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Audra schüttelte langsam den Kopf. »Nein. So war es nicht. Er war völlig vernünftig.« Sie schluckte, dann fügte sie hinzu: »Vielleicht hättest du dabei sein müssen.«

Freddie lächelte ein wenig. »Dir muß doch auch klar sein, daß erwachsene Männer sich im allgemeinen nicht an irgendwelche Versprechen gebunden fühlen, die sie als kleine Jungen gemacht haben. Und du hast doch Bills Bücher gelesen; du weißt, daß er unheimlich viel über Kinder schreibt, und das kann er ausgezeichnet. Die Idee, daß er alles vergessen hat, was in seiner Kindheit passiert ist, ist doch völlig absurd.«

»Diese Narben auf seiner Hand«, sagte Audra. »Sie waren nicht da. Bis gestern abend waren sie nie da.«

»Sie sind dir nur nie aufgefallen.«

Sie zuckte hilflos mit den Schultern und konnte nur sagen: »Sie wären mir aufgefallen.«

An seinem Blick erkannte sie, daß er ihr nicht glaubte. Wieder war sie den Tränen nahe.

»Also, was machen wir jetzt?« fragte Freddie, aber sie konnte nur den Kopf schütteln. Freddie zündete sich eine neue Zigarette an. »Die Sache mit dem Gewerkschaftsboß läßt sich ausbügeln«, sagte er nachdenklich. »Mir selbst würde er natürlich im Moment um nichts in der Welt einen anderen Stunt geben. Ich werde am besten Teddy Rowland zu ihm schicken. Teddy ist ein wahrer Überredungskünstler. Aber was dann? Wir haben noch vier Wochen Dreharbeiten vor uns, und dein Mann macht sich einfach aus dem Staub, fliegt nach Massachusetts...«

»Nach Maine...«

Er winkte ab. »Wohin auch immer. Und wirst du ohne ihn in Form sein?«

»Ich...«

Er beugte sich vor. »Ich hab' dich gern, Audra. Ich hab' dich aufrichtig gern. Und Bill mag ich ebenfalls - trotz dieser Scheiße, in die er mich reingeritten hat, mag ich ihn. Wir können's schaffen, glaube ich. Wenn das Drehbuch geändert werden muß, kann ich das tun. Früher habe ich so was oft gemacht. Und wenn das Resultat Bill nicht gefällt, so hat er das ausschließlich sich selbst zuzuschreiben. Ich kann zur Not also ohne Bill auskommen, aber nicht ohne dich. Ich kann nicht zulassen, daß du Hals über Kopf deinem Mann in die Staaten folgst, und ich muß mich darauf verlassen können, daß du hier dein Bestes gibst. Kannst du das?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ich auch nicht«, sagte er. »Aber du darfst eines nicht vergessen, Audra: in diesem Geschäft sind sowohl Schriftsteller, die Drehbücher verfassen, als auch Schauspielerinnen alles andere als unersetzlich. Wir können eine Zeitlang jedes Aufsehen vermeiden, vielleicht sogar während der ganzen restlichen Dreharbeiten, wenn du wirklich deinen Mann stehst und dein Bestes gibst. Aber wenn auch du abhaust, gibt's einen Skandal. Ich bin kein rachsüchtiger Mensch; ich drohe dir nicht damit, daß ich dafür sorgen werde, daß du nie wieder in dieser Branche arbeitest, wenn du mich jetzt einfach im Stich läßt und abhaust. Aber du solltest wissen, daß dir das Etikett der Launenhaftigkeit und Unzuverlässigkeit für immer anhaften wird, wenn du's erst einmal hast. Ich rede mit dir wie ein väterlicher Freund, ich weiß. Nimmst du's mir übel?«

»Nein«, sagte sie apathisch. Es war ihr, offen gesagt, ziemlich egal, was und wie er es vorbrachte. Sie konnte nur an eines denken - an Bill. Freddie war ein sehr netter Mensch, aber er verstand sie nicht. Netter Mensch hin, netter Mensch her, alles woran er letztlich dachte, waren die Auswirkungen für seinen Film. Er hatte den Ausdruck in Bills Augen nicht gesehen... er hatte ihn nicht stottern gehört.

