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»Gut. Danke, Mike.«

»Gott schütze dich, Big Bill«, sagte Mike etwas verlegen.

Bill legte den Hörer auf, und der Ladenbesitzer schloß sofort sein Buch.

»Haben Sie Probleme mit dem Unterstellen?«

»Nein, nein«, antwortete Bill, holte seine Traveller-Schecks heraus und unterschrieb einen über 20 Dollar. Der Ramschhändler verglich die beiden Unterschriften so sorgfältig miteinander, daß Bill es unter normalen Umständen direkt beleidigend gefunden hätte, wenn er nicht Wichtigeres im Kopf gehabt hätte.

Schließlich stellte der Mann eine Rechnung aus und legte den Scheck in seine alte Registrierkasse. Dann stand er auf und schlängelte sich geschickt durch ganze Berge von Ramsch zum Schaufenster.

Er hob das Rad etwas an und drehte es vorsichtig herum. Bill packte es an der Lenkstange, um ihm behilflich zu sein, und dabei überlief ihn wieder ein Schauder. Silver... Wieder! Es war Silver und

(im finstern Föhrenwald, da wohnt ein wahrer Meister, der ficht ganz furchtlos kalt sogar noch gegen Geister).

Er zwang sich, den Satz sofort wieder zu unterdrücken.

»Im Hinterreifen ist ein bißchen zu wenig Luft drin«, sagte der Ladenbesitzer entschuldigend. Es war eine Untertreibung - der Reifen war platt wie ein Pfannkuchen. Der Vorderreifen schien in Ordnung zu sein, nur war er sehr abgefahren.

»Kein Problem«, sagte Bill. »Danke.«

»Stets zu Diensten. Und wenn Sie sich's mit dem Barbierstab noch überlegen sollten, kommen Sie wieder.«

Er hielt Bill die Tür auf, und Bill schob das Rad hinaus und wandte sich nach links, in Richtung Main Street. Passanten warfen amüsierte und neugierige Blicke auf den großen, kahlköpfigen Mann, der ein riesiges Fahrrad mit plattem Hinterreifen und altmodischer Hupe über einem rostigen Drahtkorb schob, aber Bill bemerkte das kaum. Er staunte darüber, wie bequem die Gummigriffe immer noch für seine Hände waren, und er erinnerte sich daran, daß er als Kind immer vorgehabt hatte, in die Löcher auf jedem Griff verschiedenfarbige dünne Plastikstreifen zu knoten, die im Wind flattern sollten. Aber irgendwie war er dann doch nicht dazu gekommen.

An der Ecke Center- und Main Street, vor dem Taschenbuchladen, in dessen Schaufenster Beverly an diesem Nachmittag gedankenverloren gestarrt hatte, legte Bill eine Verschnaufpause ein. Er lehnte das Rad an die Hauswand und zog sein Jackett aus. Ein Rad mit plattem Reifen zu schieben war harte Arbeit, und der Nachmittag war sehr warm geworden. Bill legte sein Jackett in den Drahtkorb, dann ging er weiter.

Die Kette ist rostig, dachte er. Wem es auch gehört haben mag - der Betreffende hat sich nicht sehr gut darum gekümmert.

Mit gerunzelter Stirn blieb er stehen und versuchte sich zu erinnern, was damals aus Silver geworden war. Hatte er das Rad verkauft? Weggegeben? Hatte er es vielleicht verloren? Es fiel ihm nicht ein. Statt dessen drängte sich jener idiotische Satz

(im finstern Föhrenwald, da wohnt ein wahrer Meister, der ficht ganz) ihm wieder auf, so sonderbar und völlig fehl am Platz wie ein Schaukelstuhl auf einem Schlachtfeld, wie ein Plattenspieler im Kamin.

Bill schüttelte den Kopf, und der Satz riß ab und löste sich auf wie Rauch. Bill schob Silver zu Mikes Haus.

6. Mike Hanion kann eine Erklärung geben

Mike hatte ein Abendessen zubereitet - Hamburger mit gebratenen Pilzen und Zwiebeln, dazu einen Spinatsalat. Sie tranken eine Flasche ausgezeichneten Wein, einen Mondavi. Als Nachtisch gab es >Jell-O<-Kuchen aus der Dose mit Schlagsahne. Bill lachte herzhaft und legte sich zwei der quadratischen Kuchen auf den Teller: »Ich hab' seit meiner Kindheit keine mehr gegessen.«

»Sie schmecken immer noch so komisch wie früher«, sagte Mike, und nun lachten beide.

Mike bewohnte ein hübsches kleines Haus im Cape-Cod-Stil, weiß mit grünem Fachwerk. Bill hatte das Fahrrad gerade die Palmer Lane hinaufgeschoben, als er von Mike kurz vor dessen Haus überholt worden war. Mike fuhr einen alten Ford mit rostigen Türen und gesprungenem Rückfenster, und Bill fühlte sich etwas schuldbewußt, als ihm die Tatsache einfiel, auf die Mike sie so ruhig hingewiesen hatte: Die sechs Mitglieder des Klubs der Verlierer, die Derry verlassen hatten, hatten aufgehört, Verlierer zu sein; nicht aber Mike, der in dieser Stadt geblieben war.

