Plastikballons in der Hand, und auf jedem Ballon stand: für mich immer noch rock and roll und darunter: richie toziers rock-show der toten.
Richie kroch auf Händen und Füßen rückwärts. Eine Ärmelnaht an seinem Sportsakko platzte auf. Er kam mühsam auf die Beine, blickte hoch und sah, daß der Clown mit rollenden Augen auf ihn herabschaute.
»Ich hab' dir Angst eingejagt, was, Richie?« brummte er.
Und Richie hörte sich antworten: »Billige Überrumpelungstaktik, Bozo. Weiter nichts.«
Der Clown nickte grinsend. Die roten Lippen teilten sich und enthüllten hauerartige Zähne, die rasierklingenscharf aussahen. »Ich könnte dich jetzt schnappen, wenn ich wollte«, sagte es. »Aber ich möchte mir den Riesenspaß nicht verderben.«
»Auch mir wird es Spaß machen«, hörte Richie sich wieder sagen. »Und den größten Spaß werde ich haben, wenn wir dich schnappen und es dir endgültig an den Kragen geht, Baby.«
Das Grinsen des Clowns wurde immer breiter. Er hob eine weiß behandschuhte Hand, und wie an jenem Tag vor 27 Jahren spürte Richie, wie der dabei entstehende Luftzug ihm die Haare aus der Stirn blies. Der Clown streckte seinen Zeigefinger aus - er war so groß wie ein Balken.
Groß wie ein Balken, dachte Richie zusammenhanglos, und dann überfiel ihn wieder jener Schmerz - rostige Spikes, die brutal in seine Augen getrieben wurden -, und er schrie auf.
»Bevor du den Splitter aus dem Auge deines Nächsten ziehen willst, solltest du des Balkens in deinem eigenen gewahr werden«, rezitierte der Clown-Riese mit dröhnender Stimme, und Richie konnte seinen Atem riechen, einen süßen Verwesungsgestank.
Dann verebbte der Schmerz wieder.
Er blickte hoch und wich hastig einige Schritte zurück. Der Clown beugte sich herab, die behandschuhten Hände auf seine Knie in den lustigen Hosen gestützt.
»Sollen wir noch ein bißchen spielen, Richie?« fragte es mit seiner dröhnenden Stimme. »Wie war's, wenn ich auf deinen Unterleib deute und dir Prostatakrebs beschere? Ich kann auch auf deinen Kopf deuten und dich mit einem guten alten Gehirntumor beglücken. Oder ich kann auf deinen Mund deuten, und deine blöde Plapperzunge wird herausfallen. Ich kann das tun, Richie. Willst du's sehen?«
seine Augen wurden immer größer, und in jenen schwarzen Pupillen, die so groß wie Korbbälle waren, sah Richie die wahnsinnige Dunkelheit, die jenseits des Universums herrschen mußte; er sah ein perverses Glück, das ihn um den Verstand zu bringen drohte. In diesem Moment verstand er, daß es das alles vermochte, das alles und noch mehr: Es konnte seine Füße in Hufe verwandeln, ihm einen Schwanz wachsen lassen, aus seinen Zähnen Albinokäfer machen, die ihm im Mund herumkriechen würden, ES konnte ihn in einen Frosch oder eine Mücke oder sonstwas verwandeln.
Und trotzdem hörte er sich wieder sprechen, aber diesmal weder mit seiner eigenen Stimme noch mit einer der von ihm erfundenen, sondern mit einer Stimme, die er nie zuvor gehört hatte. Später erzählte er den anderen
zögernd, es sei so eine Art Jazz-Nigger-Stimme gewesen, laut und stolz, kreischend und sich selbst parodierend. »Laß ja die Finger von mir, mein Bester!« brüllte er und lachte, so unglaublich das auch schien. »Mir kannst du nicht an die Karre pissen! Ich bin nämlich selbst unübertrefflich, ja geradezu einsame Spitze! Und deshalb kannst du mich mal am Arsch lecken, du widerwärtige Dooffresse!«
Richie glaubte zu sehen, daß der Clown etwas zurückschreckte, aber er hielt sich nicht lange damit auf, sich zu vergewissern. Er rannte mit wehendem Sakko, so schnell er nur konnte, und es war ihm völlig gleichgültig, daß ein Vater, der mit seinem zwei- oder dreijährigen Sohn stehengeblieben war, um Paul Bunyan zu bewundern, ihn anstarrte, als hätte er plötzlich den Verstand verloren. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, Leute, dachte Richie, kommt es mir sogar so vor, als hätte ich wirklich den Verstand verloren.
