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Als erstes ging er die Witcham Street hoch und blieb einige Zeit an jenem Gully stehen, wo Georgie an einem regnerischen Oktobertag des Jahres 1957 den Tod gefunden hatte. Er kniete nieder und spähte in den Gully, der in den Rinnstein eingelassen war. Sein Herz klopfte laut, aber er blickte trotzdem hinab.

»Komm heraus!« sagte er leise, und er hatte die nicht einmal ganz verrückte Idee, daß seine Stimme durch dunkle, tropfende Kanäle schwebte, nicht verklang, sondern immer weiter getragen wurde, sich durch ihre eigenen Echos immer wieder erneuerte, die von schleimigen Wänden widerhallten; er hatte das Gefühl, daß sie über stillen und trüben Wassern dahinschwebte

(wir alle schweben hier unten, Billy)

und vielleicht aus hundert verschiedenen Abwasserrohren in den Barrens zur selben Zeit erscholl.

»Komm heraus, sonst kommen wir zu dir und holen dich!«

Er wartete geduldig auf eine Antwort, kniend, die Hände zwischen den Oberschenkeln. Aber es kam keine Antwort. Er wollte gerade aufstehen, als ein Schatten über ihn fiel. Bill blickte hoch, auf alles gefaßt... aber es war nur ein kleiner Junge, zehn oder vielleicht elf Jahre alt. Er trug verwaschene

Pfadfindershorts und hatte abgeschürfte Knie. In einer Hand hielt er einen durchsichtigen Becher Orangensaft, in der anderen ein Skateboard, das leuchtend grün und fast genauso verschrammt war wie seine Knie.

»Sprechen Sie immer in Gullys rein, Mister?« fragte der Junge.

»Nur in Derry«, erwiderte Bill.

Sie sahen einander einen Moment lang ernst an, dann brachen sie beide gleichzeitig in lautes Gelächter aus.

»Ich möchte dir eine dumme F-F-Frage stellen«, sagte Bill.

»Okay.«

»Hast du aus irgendeinem Gully schon mal w-was g-g-gehört?«

Der Junge starrte Bill wie einen Verrückten an, und Bill stand auf.

»O-Okay«, sagte er. »V-Vergiß es.«

Er war etwa zwölf Schritte gegangen - hügelaufwärts, weil er einen Blick auf sein ehemaliges Zuhause werfen wollte -, als der Junge rief: »Hallo, Mister!«

Bill drehte sich um. Er hatte sein Sportsakko über die Schulter gehängt, die Krawatte gelockert und den Kragen aufgeknöpft. Der Junge musterte ihn aufmerksam.

»Jaaa«, sagte er dann widerwillig, so als hätte es irgendeine stärkere Macht aus ihm herausgezogen.

»Ja?« fragte Bill.

»Jaaa.«

»Was hast du gehört?«

»Ich weiß nicht genau«, antwortete der Junge. »Es war eine Fremdsprache. Ich hab' die Stimme aus einer der Pumpstationen in den Barrens gehört. Aus diesen Dingern, die wie zylinderförmige Rohre aus dem Boden rausragen...«

»Ich weiß, was du meinst«, nickte Bill. »War es ein Kind, das du gehört hast?«

»Zuerst war es ein Kind, dann ein Mann.« Der Junge schwieg ein Weilchen, dann fuhr er fort: »Ich hatte zuerst ziemliche Angst. Ich bin nach Hause gerannt und hab's meinem Vater erzählt, und er hat gemeint, es könnte ein Echo in den Rohren gewesen sein, das aus irgendeinem Haus gekommen ist.«

»Und - glaubst du das?«

Der Junge lächelte bezaubernd. »Ich hab' in meinem Ob-du's-glaubst-oder-nicht-Buch gelesen, daß es mal einen Jungen gab, der mit seinen Zähnen Musik empfangen konnte. Radiomusik. Seine Plomben waren wie kleine Radios. Und wenn ich das geglaubt hab', kann ich vermutlich alles glauben.«

»J-Ja«, sagte Bill. »Aber hast du's geglaubt?«

Widerwillig schüttelte der Junge den Kopf.

»Hast du diese Stimmen jemals wieder gehört?« fragte Bill.

»Einmal, als ich gerade ein Bad nahm«, antwortete der Junge. »Es war eine Mädchenstimme. Sie sagte nichts. Sie weinte nur. Ich hatte Angst, den Stöpsel rauszuziehen, als ich fertig war, weil ich dachte, ich könnte das Mädchen... na ja, wissen Sie, ertränken.«

Bill nickte wieder.

