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Plötzlich war die Sonne weg, und er lag im Schatten - und dieser Schatten hatte die Form eines Mannes.

Irgendwie kam er wieder auf die Beine und rannte, was das Zeug hielt. Er rannte auf den Gehweg zu und hörte hinter sich wieder jenes schreckliche Geräusch, ein Geräusch wie von einem dahinrasenden Gespensterzug: swidipppppp!

Mit einem neuerlichen erderschütternden Dröhnen grub sich Paul Buny-ans Axt dicht hinter Richie tief in den Boden. Einen Moment später war er aus dem Schatten heraus und stand wieder in der Sonne. Keuchend riskierte er über die Schulter hinweg einen Blick zurück.

Die Statue stand auf ihrem Sockel, die Axt auf der Schulter, und grinste zum Himmel empor. Die Bank, die in grüne Splitter gespalten worden war, stand heil und unversehrt da. Der Kies war nur an einer Stelle aufgewühlt -dort, wo er von der Bank gefallen war. Es waren auch keine tiefen Fußspuren von der Größe eines Dinosauriers, aber von der Form eines Männerstiefels zu sehen.

Richie lachte etwas zittrig und unsicher. Er stand noch eine Weile da und wartete, ob die Statue sich wieder bewegen würde - vielleicht winken oder die Axt von einer Schulter auf die andere heben oder herabsteigen und ihn wieder verfolgen würde - aber natürlich tat sie nichts dergleichen. Sein Verstand arbeitete schon damals bemerkenswert und logisch (sozusagen vorjuristisch), und er kam zu dem Schluß, daß er eingeschlafen sein mußte, geträumt hatte und dabei von der Bank gefallen war. Immer noch im Banne seines Traums war er dann fast 30 Schritt weit gerannt, bevor er gemerkt hatte, daß er wach war. Ja, so ergab die ganze Sache einen Sinn. Nach seinem knappen Entkommen vor den drei Raufbolden hatte der Traum sogar seine eigene bizarre Logik.

Trotzdem reichte es Richie. Der Traum war sehr real gewesen. Er machte sich auf den Heimweg, und obwohl es eine Abkürzung gab, die an der Statue vorbeiführte, hatte er verständlicherweise beschlossen, lieber den weiteren Weg zu nehmen. Aber schon am Abend hatte er den Vorfall fast vergessen gehabt.

Und nun saß er wieder auf jener Bank, ein teuer gekleideter Mann in moosgrünem Sportsakko aus einem Geschäft am Rodeo Drive, Bass Wee-juns an den Füßen, und blickte zu Paul Bunyan empor. Die alte Erklärung leuchtete ihm immer noch ein: Es war ein Traum gewesen. Wenn es sein mußte, konnte er zwar vermutlich auch an Monster glauben - schließlich hatte er genügend von solchen Kerlen wie Idi Amin Dada und Reverend Jim Jones gehört und gelesen, und wenn er an sie glauben konnte (und das mußte er ja wohl oder übel, obwohl es ihn sehr bedrückte), so konnte er wohl auch, zumindest eine .Zeitlang, an Mike Hanions Es glauben. Er konnte an ein Monster glauben, das die verschiedensten Gesichter annahm (warum auch nicht - im Dutzend billiger!), aber eine 20 Fuß hohe Plastikstatue, die zuerst versuchte, einen mit ihrer Axt zu erschlagen, und die dann einfach von ihrem Sockel herabstieg, um einen ein bißchen zu jagen? Das war denn doch ein bißchen viel verlangt. Es...

Plötzlich überfiel ihn wieder ohne jede Vorwarnung jener messerscharfe Schmerz in den Augen, und er schrie gequält auf. Diesmal hielt der Schmerz länger an und war noch stärker als die beiden ersten Male. Instinktiv griff Richie sich mit den Zeigefingern an die Unterlider, um seine Kontaktlinsen herauszunehmen. Vielleicht ist es irgendeine Infektion, dachte er. Mein Gott, wie das brennt!

Mit den alten harten Linsen hatte er zweimal Infektionen gehabt, und beim erstenmal, im College, hatte er eine Woche lang mit irgendeinem gelben Zeug von Medizin um die Augen herumlaufen müssen. Er hatte wie ein Waschbär mit Gelbsucht ausgesehen, aber er hatte trotzdem nicht aufgegeben. Obwohl er sich nur noch sehr verschwommen an seine Kindheit erinnern konnte, schallten ihm Spottrufe wie He, Vier-Auge! und He, Flaschengesicht! in den Ohren, und er war fest entschlossen, bei den Kontaktlinsen zu bleiben. Die weichen Linsen hatten sich dann als Ideallösung erwiesen, und er hatte damit nie irgendwelche Probleme gehabt... bis jetzt.

