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Als die Glocke über der Tür klingelte, legte der Mann am Schreibtisch ein Streichholzheftchen als Lesezeichen in sein Buch und blickte hoch. »Kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Ja«, sagte Bill und öffnete den Mund, um nach dem Fahrrad im Schaufenster zu fragen. Aber noch bevor er etwas sagen konnte, drängte sich ihm plötzlich ein einziger Satz auf und ließ keinen Raum mehr für irgendeinen anderen Gedanken. Er erinnerte sich nicht, diesen Satz jemals zuvor gehört zu haben, und doch kam er ihm unheimlich bekannt vor:

Im finstern Föhrenwald, da wohnt ein wahrer Meister, der ficht ganz furchtlos kalt sogar noch gegen Geister.

Was in aller Welt...?

(im finstern Föhrenwald)

»Suchen Sie etwas Bestimmtes?« fragte der Ladenbesitzer. Seine Stimme war äußerst höflich, aber er schaute Bill etwas mißtrauisch an.

»Ja, ich i-i-interessiere m-m-m-mich...«

(da wohnt ein wahrer Meister)

»f-f-für d-d-d-d-...«

»Für den Barbierstab?« fragte der Mann, und in seinen Augen las Bill etwas, an das er sich trotz seines momentan verwirrten Geisteszustands sofort erinnerte und das er von Kindheit an gehaßt hatte: die Ungeduld eines Menschen, der einem Stotterer zuhören muß und ihm rasch ins Wort fällt und seinen Satz beendet, um den armen Behinderten zum Schweigen zu bringen. Ich stottere nicht! schrie Bill lautlos. Ich hab's überwunden! Verdammt, ich bin kein Stotterer! Ich...

(der ficht ganz furchtlos kalt)

Er hörte die Wörter so deutlich, als spreche jemand anderer in seinem

Kopf, als hätte irgendeine fremde Macht von ihm Besitz ergriffen, wie es in biblischen Zeiten bei den von Dämonen Besessenen oder im Mittelalter bei jenen der Fall gewesen war, die glaubten, daß Gott durch ihren Mund redete. Und doch erkannte er diese Stimme und identifizierte sie als seine eigene. Er spürte, wie ihm Schweiß auf die Stirn trat.

»Ich könnte Ihnen dafür

(sogar noch gegen Geister)

einen guten Preis machen«, sagte der Ladenbesitzer. »Ich krieg' ihn für 250 nicht los. Wie war's mit 175? Dieser Stab ist die einzige echte Antiquität, die ich habe.«

»Es ist n-n-nicht der Sch-Sch-Sch-STAB.« Als er das Wort endlich hervorbrachte, klang es fast wie ein Schrei, und der Mann zuckte zusammen. »An dem Stab b-b-bin ich n-nicht interessiert.«

»Sind Sie okay, Mister?« fragte der Ramschhändler, und seine linke Hand glitt plötzlich vom Schreibtisch. Bill begriff sogleich, daß weiter unten bestimmt eine offene Schublade war, und daß der Mann jetzt irgendeine Schußwaffe griffbereit zur Hand hatte.

(Im finstern Föhrenwald, da wohnt ein wahrer Meister, der ficht ganz furchtlos kalt sogar noch gegen Geister)

Dieser blödsinnige Satz machte ihn noch ganz verrückt! Wo war er nur hergekommen?

(im finstern Föhrenwald)

Immer wieder von vorne... Mit enormer Willenskraft ging Bill plötzlich dagegen an. Er zwang sich, den unsinnigen Satz ins Französische zu übersetzen. Es war die gleiche Methode, die er als Teenager angewandt hatte, um sein Stottern zu überwinden. Und sie hatte auch jetzt Erfolg. Einen Moment später konnte er sich zwar noch an den Satz erinnern, aber er dröhnte nicht mehr in seinem Schädel. Ein Schauder überlief ihn... und aus unerfindlichen Gründen fiel ihm plötzlich seine Mutter ein, und gleich darauf hatte er ein bizarres Bild deutlich vor Augen: Guy Madison als Wild Bill Hickok im Fernsehen, gefolgt von Andy Devine als Jingles, der mit seiner heiseren Stimme brüllte: »Wart auf mich, Wild Bill!«

Mein Gott, ich werde verrückt! dachte Bill schaudernd.

Dann wurde ihm bewußt, daß der Händler etwas gesagt hatte.

