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Dort hat es damals geendet, und dort wird es auch diesmal enden, dachte Bill schaudernd. Dort in den Barrens... oder unter der Stadt.

Er blieb noch eine Weile stehen, überzeugt davon, irgendeine Manifestation des Bösen sehen zu müssen, das zu bekämpfen ihn nach Derry zurückgeführt hatte. Aber nichts geschah. Er hörte das Plätschern von Wasser, und es war ein fröhliches, frühlinghaftes Geräusch, das ihn an den Damm erinnerte, den sie dort unten gebaut hatten. Er konnte die Bäume und Büsche sehen, die in der leichten Brise raunten und wisperten. Sonst nichts. Kein Zeichen irgendeiner Art.

Er ging weiter in Richtung Innenstadt, verträumt und in Erinnerungen versunken, und dann begegnete ihm wieder ein Kind, diesmal ein etwa zehnjähriges Mädchen in Kordhosen und einer verblichenen roten Bluse. Es stieß einen Ball vor sich her und hielt eine Baby-Puppe bei den blonden Haaren.

»Hallo«, rief Bill.

Das Mädchen schaute hoch. »Was?«

»Welches ist der beste Laden in Derry?«

Es dachte darüber nach. »Für mich oder ganz allgemein?«

»Für dich«, sagte Bill, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, warum er fragte.

»Secondhand Rose, Secondhand Clothes«, sagte das Mädchen ohne zu zögern.

»Wie bitte?« fragte Bill.

»Häh?«

»Heißt das Geschäft so?«

»Na klar«, antwortete das Mädchen. »Secondhand Rose, Secondhand Clothes. Meine Mom sagt, es sei ein Ramschladen, aber mir gefällt er. Sie haben dort alle möglichen alten Sachen wie Schallplatten, von denen man noch nie etwas gehört hat. Oder Ansichtskarten. Ich muß jetzt heim. Wiedersehn.«

Es lief weiter, kickte seinen Ball vor sich her und hielt seine Puppe immer noch bei den Haaren.

»Wo ist der Laden?« rief er dem Mädchen nach.

Über die Schulter hinweg antwortete es: »Immer geradeaus. Am unteren Ende des Up-Mile Hill.«

Wieder überkam Bill jenes Frösteln, jenes unheimliche Gefühl, daß die Vergangenheit ihn einholte. Während er weiterging, mußte er an Mikes Worte denken: ... wenn es bestimmte Voraussetzungen... für den Glauben an magische Kräfte gibt, der es ermöglicht, die erforderlichen magischen Kräfte auszuüben, so werden sich diese Voraussetzungen unweigerlich einstellen.

Er hatte überhaupt nicht vorgehabt, das kleine Mädchen etwas zu fragen; die Frage war einfach so aus seinem Mund herausgesprungen wie ein Korken aus der Flasche. Und nun ging er den Up-Mile Hill hinab, in Richtung

Innenstadt. Die Lagerhäuser und Großschlächtereien seiner Kindheit- düstere Ziegelgebäude mit schmutzigen Fenstern, aus denen es immer bestialisch gestunken hatte - waren bis auf wenige Ausnahmen verschwunden und durch Geschäfte und eine Bank ersetzt worden. Und am Fuße des Hügels sah er dann wirklich ein Ladenschild, auf dem in altmodischer Schrift stand - genau wie das Mädchen gesagt hatte - secondhand rose, secondhand clothes. Das ehemals rote Ziegelhaus, ein Nebengebäude der Gebrüder Tracker, war gelb gestrichen worden - und irgendwann einmal (vor zehn bis zwölf Jahren, vermutete Bill) hatte die gelbe Farbe bestimmt schmuck und fröhlich ausgesehen, aber jetzt war sie schmuddelig - Audra hatte diese Farbe einmal pißgelb genannt... und er hatte darüber schallend gelacht.

Langsam ging Bill auf den Laden zu, und wieder überkam ihn dieses Gefühl des bereits Bekannten. Später erzählte er den anderen, er hätte gewußt, was er sehen würde, noch bevor er es wirklich sah.

