Sie schrie, und dann boxte er sie in den Magen, und sie konnte nur noch keuchen. Sie keuchte und hustete gleichzeitig, und einen fürchterlichen Moment lang glaubte sie, an ihrem eigenen Blut zu ersticken.
»Wo ist sie?«
Kay schüttelte den Kopf. »Hab'... hab' sie nicht gesehn«, japste sie. »Polizei. .. du landest im Kittchen... Arschloch...«
Er riß sie am Arm hoch, und ein wahnsinniger Schmerz durchzuckte ihre Schulter. Dann verrenkte er ihr den Arm nach hinten, und sie biß sich auf die Unterlippe und schwor sich, nicht mehr zu schreien.
»Wo ist sie?«
Kay schüttelte den Kopf.
Er riß ihren Arm wieder nach oben, mit solcher Kraft, daß sie ihn dabei grunzen hörte und seinen heißen Atem an ihrem Ohr spürte. Dann landete seine geballte rechte Faust auf ihrem linken Schulterblatt, und nun schrie sie doch wieder, weil der Schmerz schier unerträglich war.
»Wo ist sie?«
».. .weiß...«
»Was?«
»Ich weiß es nicht.«
Er gab ihr einen Stoß und ließ sie los. Sie fiel schluchzend zu Boden; Blut und Schleim rann ihr aus der Nase. Dann hörte sie ein Krachen, und als sie den Kopf umdrehte, stand Tom über sie gebeugt da. Er hatte den oberen Rand einer Kristallvase abgeschlagen und hielt sie so, daß der gezackte Hals direkt vor ihrem Gesicht war. Sie starrte wie hypnotisiert darauf.
»Jetzt werde ich dir mal was sagen«, keuchte er. »Du erzählst mir schleunigst, wo sie hin ist, oder du kannst deine Visage auf dem ganzen Fußboden zusammensuchen, du großmäulige Nutte du! Du hast drei Sekunden Zeit, vielleicht auch weniger. Wenn ich wütend bin, glaub' ich nämlich immer, daß die Zeit viel schneller vergeht!«
Mein Gesicht, dachte sie, und bei dem Gedanken, daß dieses Monster ihr Gesicht mit dem gezackten Hals der Kristallvase zerschneiden würde, gab sie endlich nach.
»Sie ist heimgefahren«, schluchzte sie. »In ihre Heimatstadt. Der Ort heißt Derry, in Maine. Mehr weiß ich auch nicht. Bitte geh jetzt. Bitte, Tom, bitte!«
»Wie kommt sie dorthin?«
»Sie hat einen Bus nach Milwaukee genommen. Von dort wollte sie fliegen.«
»So ein verdammtes Drecksluder!« brüllte Tom, richtete sich auf und lief ziellos im Halbkreis durchs Zimmer. Sein Gesichtsausdruck war der eines Wahnsinnigen. »Dieses Drecksluder, diese billige Nutte, diese verdammte Fotze!« Plötzlich packte er die zarte, kunstvoll geschnitzte Holzskulptur eines Paars beim Liebesakt, die Kay seit ihrem zweiundzwanzigsten Lebensjahr besaß, und schleuderte sie zu Boden, wo sie in vier Teile zerbrach. Er trat dicht an den Spiegel über dem großen Kamin heran und starrte sich einen Moment lang an wie ein Gespenst. Dann wandte er sich wieder nach ihr um. Er zog etwas aus der Tasche seines Sportsakkos hervor, und sie stellte überrascht fest, daß es ein Taschenbuch war. Der Einband war schwarz, abgesehen von den roten Buchstaben des Titels und dem Bild einiger junger Leute auf einer hohen Felsklippe über einem Fluß. >The Black Ra-pids<.
»Wer ist dieser Scheißkerl?«
»Was? Wen meinst du?«
»Denbrough. Denbrough.« Er schwenkte das Buch ungeduldig vor ihrem Gesicht hin und her, dann schlug er damit kräftig zu. Ihre Wange glühte vor Schmerz. »Wer ist dieser Kerl?«
Ihr ging ein Licht auf.
»Als Kinder waren sie Freunde. Sie sind beide in Derry aufgewachsen.«
Er schlug sie wieder mit dem Buch, diesmal auf die andere Wange.
»Bitte«, schluchzte sie. »Bitte, Tom.«
Er zog einen frühamerikanischen Stuhl mit dünnen Beinen zu sich her, setzte sich rittlings darauf und starrte sie über die Rückenlehne hinweg an. Der Stuhl knarrte bedenklich unter seinem Gewicht.