Die beiden Freunde schüttelten sich die Hände, dann schob Bill Silver in Mikes Garage, die einen sorgfältig eingeölten Lehmboden hatte und ebenso sauber und ordentlich war wie das ganze Haus. Werkzeuge hingen an Holznägeln, und die Deckenlampen hatten kegelförmige Metallschirme. Bill lehnte sein Rad an die Wand, und beide betrachteten es eine Zeitlang schweigend, die Hände in den Hosentaschen.

»Es ist tatsächlich Silver«, sagte Mike schließlich. »Ich dachte, du müßtest dich geirrt haben. Aber es ist wirklich Silver.«

Bill warf ihm einen scharfen Blick zu. »Warum dachtest du, daß ich mich irren müßte?«

»Du erinnerst dich noch nicht an jenen Teil?«

»Nein. Ich habe nicht die geringste Ahnung.«

»Das dachte ich mir schon. Es ist im August passiert.«

»Was ist im August passiert?«

»Es wird dir schon noch einfallen«, erwiderte Mike kurz. Er schaute Bill an, dann wieder das Fahrrad. »Was willst du damit machen?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Bill. »Hast du eine Fahrradpumpe?«

»Ja. Und ich hab' auch so 'n Zeug zum Reifenflicken. Aber man kann es nur verwenden, wenn der Reifen keinen Schlauch hat.« »Silver hatte nie welche.« Bill beugte sich hinab, betrachtete den platten Reifen und richtete sich wieder auf. »Ja. Kein Schlauch.«

»Willst du wieder damit fahren?«

»Nein, natürlich nicht!« erwiderte Bill scharf. »Ich kann's nur nicht sehen, daß er einen Platten hat.«

»Wie du meinst, Big Bill«, sagte Mike ruhig. »Du bist der Boß.«

Bill drehte sich rasch um, aber Mike war schon nach hinten gegangen und nahm eine Luftpumpe von der Wand. Dann holte er aus einem der Schränke das Reifenflickzeug und gab es Bill, der es neugierig betrachtete. Es sah noch genauso aus, wie er es aus seiner Kindheit in Erinnerung hatte: eine kleine Metalldose mit körnigem Deckel, der zum Aufrauhen des Gummis um das Loch herum diente, bevor die Flickmasse aufgetragen wurde. Aber die Dose sah funkelnagelneu aus. Sogar das Preisschild war noch dran: 7,23 Dollar.

»Das hast du doch noch nicht lange«, sagte Bill. Es war keine Frage.

»Nein«, stimmte Mike zu. »Ich hab's letzte Woche gekauft. Im Einkaufszentrum, wenn du's genau wissen willst.«

»Hast du selbst ein Fahrrad?« fragte Bill, aber er kannte die Antwort schon im voraus.

»Nein«, sagte Mike und schaute ihm in die Augen.

»Du hast es einfach so gekauft.«

»Ich kam plötzlich auf die Idee«, berichtete Mike, ohne den Blick von Bill zu wenden. »Wachte eines Morgens auf und dachte, es könnte vielleicht mal nützlich sein. Der Gedanke ließ mich den ganzen Tag nicht los. Also hab' ich das Zeug gekauft... und jetzt kannst du's tatsächlich gebrauchen.«

»Jaaa... ich kann's gebrauchen«, wiederholte Bill. »Aber was hat das zu bedeuten?«

»Frag die anderen«, sagte Mike. »Heute abend.«

»Was glaubst du - werden sie alle kommen?«

»Ich weiß es nicht, Big Bill.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Ich glaube, wir müssen damit rechnen, daß nicht alle kommen. Einige könnten vielleicht beschließen, daß es das beste ist, die Stadt so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Oder aber...« Er zuckte mit den Schultern.

»Und was machen wir in diesem Falle?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Mike wieder. Dann deutete er auf die Flickmasse. »Ich hab' sieben Dollar für das Zeug bezahlt. Wirst du's nun benutzen, oder willst du's nur anstarren?«

Bill holte sein Sportsakko aus dem Drahtkorb und hängte es sorgsam auf einen leeren Holznagel an der Wand. Dann kippte er das Rad, so daß es auf Sattel und Lenkstange stand, und drehte langsam das Hinterrad. Das rostige Quietschen der Achse mißfiel ihm. Ein bißchen Öl würde Wunder wirken, dachte er. Und auch der Kette würde etwas Öl nicht schaden. Es ist verdammt rostig. .. Und Spielkarten. Es braucht Spielkarten an den Speichen. Ich wette, daß Mike Karten hat. Die guten, mit dem Zelluloid-Überzug, der sie so steif und glatt machte, daß sie einem beim ersten Mischen immer aus den Händen glitten und überall auf dem Fußboden verstreut lagen. Spielkarten, na klar, und Wäscheklammern, um sie zu befestigen...