Das Schaufenster von Secondhand Rose, Secondhand Clothes war sehr schmutzig. Dies war kein Antiquitätengeschäft mit Stilmöbeln und kunstvoll indirekt angestrahlten kostbaren Gläsern. Dies war ein richtiger Ramschladen, wie es in Neuengland viele gibt. Alle möglichen Sachen lagen kunterbunt durcheinander. Die Kleider waren teilweise von den Bügeln gerutscht, Gitarren waren am Hals aufgehängt wie hingerichtete Verbrecher. Da stand ein Karton vonn 45er Schallplatten -10 Cent das Stück, 12 Stück für

1 Dollar. Andrews Sisters, Jimmy Rogers und andere. Da lagen Babyausstattungen herum, und daneben fürchterlich aussehende Schuhe: gebraucht, aber nicht schlecht! jedes paar l Dollar! Zwei alte Fernseher sahen blind aus; ein dritter war eingeschaltet und lieferte verschwommene Bilder von >The Brady Bunch<. Eine Kiste voll alter Taschenbücher mit zerrissenen Einbänden (2 stück-25 Cent, 10 stück- l Dollar) stand auf einem großen Radioapparat mit schmutzigem weißen Kunststoffgehäuse und riesiger Senderskala. Künstliche Blumensträuße waren in schmutzige Vasen gesteckt, die auf einem angeschlagenen, staubigen Eßtisch herumstanden.

All diese Dinge bildeten für Bill jedoch nur den chaotischen Hintergrund für jenen Gegenstand, auf den sein Blick sofort gefallen war und den er mit großen, ungläubigen Augen anstarrte. Er hatte eine Gänsehaut am ganzen Körper. Seine Stirn war heiß, seine Hände eiskalt, und einen Moment lang glaubte er, daß alle Türen in seinem Innern sich jetzt weit öffnen würden und daß er sich dann an alles erinnern würde.

Im rechten Schaufenster stand Silver, sein altes Fahrrad Silver.

Es hatte immer noch keinen Ständer und war nachlässig an einen ramponierten Kirschholzschrank voll alter staubiger Bücher gelehnt worden. Das Gestell war rostig; die Hupe befand sich noch an der Lenkstange, ihr schwarzer Gummibalg war jetzt aber viel rissiger als früher, und ihre Metallteile, die Bill immer sorgfältig poliert hatte, waren matt und auch rostig. Der Gepäckträger war verbogen und hing nur noch an einem Bolzen. Jemand hatte den Sattel irgendwann einmal mit einem Stoff, der wie Tigerfell aussah, überzogen. Er war jetzt so abgewetzt und dünn, daß man die Streifen kaum noch erkennen konnte.

Es war Silver.

Bill wollte lachen und bemerkte, daß ihm Tränen über die Wangen liefen. Langsam holte er ein Taschentuch aus der Tasche seines Sportsakkos und wischte sie weg. Dann betrat er den Laden.

Es roch muffig im Secondhand Rose, Secondhand Clothes. Dies war nicht der angenehme Duft kostbaren alten Samtes und Plüschs, nicht der Geruch von Leinöl, mit dem Antiquitäten sorgsam gepflegt wurden. Hier roch es nach modrigen Bucheinbänden, schmutzigen Vorhängen, Staub und Mäusedreck.

Aus dem Fernseher im Schaufenster erscholl das Gejaule der Brady Bunch. Damit konkurrierte Rockmusik aus einem Radio, das auf einem hohen Regal im Hintergrund des Ladens stand, zwischen einigen Porträts aus dem 18. Jahrhundert. Darunter saß der Besitzer, ein etwa vierzigjähriger Mann in Jeans und Netzhemd. Sein Haar war glatt zurückgekämmt, und er war furchtbar mager. Seine Füße lagen auf dem Schreibtisch, auf dem sich Kochbücher türmten und eine alte verschnörkelte Registrierkasse den meisten Platz einnahm. Er las einen Taschenbuchroman mit dem Titel >Con-struction Site Studs<, der bestimmt nie für den National Book Award vorgeschlagen worden war. Auf dem Boden vor dem Schreibtisch lag ein spiralförmig gestreifter Barbierstab, einstmals das Symbol dieses Handwerks. Seine abgenützte Kordel wand sich über den Boden wie eine müde Schlange, und auf dem dazugehörenden Schild stand: eines der letzten EXEMPLARE! 250 DOLLAR.