»Hör mir gut zu«, sagte er. »Hör deinem guten alten Onkel Tommy jetzt mal ganz gut zu. Hörst du zu, du Drecksau?«
Sie nickte. Sie hatte den Geschmack von Blut in der Kehle. Ihre Schulter brannte wie Feuer. Sie hoffte inbrünstig, daß sie nur ausgerenkt und nicht gebrochen war. Aber das war nicht das Schlimmste. Mein Gesicht... er wollte mir das Gesicht zerschneiden...
»Wenn du die Polizei anrufst und erzählst, ich sei hier bei dir gewesen, werde ich alles abstreiten. Du kannst nicht das geringste beweisen. Dein Dienstmädchen hat seinen freien Tag, wir sind ganz unter uns. Natürlich kann es sein, daß sie mich trotzdem verhaften, möglich ist schließlich alles, nicht wahr?«
Sie nickte wieder, so als wäre ihr Kopf an einer Schnur befestigt.
»Ja, möglich ist alles. Aber in diesem Falle würde ich gegen Kaution freikommen, und dann würde ich auf direktem Wege hierher eilen und dich kaltmachen wie Isebel. Deine Titten wird man auf dem Küchentisch finden, deine Augen in diesem verdammten Aquarium. Hast du mich verstanden? Hast du deinen guten alten Onkel Tommy verstanden?«
Kay brach wieder in Tränen aus. Jene Schnur an ihrem Kopf funktionierte noch: sie nickte immer wieder.
»Warum ist sie dorthin gefahren?«
»Ich weiß es nicht«, schrie Kay.
Er schwenkte die abgebrochene Vase vor ihrer Nase hin und her.
»Ich weiß es nicht«, wiederholte sie leiser. »Bitte. Sie hat's mir nicht erzählt. Bitte... bitte tu mir nichts mehr.«
Er warf die Vase zerstreut in einen Papierkorb und stand auf. In diesem Moment hatte sie Gott mit heißer Inbrunst dafür gedankt, daß Tom ihr geglaubt hatte (und im nachhinein fand sie es mit am schrecklichsten, am beschämendsten, daß sie das wirklich geglaubt hatte und ihm noch dankbar gewesen war). Später war sie überzeugt davon, daß er die Waffe nur weggeworfen hatte, weil es ihn eigentlich gar nicht besonders interessierte, warum Bev nach Derry gefahren war. Wichtig war für ihn nur eins: daß sie es gewagt hatte, Tom Huggins zu verlassen, daß sie die Tollkühnheit besessen hatte, Tom Huggins zu verletzen.
Er ging.
Kay lief hinterher und verschloß die Tür. Danach ging sie in die Küche und schloß auch diese Tür ab. Daraufhin humpelte sie die Treppe hinauf, so schnell ihr schmerzender Magen es ihr erlaubte, und machte die Glastür zur
oberen Veranda zu - es war immerhin nicht ganz auszuschließen, daß er an einem der Pfeiler hochklettern und auf diesem Wege wieder ins Haus kommen würde. Er war zwar verletzt - aber er war auch wahnsinnig.
Dann ging sie zum erstenmal zum Telefon und legte ihre Hand auf den Hörer.
In diesem Falle würde ich gegen Kaution freikonimen, und dann würde ich auf direktem Wege hierher eilen und dich kaltmachen wie Isebel... deine Titten auf dem Küchentisch, deine Augen in diesem verdammten Aquarium.
Sie hatte ihre Hand vom Hörer zurückgerissen, als wäre er plötzlich glühend heiß.
Sie ging ins Bad und betrachtete ihre rote geschwollene Nase, ihr blaues Auge. Sie weinte nicht; ihre Scham und ihr Entsetzen waren für Tränen zu groß. O Bev, Liebling, ich habe mein Bestes getan, dachte sie. Aber mein Gesicht ... er drohte, mir das Gesicht zu zerschneiden...
In ihrem Arzneimittelschränkchen war Darvon und Valium. Sie schwankte, was sie einnehmen sollte, und schluckte schließlich von bei-dem je eine Tablette. Danach suchte sie das Sisters of Mercy Hospital auf und ließ sich dort von Dr. Geffin verarzten, der im Augenblick der einzige Mann war, dem sie nicht die Pest an den Hals wünschte.