»Sehr komisch«, stimmte Bill zu.
»Nicht alle im Dachstübchen, stimmt's?«
Bill zögerte. »Halt dich auch vom Kanal fern, Junge. Verstehst du?«
»Sie glauben es?«
Bill zögerte wieder, dann nickte er.
Der Junge stieß pfeifend den Atem aus. Er senkte den Kopf, so als schämte er sich. »Ja, ich glaub's auch«, sagte er. »Ich nehm' an, ich hab' sie nicht alle im Dachstübchen.«
»Ich verstehe, was du meinst«, sagte Bill und trat zu dem Jungen, der ihn ernst anschaute, aber diesmal nicht vor ihm zurückwich. »Du ruinierst mit diesem Skateboard deine Knie, mein Sohn.«
Der Junge warf einen Blick auf seine Schrammen und grinste. »Manchmal muß ich abspringen«, erklärte er.
»Kann ich's mal probieren?« fragte Bill plötzlich.
Der Junge starrte ihn mit offenem Mund an, dann lachte er. »Das wäre lustig«, rief er. »Ich hab' noch nie 'nen Erwachsenen auf 'nem Skateboard gesehen.«
»Ich geb' dir 'nen Vierteldollar dafür«, sagte Bill.
»Mein Dad sagt...«
»Ja, ich weiß schon, du sollst von Fremden kein Geld und keine Süßigkeiten annehmen. Ein guter Rat. Ich geb' dir trotzdem einen Vierteldollar. Was m-meinst du? Nur bis zur Ecke Jackson Street.«
»Vergessen Sie den Vierteldollar«, sagte der Junge und lachte wieder- es war ein fröhliches, unkompliziertes Lachen, so erfrischend wie dieser Spätfrühlingsnachmittag. »Ich hab' zwei Dollar. Aber das möcht' ich sehen. Nur dürfen Sie mir keine Vorwürfe machen, wenn Sie sich sämtliche Knochen brechen.« Er gab Bill sein Skateboard.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte Bill. »Ich bin versichert.«
Er fuhr mit dem Finger über eines der Räder des Skateboards, und es gefiel ihm, wie leicht und schnell es sich bewegen ließ - es hörte sich so an, als hätte es etwa ein Dutzend Kugellager. Es war ein angenehmes Geräusch. Es weckte ein uraltes Gefühl in Bills Brust. Ein heißes Verlangen.
Er stellte das Skateboard auf den Gehweg und setzte einen Fuß darauf. Er rollte es versuchsweise hin und her. Der Junge beobachtete ihn. Im Geiste sah Bill sich auf dem grünen Skateboard die Witcham Street hinuntersausen, mit wehendem Jackett und mit gebeugten Knien, wie er das bei Skifahrern an ihrem ersten Tag auf der Piste beobachtet hatte. Diese Art von gebeugten Knien besagte immer, daß sie sich schon auf den Sturz einstellten. Bill hätte wetten können, daß der Junge nicht so Skateboard fuhr. Er hätte wetten können, daß der Junge so fuhr,
(als wollte er den Teufel schlagen)
als gäbe es für ihn kein Morgen.
Jenes angenehme Gefühl erstarb in seiner Brust. Er sah nur allzu deutlich vor sich, wie das Brett ihm unter den Füßen wegrutschte, wie es herrenlos ohne ihn die Straße hinabsauste, dieses unwahrscheinlich grüne Ding -eine Farbe, die nur einem Kind gefallen konnte. Er sah sich selbst auf dem Hintern, vielleicht auch auf dem Rücken landen. Langsame Überblendung ins Krankenhaus von Derry. Bill Denbrough im Gipskorsett, ein Bein im Streckverband. Ein Arzt kommt herein, wirft einen Blick auf sein Krankenblatt, schaut ihn an und sagt: »Sie haben zwei Riesenfehler gemacht, Mr. Denbrough. Erstens sind Sie Skateboard gefahren, ohne es zu können. Und zweitens haben Sie vergessen, daß Sie inzwischen 37 Jahre alt sind.«
Er beugte sich hinab, hob das Skateboard auf und gab es dem Jungen zurück. »Ich glaube, ich laß es doch lieber sein«, sagte er.
»Angsthase!« sagte der Junge, aber nicht unliebenswürdig.
Bill ging in die Hocke und hoppelte ein paar Schritte. Der Junge lachte.
»Hören Sie, ich muß jetzt nach Hause«, sagte er dann.
»Sei vorsichtig!«
»Auf 'nem Skateboard kann man doch nicht vorsichtig sein«, erwiderte der Junge und schaute Bill an, als hätte er wirklich nicht alle im Dachstübchen.
»Das stimmt«, meinte Bill. »Aber bleib weg von Abflußrohren und Gullys. Und spiel lieber zusammen mit deinen Freunden.«
Der Junge nickte. »Ich wohn' ganz in der Nähe.«
Das war bei meinem Bruder auch der Fall, dachte Bill.
»Der Spuk wird sowieso bald vorüber sein«, sagte er zu dem Jungen.
