sich?«, bevor sie auflegte.
Mein Gott, du machst wirklich tolle Fortschritte. Beim achten oder neunten Anruf wirst du dann vielleicht endlich den Mumm haben, ihm deinen Namen zu nennen.
Sie ging in die Küche und mixte sich einen schwachen Scotch mit Soda, obwohl sie wußte, daß es zusammen mit Darvon nicht gerade das Vernünftigste war. Sie betrachtete sich im Spiegel über der Bar und sah eine Frau mit zugeschwollenem Auge, wahnsinnig geschwollener Nase - die zudem noch so rot war wie die eines Säufers -, zerkratzter Wange und mit einem Arm in der Schlinge.
»Hier ist sie... Miß America«, trällerte sie; ihre Stimme sollte hart und zynisch klingen, aber sie brach bei der letzten Silbe. Es war eine verängstigte Stimme, stellte sie fest. Sie hatte auch früher schon manchmal Angst gehabt, diesen Zustand aber immer ziemlich rasch überwunden. Diesmal würde sie vermutlich lange dazu brauchen.
Der Arzt, der sie in einer der kleinen Kabinen für ambulante Notfälle im nahe gelegenen Sisters of Mercy Hospital behandelt hatte, war jung und sah gut aus. Unter anderen Umständen hätte sie vielleicht überlegt, wie sie ihn am besten zu sich nach Hause und in ihr Bett bringen könnte. Aber im Moment war ihr nicht nach Sex zumute. Schmerzen und Angst hatten ihr jedes sexuelle Begehren genommen.
Der Arzt hieß Geffin, und es mißfiel ihr, daß er sie so aufmerksam betrachtete. Er füllte einen kleinen weißen Pappbecher am Waschbecken zur Hälfte mit Wasser, dann holte er eine Packung Carlton 100 aus seiner Schreibtischschublade und bot ihr eine Zigarette an.
Sie nahm eine, und er gab ihr Feuer. Ihre Hand zitterte so, daß es ihm nicht gleich gelang, das Streichholz ans Ende ihrer Zigarette zu halten. Dann zündete er seine eigene an und warf das Streichholz in den Pappbecher. Fsss.
»Ich könnte genausogut Krautblätter rauchen«, sagte er.
»Orale Fixierung«, stellte Kay fest.
Er nickte, dann trat wieder Schweigen ein. Er betrachtete sie weiterhin aufmerksam, und das war ihr unangenehm. Sie hatte das Gefühl, als erwarte er, daß sie weinen würde, und auch das war ihr unangenehm. Sie spürte, daß sie wirklich den Tränen nahe war, und das war ihr am unangenehmsten von allem.
»Freund?« fragte er schließlich.»
»Ich möchte lieber nicht darüber sprechen.«
»Hmmm.« Er rauchte, ohne den Blick von ihr zu wenden.
»Hat Ihre Mutter Ihnen nicht beigebracht, daß es unhöflich ist, jemanden anzustarren?« Es hätte ironisch klingen sollen, aber in Wirklichkeit hörte es sich wie eine flehende Bitte an: Hören Sie auf, mich anzuschauen, ich weiß selbst, wie ich aussehe, ich hab's im Spiegel gesehen. Diesem Gedanken folgte ein anderer, den ihre Freundin Beverly vermutlich mehr als einmal gehabt hatte: die schlimmsten Folgen der Prügel waren innerer Art - man erlitt davon so etwas wie geistige Blutungen. O ja, sie wußte, wie sie aussah. Und was noch schlimmer war - sie fühlte sich auch entsprechend. Hundeelend fühlte sie sich. Und sie hatte Angst. Sie, die emanzipierte Kay McCall hatte Angst -und das empfand sie als beschämend.
»Ich sage Ihnen folgendes nur einmal«, sagte Dr. Geffin. Seine Stimme war tief und angenehm. »Wenn ich hier Dienst habe, sehe ich etwa zwei Dutzend mißhandelte Frauen pro Woche. Die Internisten behandeln etwa weitere zwei Dutzend. Hier auf dem Schreibtisch steht ein Telefon. Rufen Sie - auf meine Kosten - die Polizei an und erzählen Sie, was passiert ist, und wer das getan hat. Danach hole ich dann die Flasche Bourbon raus, die dort drüben im Aktenschrank steht - ausschließlich für medizinische Zwecke, versteht sich -, und wir trinken darauf einen. Ich persönlich bin nämlich der Meinung, daß es nur ein Lebewesen gibt, das niedriger ist als ein Mann, der eine Frau schlägt - eine Ratte mit Syphilis.«
Kay lächelte schwach. »Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen«, sagte sie, »aber ich will keine Anzeige erstatten. Zumindest nicht jetzt.«
»Hmmm«, sagte er. »Okay. Aber wenn Sie wieder zu Hause sind, sollten Sie sich genau im Spiegel betrachten, Mrs. McCall. Wer immer es auch gewesen sein mag - er hat gute Arbeit geleistet.«
Daraufhin brach sie wirklich in Tränen aus; sie konnte sie einfach nicht mehr zurückhalten.