»Aber nach einer Weile war es dann weg, und ich hab' nie mehr so was gehört.« Der Junge schaute Bill jetzt offen und fasziniert mit leuchtenden Augen an. »Sie wissen alles darüber, ja?« fragte er. »Sie haben diese Stimmen auch schon gehört?«

»Ja, ich habe sie gehört«, sagte Bill. »Vor langer, langer Zeit. Hast du irgendeins der K-Kinder gekannt, die hier ermordet worden sind, Junge?«

Die Augen des Jungen hörten auf zu leuchten und bekamen einen wachsamen, beunruhigten Ausdruck. »Mein Dad sagt, ich soll nicht mit Fremden reden«, antwortete er. »Er sagt, jeder könnte jener Mörder sein. Sie könnten es auch sein, Mister.« Er wich vorsichtshalber einen Schritt zurück, in den Schatten einer Ulme, in die Bill vor 27 Jahren einmal mit seinem Fahrrad hineingerast war. Er war in hohem Bogen vom Rad geflogen und hatte die Lenkstange etwas verbogen.

»Ich nicht, mein Junge«, erklärte er. »Ich war in den letzten vier Monaten in England, und davor in Kalifornien. Ich bin erst gestern nach Derry gekommen.«

»Das kann jeder sagen.«

Bill schwenkte sein Sakko von der Schulter, und der Junge zuckte zusammen und verschüttete seinen Orangensaft, der ihm am braungebrannten Arm herunterlief. Bill sah ihm an, daß er am liebsten weggerannt wäre.

Er holte seinen Paß heraus und warf ihn dem Jungen zu. Das Dokument fiel auf die Straße.

»Mein P-P-Paß«, erklärte Bill. »Hast du schon einmal einen gesehen?«

»Nein«, antwortete der Junge und betrachtete interessiert die blaue Schutzhülle mit dem goldenen Adler.

»Schau dir mal den letzten Sch-Sch-Stempel an.«

Der Junge hob den Paß auf, ohne Bill aus den Augen zu lassen, so als wären sie irgendwo in einer dunklen Sackgasse und nicht auf der Witcham Street, auf der lebhafter Verkehr herrschte, und wo etwas höher auf der anderen Straßenseite zwei kleine Mädchen ein Hüpfspiel machten.

Der Junge prüfte den Stempel, schob den Paß in die Hülle zurück und warf ihn Bill zu. »Ich sollte trotzdem nicht mit Ihnen reden«, sagte er.

»Du hast völlig recht«, stimmte Bill zu.

Nach kurzem Schweigen sagte der Junge: »Ich hab' oft mit Johnny Feury gespielt. Er war ein guter Freund. Ich hab' geweint«, berichtete der Junge nüchtern und schlürfte den Rest seines Orangensafts. Dann schleckte er sich den Arm ab.

»Bleib weg von den Gullys und Abflußrohren«, sagte Bill ruhig. »Halte dich von einsamen Orten fern. Und vom alten Bahnhofsgelände. Aber in erster Linie - bleib weg von den Gullys und Abflußrohren.«

Die Augen des Jungen leuchteten wieder, und er schwieg lange Zeit. Schließlich sagte er: »Mister? Wollen Sie was Komisches hören?«

»Na klar.«

»Kennen Sie den Film, wo der Hai all die Leute auffrißt?«

»Klar«, sagte Bill.

»Na ja, ich hab' 'nen Freund, wissen Sie. Er heißt Tommy Fogarty, und er ist nicht der Hellste. Er hat sie nicht alle im Dachstübchen, verstehen Sie?«

»Ja.«

»Er glaubt im Kanal diesen Hai gesehen zu haben. Er ist vor ein paar Wochen allein im Bassey-Park gewesen, und er sagt, er hätte die Flosse gesehen. Acht oder neun Fuß groß soll sie gewesen sein. Nur die Flosse, wissen Sie. Und er sagt: >Das war's, was Johnny und die anderen Kinder umgebracht hat. Es war der Weiße Hai, ich weiß es, weil ich ihn gesehen habe.< Und ich sag' ihm: >Der Kanal ist so verdreckt, daß da drin überhaupt nichts leben könnte, noch nicht mal 'ne Elritze. Und du behauptest, 'nen Hai gesehen zu haben. Du hast nicht alle im Dachstübchen, Tommy<, sag' ich. Und Tommy sagt, der Hai wäre aus dem Wasser emporgeschossen wie am Ende des Films und hätte versucht, ihn zu beißen, und er hätte gerade noch rechtzeitig vom Rand zurückspringen können. Sehr komisch, finden Sie nicht auch, Mister?« Aber der Junge lächelte nicht.