»Wirklich?«
»Ich glaube schon.«
»Okay. Wiedersehn... Angsthase!«
Der Junge stellte einen Fuß auf das Skateboard und stieß sich mit dem anderen ab. Sobald er richtig rollte, stellte er auch den anderen Fuß drauf und sauste mit einer Geschwindigkeit, die Bill direkt selbstmörderisch vorkam, die Straße hinab. Aber er fuhr so, wie Bill es sich vorgestellt hatte: mit einer selbstverständlichen Anmut, die verriet, daß er keine Furcht kannte. Bill verspürte Liebe zu diesem Jungen, und ihn überkam eine wahnsinnige Angst um das Kind. Der Junge sauste dahin, so als gäbe es kein Älterwerden und keinen Tod. Und irgendwie wirkte er in seinen Khakishorts und seinen abgetretenen Segeltuchschuhen, mit seinen nackten, schmutzigen Knöcheln und den wehenden Haaren tatsächlich unverletzbar und unsterblich.
Paß auf, Kleiner, die Kurve schaffst du nie! dachte Bill besorgt, aber der Junge schwenkte seine Hüfte nach links wie ein Tänzer und brauste mühelos um die Ecke und auf die Jackson Street, einfach davon ausgehend, daß ihm kein Auto in die Quere kommen würde... und da Bill keine quietschenden
Bremsen und kein Krachen hörte, mußte er tatsächlich Glück gehabt haben. Junge, dachte Bill traurig, so wird es nicht immer sein.
Er ging weiter zu seinem Elternhaus, blieb dort aber nicht stehen, sondern schlenderte nur ganz langsam daran vorbei. Vielleicht hätte er länger verweilt, aber auf dem Rasen waren Leute - eine Mutter mit einem Baby auf dem Arm saß in einem Gartenstuhl und beobachtete zwei Kinder, etwa zehn und acht Jahre alt, die ungeschickt im regennassen Gras Federball spielten.
Das Haus war immer noch dunkelgrün, und über der Tür war immer noch ein fächerförmiges Fenster, aber die Blumenbeete seiner Mutter gab es nicht mehr, und auch das Klettergerüst, das sein Vater im Hinterhof aus alten Rohren gebaut hatte, war nicht mehr da. Bill fiel ein, wie Georgie eines Tages von diesem Klettergerüst gestürzt und sich einen Zahn ausgeschlagen hatte. Wie er damals geschrien und geweint hatte!
Er überlegte, ob er zu der Frau mit dem schlafenden Baby im Arm gehen und sagen sollte: Hallo, mein Name ist Bill Denbrough, und ich habe früher hier gewohnt. Und die Frau würde dann bestimmt sagen: Wie nett! Aber was weiter? Konnte er sie fragen, ob das Gesicht, das er kunstvoll in einen Dachbodenbalken eingeritzt hatte, noch da war? Manchmal waren Georgie und er hinaufgeschlichen und hatten mit den Wurfpfeilen ihres Vaters auf dieses Gesicht gezielt. Oder konnte er sie fragen, ob ihre Kinder manchmal, in heißen Sommernächten, gern auf der überdachten hinteren Veranda schliefen und sich vor dem Einschlafen flüsternd unterhielten, während sie das Wetterleuchten am Horizont beobachteten? Vielleicht könnte er sie wirklich so was fragen, aber er wußte, daß er furchtbar stottern würde, wenn er versuchte, charmant zu sein... und außerdem war er nicht einmal sicher, ob er die Antworten überhaupt wissen wollte. Nach Georgies Tod war dies ein kaltes Haus geworden, und zu welchem Zweck er auch immer nach Derry zurückgekommen war - hier würde er nichts finden. Und auch den Clown in irgendeiner Erscheinungsform würde er hier bestimmt nicht finden.
Deshalb ging er weiter und bog rechts ab, ohne sich noch einmal umzuschauen.
Kurz danach befand er sich auf der Kansas Street, die ihn in die Innenstadt zurückführen würde. Er blieb eine Zeitlang am Zaun neben dem Gehweg stehen und schaute in die Barrens hinab. Der Zaun war noch derselbe-morsches Holz mit abblätterndem weißen Anstrich -, und auch die Barrens sahen genauso aus wie früher... höchstens noch etwas wilder. Die einzigen Unterschiede, die er feststellen konnte, waren das Fehlen der schmutzigen Rauchwolke, die früher immer über der Müllhalde hing (sie war durch eine moderne Müllverbrennungsanlage ersetzt worden), sowie eine lange Brücke, die auf hohen Betonpfeilern quer über die Wildnis hinwegführte - die Autobahn. Alles übrige schaute noch so aus, als hätte er es zuletzt vor einem Jahr gesehen: dichtes Gestrüpp und wucherndes Unkraut auf dem Steilabhang, dahinter dann zur Linken das flache Sumpfgebiet, zur Rechten dichter Wald. Er konnte auch die silbrig-weißen, 12 bis 14 Fuß hohen bambusartigen Gewächse sehen. Ihm fiel ein, daß Richte einmal versucht hatte, dieses Zeug zu rauchen - er hatte behauptet, es wäre so ähnlich wie Marihuana, und man könnte davon high werden. Aber dann war ihm nur schlecht geworden. Bill hörte das leise Plätschern der vielen kleinen Bäche und sah den Widerschein der Sonne auf dem Kenduskeag. Und auch der Geruch war noch derselbe, obwohl die Müllhalde verschwunden war: ein Geruch nach Abfällen und Fäkalien, schwach, aber doch unverkennbar. Ein Geruch nach Fäulnis; ein Hauch von etwas Abgründigem.