»Wie b-b-bitte?«

»Ich sagte, bevor Sie einen Anfall bekommen, gehen Sie lieber raus auf die Straße«, wiederholte der Besitzer von Secondhand Rose, Secondhand Clothes kalt. »Ich kann hier drin so etwas nicht gebrauchen.«

Bill holte tief Luft.

»Fangen wir noch einmal ganz von vorne an«, sagte er. »Stellen Sie sich vor, ich wäre gerade erst reingekommen.«

»Okay«, meinte der Mann. »Sie sind also gerade erst reingekommen. Und was jetzt?«

»Das F-F-Fahrrad im F-Fenster«, sagte Bill. »Wieviel wollen Sie dafür?«

»Sagen wir mal - 20 Dollar«, erwiderte der Besitzer. Er hatte sich offensichtlich etwas beruhigt, aber seine linke Hand war noch nicht wieder zum Vorschein gekommen. »Es muß wohl vor langer Zeit ein >Schwinn<

gewesen sein, aber jetzt ist's nur noch ein alter Bastard.« Er maß Bill mit Blicken. »Es ist ein großes Rad. Sie könnten sogar selbst damit fahren.«

Bill dachte an das grüne Skateboard des Jungen und sagte: »Die Zeiten, in denen ich geradelt bin, sind, glaube ich, vorbei.«

Der Mann zuckte die Achseln. Seine linke Hand kam wieder zum Vorschein. »Haben Sie einen Jungen?«

»J-Ja.«

»Wie alt ist er denn?«

»Zehn.«

»Bißchen großes Rad für 'nen Zehnjährigen«, meinte der Ramschhändler.

»Nehmen Sie einen Traveller-Scheck?«

»Wenn er den Kaufpreis um nicht mehr als 10 Dollar übersteigt.«

»Ich kann Ihnen einen über 20 Dollar geben«, sagte Bill. Er machte eine Kopfbewegung in Richtung Schreibtisch. »Dürfte ich mal telefonieren?«

»Ja, wenn es ein Ortsgespräch ist.«

»Das ist es.«

»Bitte sehr.«

Bill rief in der Stadtbücherei an. Mike war gerade erst zurückgekommen. »Wo bist du, Bill?« fragte er und fügte sogleich hinzu: »Ist bei dir alles in Ordnung?«

»Alles bestens«, erwiderte Bill. »Bist du einem von den anderen begegnet?«

»Nein«, sagte Mike. »Wir werden sie heute abend sehen.« Kurze Pause. »Ich hoffe es wenigstens. Was kann ich für dich tun, Big Bill?«

»Ich bin gerade dabei, ein Fahrrad zu kaufen«, sagte Bill ruhig. »Und ich wollte fragen, ob ich's zu dir bringen kann. Hast du eine Garage oder irgend so was, wo ich's unterstellen könnte?«

Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen.

»Mike? Bist du...«

»Ich bin noch dran«, sagte Mike. »Es ist Silver, nicht wahr? Jenes große Rad, das du als Kind hattest?«

Bill warf einen Blick auf den Ramschhändler. Er las wieder... oder vielleicht schaute er auch nur pro forma ins Buch und hörte in Wirklichkeit aufmerksam zu.

»Ja«, sagte er deshalb nur.

»Wo bist du jetzt?«

»In einem Laden namens Secondhand Rose, Secondhand Clothes.«

»In Ordnung«, sagte Mike. »Ich wohne in der Palmer Lane 61. Du mußt die Main Street rauf gehen und...«

»Ich find's schon«, sagte Bill.

»Gut. Wir treffen uns dann dort. Ich mache uns etwas zu essen, wenn du willst.«

»Ja, das wäre großartig«, meinte Bill. »Kannst du denn weg von der Arbeit?«

»Das ist kein Problem. Carol wird sich hier um alles kümmern.« Er zögerte wieder. »Sie hat mir erzählt, daß ein Mann hier war, etwa eine Stunde, bevor ich zurückgekommen bin. Als er wegging, hätte er wie eine

Leiche ausgesehen. Sie hat ihn mir beschrieben. Ich glaube, daß es Ben war.«

»Das ist sehr wahrscheinlich.«

»Das Fahrrad - es gehört dazu, oder?«

»Ja. Ich glaube schon.«

»Also, bis gleich«, sagte Mike. »Nummer 61.«