Er zog die Lider etwas nach unten und wollte die Linsen gerade durch einmaliges kurzes Blinzeln herausfallen lassen (die nächste Viertelstunde würde er dann zwar damit verbringen müssen, halbblind im Kies nach ihnen zu tasten, aber, mein Gott, das tat ja so weh, als hätte er Spikes in den Augen)... da war der Schmerz auf einmal wie weggeblasen. Seine Augen tränten noch einen Moment, dann war alles wieder völlig normal.

Langsam ließ er die Hand sinken. Er hatte starkes Herzklopfen. Und plötzlich fiel ihm der einzige Horrorfilm ein, der ihn als Kind wirklich ge-ängstigt hatte, vielleicht Weil er wegen seiner Brille und seiner schlechten Augen soviel Spott einstecken mußte, weil er soviel Zeit damit verbrachte, sein Gesicht im Badspiegel anzustarren - die Nase fast ans Glas gepreßt und den Atem anhaltend, damit es nicht beschlug - und sich zu fragen, warum Gott es für nötig gehalten hatte, ihn mit so beschissenen Augen zu strafen. Jener Film war >The Crawling Eye< - >Das kriechende Auge< - mit Forrest Tuk-ker gewesen. Die anderen Kinder hatten sich halb totgelacht, aber er hatte sich bleich und kalt und entsetzt an seinen Sitz gepreßt, als das schreckliche gallertartige Ding aus dem künstlichen Nebel eines englischen Filmstudios hervorkam und seine Tentakel bewegte. Das war wirklich schlimm gewesen, die Verkörperung von hunderterlei vagen Ängsten. Das war wirklich sehr schlimm gewesen.

Obwohl es warm war, seit die Wolkendecke sich aufgelöst hatte, fröstelte Richie plötzlich und beschloß, ins Hotel zurückzugehen und ein Nickerchen zu halten. Er war fast die ganze Nacht hindurch geflogen und Auto gefahren, und die Schmerzen in seinen Augen rührten vermutlich von Übermüdung her. Für einen Tag hatte er wirklich genug Schocks erlebt, und er war auch weiß Gott genug herumgelaufen. Es gefiel ihm überhaupt nicht, wie er in Gedanken vom Hundertsten ins Tausendste kam, wie ihm Dinge einfielen, an die er seit Ewigkeiten nicht mehr gedacht hatte: die Statue, der alte Streit um Rock 'n' Roll, der bei ihm zu Hause von Zeit zu Zeit ausgebrochen war, seine Brille, jener Horrorfilm. Es wurde wirklich Zeit, ein paar Runden zu schlafen; anschließend würde er bestimmt wieder bei klarem Verstand sein.

Er erhob sich, und dann fiel sein Blick auf das Werbeplakat vor dem City Center, und er ließ sich wieder auf die Bank fallen und glaubte, seinen Augen nicht zu trauen.

WILLKOMMEN zu HAUSE, RICHIE TOZIER!

Zu EHREN DER HEIMKEHR DES >MANNES DER TAUSEND STIMMEN< PRÄSENTIERT CITY CENTERDIE >ROCK-SHOW DERTOTEN<

BUDDY    HOLLY RLCHIE VALENS THE BLG BOPPER

FRANKIE LYMON GENE VINCENT BOBBY FÜLLER

HAUSKAPELLE

JIMI HENDRIX ERSTE GITARRE JOHN LENNON RHYTHMUSGITARRE EDDIE TOWSON BASSGITARRE KEITH MOON SCHLAGZEUG WILLKOMMEN zu HAUSE, RICHIE! AUCH DU BIST TOT! Er hatte das Gefühl, plötzlich keine Luft mehr zu bekommen... und dann hörte er wieder jenes Geräusch, jenes mörderische swiiippppp! Er ließ sich von der Bank auf den Kies fallen und dachte dabei: Das versteht man also unter einem >Deja-vu-Erlebnis<, jetzt weißt du es, du wirst nie wieder fragen müssen,.

Er prallte mit der Schulter auf und rollte sich ab. Dann warf er einen Blick auf die Statue von Paul Bunyan - nur war es nicht mehr Paul Bunyan. Statt dessen stand dort oben der Clown, 20 Fuß Farbenpracht in Plastik; sein geschminktes Gesicht ragte bösartig aus einer komischen Halskrause empor. Auf der Vorderseite seines silbrigen Kostüms hatte es orangefarbene Pomponknöpfe, aus Plastik gegossen, jeder so groß wie ein Volleyball. Anstatt einer Axt hatte diese Erscheinung mit dem breiten roten Grinsen und den orangefarbenen Haarbüscheln a la Bozo eine Traube