAUF HIER ODER AN JEDEMVORVERKAUFSSCHALIER
Er schaute wieder zu Paul Bunyan empor, dem Schutzpatron dieser
Stadt, die - den alten Geschichten zufolge - entstanden war, weil die Baumstämme sich hier stauten und herausgeholt wurden, wenn sie flußabwärts trieben. Es hatte eine Zeit gegeben, da im Frühling sowohl der Penobscot als auch der Kenduskeag von einem Ufer bis zum anderen so mit nassen schwarzen Baumstämmen verstopft waren, daß man sie - wenn man geschickt war - trockenen Fußes überqueren konnte. So hatte man jedenfalls in Richies Kindheit erzählt.
Na, alter Paul, dachte er, während er die große Plastikstatue betrachtete. Was hast du so alles getrieben, seit ich hier weggezogen bin? Hast du neue Flußbetten geschaffen, indem du deine Axt am Boden hinter dir hergeschleift hast, wenn du müde heimgingst? Hast du neue Seen geschaffen, weil du eine Badewanne haben wolltest, die groß genug war, damit du bis zum Hals in Wasser sitzen konntest? Hast du noch mehr Kindern Angst eingejagt? Du hast mir an jenem Tag nämlich Angst eingejagt, das kann ich dir sagen.
Da hatte er in der warmen Märzsonne gesessen und daran gedacht heimzugehen und >Bandstand< einzuschalten, und plötzlich hatte ein kalter Windstoß ihm die Haare aus der Stirn geweht, und er hatte aufgeschaut, und Paul Bunyans riesiges Plastikgesicht war direkt vor ihm gewesen und hatte sein ganzes Blickfeld ausgefüllt, größer als eine Filmleinwand. Der Luftstoß war dadurch entstanden, daß Paul sich heruntergebeugt hatte. Seine Axt ruhte nicht mehr auf seiner Schulter; er stützte sich auf ihren Stiel und blickte Richie direkt ins Gesicht. Er lächelte immer noch, aber es war kein freundliches Lächeln mehr, sondern ein unangenehmes hämisches Grinsen.
»Ich werde dich auffressen«, sagte der Riese mit tiefer, dröhnender Stimme, die sich anhörte, als ob Felsbrocken bei einem Erdbeben gegeneinanderschlügen. »Wenn du mir nicht sofort meine Harfe und meine Henne und meine Goldsäcke zurückgibst, werde ich dich... auffressen!«
Der Atem bei diesen Worten glich einem Orkan und ließ Richies Hemd wild flattern. Dieser Atem war warm, stank aber süßlich nach Verwesung. Richie drückte sich an die Banklehne, mit schreckensweit aufgerissenen Augen und gesträubten Haaren.
Dann begann der Riese zu lachen, packte die Axt mit beiden Händen und hob sie langsam hoch, und Richie konnte hören, wie sie die Luft durchschnitt - sie verursachte ein tiefes, unheimlich pfeifendes Geräusch: SWOPPPPPP! - und Richie begriff plötzlich, daß der Riese ihn mit seiner Axt spalten wollte.
Er war wie gelähmt, und eine träge Apathie überkam ihn. Was spielte es schon für eine Rolle? Es war nur ein Traum. Gleich würde er aufwachen.
»Das stimmt«, brummte der Riese. »Du wirst aufwachen - in der Höllel« Und im letzten Moment, als die Axt sich schon wieder senkte, mit einem schärferen Ton durch die Luft pfiff, begriff Richie entsetzt, daß es kein Traum war, und wenn doch, so war es ein Traum, der tödlich enden konnte.
Mit einem lautlosen Schrei ließ er sich von der Bank auf den Kies fallen und bemerkte nicht einmal, daß er sich den Arm aufschürfte. Das Geräusch der niedersausenden Axt war ohrenbetäubend, und das Grinsen des Riesen hatte sich in eine irre Grimasse aus Haß und Mordlust verwandelt. Er -es - bleckte die Zähne, so daß das gräßlich rote Plastikzahnfleisch entblößt wurde.
Mit einem mörderischen swiiiipppppp! durchschnitt die scharfe Axt die Luft und traf genau die Bank, auf der Richie soeben noch gesessen hatte. Der Knall glich einem Kanonenschuß. Die grüne Bank war säuberlich in zwei Teile gespalten, aber die Wucht des Schlags war so groß, daß beide Teile in kleine Holzsplitter zerfielen, die in die Luft stoben und dann auf den Kies fielen wie kleine grüne Grashalme.
Schreiend schob Richie sich mit den Absätzen weiter, während er sich einen Arm vors Gesicht hielt, um es vor den herniederregnenden Holzsplittern zu schützen. Als er ihn dann wieder sinken ließ, bot sich ihm ein Anblick, der hätte komisch sein können, wenn er nicht so fürchterlich gewesen wäre: Paul Bunyan stieg von seinem Sockel herab. Sein Kopf war zur Seite geneigt, und seine Augen - jedes so groß wie ein Kanalschachtdeckel -stierten den auf dem Boden liegenden Jungen an.
Die Erde bebte, als er seinen Stiefel aufsetzte. Kies stob hoch. Der Stiefel sank ein Stück in den Boden ein.
Richie rollte auf den Bauch und stemmte sich hoch. Seine Beine versuchten schon zu rennen, er verlor das Gleichgewicht und fiel wieder der Länge nach hin. Zwischen den ihm ins Gesicht fallenden Haaren hindurch konnte er den Verkehr auf der Canal Street sehen; die Autos fuhren dahin, so als wäre nichts geschehen; kein Mensch schien zu bemerken, daß die Statue plötzlich zum Leben erwacht war und mit einer fast hausgroßen Axt einen kleinen Jungen verfolgte.