Sie hatte Beverly morgens zum Bus gebracht und war dann nach Hause gegangen. Gegen Mittag hatte Tom Huggins angerufen und gefragt, ob sie Bev gesehen hätte. Er hatte sich ganz ruhig und vernünftig angehört, kein bißchen aufgeregt. Kay hatte ihm erklärt, sie hätte Beverly seit fast zwei Wochen nicht gesehen. Tom hatte sich bedankt und aufgelegt.
Gegen drei Uhr - sie war in ihrem Arbeitszimmer gewesen - hatte es an der Tür geklingelt.
»Wer ist da?« fragte sie.
»Cragin's Flowers, Madam- ich soll Blumen für Sie abgeben«, antwortete jemand, und sie war dumm genug gewesen, nicht zu erkennen, daß Tom seine Stimme verstellt hatte, sie war dumm genug gewesen zu glauben, daß Tom Huggins so leicht aufgegeben hatte, und sie war dumm genug gewesen, die Kette abzunehmen, bevor sie die Tür öffnete.
Er war hereingestürmt, und sie kam nur bis »Mach, daß du hier raus...«, bevor seine Faust auf ihrem rechten Auge landete und ein rasender Schmerz ihren Kopf durchfuhr. Sie war rückwärts durch die Eingangshalle getaumelt und hatte vergeblich versucht, sich an irgend etwas festzuhalten; dabei war eine zarte Rosenvase zu Bruch gegangen, ein Garderobenständer war umgestürzt, und sie selbst war doch auf dem Boden gelandet. Ihr rechtes Auge schwoll rasch zu, aber mit dem anderen sah sie, daß Tom die Eingangstür zuschmetterte.
»Mach, daß du hier rauskommst!« schrie sie.
»Sobald du mir gesagt hast, wo sie ist«, sagte Tom und kam auf sie zu. Ihr fiel auf, daß Tom nicht allzugut aussah - besser gesagt, schrecklich aussah -, und trotz ihrer Angst war sie erfüllt von einem wilden Triumphgefühl. Was auch immer Tom Beverly angetan hatte, es hatte ganz den Anschein, als hätte sie es ihm so gut wie möglich heimgezahlt. Dicht über der linken Augenbraue hatte Tom eine häßliche purpurrote Beule; etwas höher eine Schnittwunde. Eine weitere Schwellung war an der rechten Schläfe, direkt am Haaransatz (Kay konnte es natürlich nicht wissen, aber dort hatte der Toilettentisch ihn getroffen). Beide Wangen wiesen zickzackförmige Schnittwunden auf. Seine Lippen waren dick geschwollen. Und er hinkte sehr stark, so als hätte er eine Knieverletzung.
Kay rappelte sich hoch und wich vor ihm zurück, ohne den Blick von ihm zu wenden; sie behielt ihn im Auge wie ein wildes Tier, das aus seinem Käfig entkommen ist. Ihr rechtes, fast zugeschwollenes Auge schmerzte unerträglich.
»Ich hab' dir gesagt, daß ich sie nicht gesehen habe, und das ist die Wahrheit«, erklärte sie. »Und jetzt verschwinde, bevor ich die Polizei anrufe.«
»Du hast sie gesehen!« schrie Tom, und seine geschwollenen Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Seine Zähne sahen sonderbar gezackt aus, und sie begriff, daß ein paar Vorderzähne abgebrochen waren. »Ich rufe an und erzähle dir, daß ich nicht weiß, wo Bev ist. Du sagst, du hättest sie seit zwei Wochen nicht gesehen. Du fragst nichts, machst keine anzüglichen Bemerkungen, obwohl ich verdammt gut weiß, daß du mich haßt wie die Pest. Also - wo ist sie, du Verdammte Drecksau? Sag's mir!«
Sie drehte sich um und rannte auf den Salon zu, dessen Schiebetüren aus Mahagoni einen Riegel hatten. Aber obwohl er mit seinem verletzten Bein nicht schnell laufen konnte, gelang es ihm, seinen Körper zwischen die Türen zu zwängen, bevor sie sie ganz schließen konnte. Sie drehte sich um und wollte wieder wegrennen; er packte sie am Kleid und zerrte so heftig daran, daß das ganze Rückenteil bis zur Taille aufriß. Deine Frau hat dieses Kleid gemacht, du Scheißkerl! dachte Kay, und dann wurde sie herumgerissen.
»Wo ist sie?«
Kay schlug ihm mit aller Kraft ins Gesicht, so daß die Schnittwunde auf der linken Wange wieder zu bluten begann. Er packte sie bei den Haaren und schmetterte ihren Kopf gegen seine Faust. Sie hatte im ersten Moment das Gefühl, als wäre ihre Nase explodiert. Sie schrie, holte Luft, um wieder zu schreien, und begann statt dessen zu husten, weil sie Blut geschluckt hatte. Sie hatte jetzt entsetzliche Angst; sie hatte bisher nie gedacht, daß man solche Angst haben konnte. Dieser wahnsinnige Scheißkerl würde sie ohne weiteres umbringen.