Und dann donnerte die Stimme des Clowns hinter ihm her. Der Vater des kleinen Jungen hörte nichts, aber das Gesicht des Bundes verzerrte sich plötzlich vor Angst, und es begann zu weinen. Der Vater nahm den Kleinen auf den Arm und drückte ihn bestürzt an sich. Trotz seiner eigenen Angst beobachtete Richie diese kleine Nebenepisode sehr genau. Die Stimme des Clowns schien zwischen Ärger und Fröhlichkeit zu schwanken, vielleicht war sie aber auch nur ärgerlich:
»Wir haben hier unten des AUGE ... des KRIECHENDE AUGE haben wir hier unten. Du kannst jederzeit runterkommen und es dir anschauen. Wann immer du willst. Hörst du mich, Richie? Bring dein Yo-Yo mit und ein paar Hula-Hupp-Rei-fen. Und sag Beverly, sie soll einen weiten schwingenden Rock mit vier oder fünf Petticoats tragen. Und den Ring ihres Mannes soll sie um den Hals tragen! Und Eddie soll seine zweifarbigen Sportschuhe anziehen! Wir werden Be-Bop spielen, Richie! Wir werden aaalleHITS spielen!«
Auf dem Gehweg angelangt, wagte Richie einen Blick zurück, und was er sah, war alles andere als beruhigend. Paul Bunyan war immer noch verschwunden, aber jetzt war auch der Clown verschwunden. An ihrer Stelle stand jetzt eine 20 Fuß hohe Plastikstatue von Buddy Holly. Er trug eine runde Ansteckplakette auf dem schmalen Aufschlag seines Sportsakkos. richte toziers rock-show der toten stand darauf.
Ein Bügel von Buddys Brille war mit Klebestreifen geflickt.
Der kleine Junge weinte immer noch hysterisch, und sein Vater ging mit ihm rasch in Richtung Stadtmitte. Um Richie machte er dabei einen weiten Bogen.
Richie setzte sich wieder in Bewegung und versuchte, nicht über das nachzudenken,
(wir werden aaalle hits spielen! )
was soeben geschehen war. Er wollte jetzt nur an eines denken: an den riesigen Scotch, den er in der Hotelbar trinken würde, bevor er sich dann ins Bett haute. Ein riesiger Scotch gegen irgendwelche Alpträume.
Bei diesem Gedanken fühlte er sich etwas besser. Er drehte sich noch einmal um, und angesichts der Tatsache, daß Paul Bunyan wieder grinsend auf seinem Sockel stand, die Plastikaxt über der Schulter, fühlte er sich noch besser. Richie nahm die Beine in die Hand, um möglichst rasch eine große Entfernung zwischen sich und der Statue zu schaffen. Er begann sogar ge-
rade schon wieder über die Möglichkeit von Halluzinationen und ähnlichem Zeug nachzudenken, als der Schmerz in den Augen ihn mit solcher Kraft überfiel, daß er heiser aufschrie. Ein hübsches junges Mädchen, das ein Stückchen vor ihm dahinschlenderte und verträumt Schaufenster anschaute, drehte sich um, zögerte kurz und ging dann auf ihn zu.
»Ist alles in Ordnung, Mister?« fragte es, und Richie war sehr dankbar für die Anteilnahme.
»Es sind meine Kontaktlinsen«, sagte er gepreßt. »Meine verfluchten Kontaktlin... o mein Gott, das brennt ja wahnsinnig!«
Diesmal stieß er sich die Zeigefinger fast in die Augen, so rasch riß er seine Hände hoch. Er zog die Unterlider herunter und dachte: Ich werde sie nicht rausbringen, ich weiß, daß ich sie nicht rausbringen werde, und es wird immer weiter so brennen und brennen und brennen...
Aber nach einmaligem Blinzeln fielen sie wie immer heraus. Die klar umrissene Welt mit ihren deutlichen Gesichtern und scharf voneinander abgesetzten Farben löste sich in verschwommenen Nebel auf Und obwohl er und das junge Mädchen, das sehr hilfsbereit und besorgt war, fast eine Viertelstunde den Gehweg absuchten, konnten sie nicht einmal eine der beiden Linsen finden.
Und in seinem Hinterkopf schien Richie den Clown lachen zu hören.
5. Bill Denbrough sieht ein Gespenst
Bill sah an jenem Nachmittag den Clown in keiner seiner Gestalten oder Erscheinungsformen. Aber er sah ein Gespenst; er wußte nur nicht, ob er ihm von Pennywise oder aber von einer unbekannten und unsichtbaren Agentur des Guten gesandt worden war. Doch es war mit Sicherheit ein Gespenst ... zumindest glaubte Bill das damals, und auch die späteren Ereignisse änderten nichts an seiner Meinung.