»Also gut.« Er stand auf. »Komm mit ins >Hare and Hounds<. Wir können beide einen Drink gebrauchen.«

Aber sie schüttelte den Kopf. »Ich fahre nach Hause«, erwiderte sie. »Ich muß über all das nachdenken.«

»Ich lass' das Auto kommen«, sagte er.

»Nein. Ich nehme den Zug.«

Er schaute sie aufmerksam an, eine Hand auf dem Telefonhörer. »Ich glaube, du beabsichtigst, ihm nachzureisen. Und ich sage dir, das wäre ein folgenschwerer Fehler, Audra. Er hat sich da irgendeinen Floh ins Ohr setzen lassen, aber er ist ein zäher Kerl, und sobald er ihn abgeschüttelt hat, kommt er zurück. Wenn er gewollt hätte, daß du ihn begleitest, hätte er es doch gesagt.«

»Ich habe noch nichts entschieden«, sagte sie, aber sie wußte, daß das nicht stimmte; in Wirklichkeit hatte sie ihren Entschluß schon gefaßt, bevor sie morgens mit dem Auto abgeholt worden war.

»Tu nichts, was du später bereuen würdest, Liebling«, sagte Freddie und schaute sie dabei eindringlich an. »Laß diesen Film nicht ins Wasser fallen.«

Sie spürte die Kraft seiner Persönlichkeit, die er in die Waagschale warf, um sie zum Nachgeben zu bewegen, um ihr das Versprechen abzuringen hierzubleiben, ihre Rolle zu spielen und passiv darauf zu warten, daß Bill zurückkam... oder wieder in jenem Loch der Vergangenheit verschwand, aus dem er herausgekrochen war.

Sie ging zu Freddie und küßte ihn auf die Wange. »Ich ruf dich an, Freddie«, sagte sie.

Sie ging zum Bahnhof und stellte fest, daß der nächste Zug mit Halt in Fleet um 10.23 Uhr abfuhr. Es war erst zehn vor zehn. Von einer Telefonzelle rief sie British Airways an und erklärte, sie wolle möglichst schnell eine Stadt in Maine namens Derry erreichen. Die Angestellte zog ihren Computer zu Rate... und teilte Audra dann mit, daß Flug 23 eine Zwischenlandung in Bangor mache. Für Audra war das wie ein Zeichen des Himmels.

»Soll ich den Flug für Sie buchen, Madam?« fragte die Angestellte höflich.

Audra schloß die Augen und sah Freddies schroffes und doch freundliches, ehrliches Gesicht vor sich, hörte ihn sagen: Tu nichts, was du später bereuen würdest,

Und dann sah sie Bills geliebtes Gesicht vor sich und hörte ihn sagen: Versprich es mir, Audra. Wenn du mich liebst, versprich es mir. Sie hatte es ihm versprochen, aber nur, weil sie es nicht ertragen konnte, ihn so stottern zu hören. Und wenn es Versprechen gab, die unbedingt gehalten werden mußten - wie jenes, das Bill in seiner Kindheit gegeben hatte, worum es sich dabei auch immer handeln mochte -, so gab es auch Versprechen, die gebrochen werden mußten.

»Madam? Sind Sie noch am Apparat?«

»Buchen Sie bitte«, sagte Audra abrupt und wühlte in ihrer Handtasche nach ihrer American-Express-Karte. »Erster Klasse, wenn es möglich ist.«

Anschließend rief sie Freddie an, weil sie glaubte, ihm wenigstens das schuldig zu sein. Sie kam nicht weit - sie versuchte gerade, ihm stockend zu erklären, wie stark sie das Gefühl hatte, daß Bill sie brauchte - als sie

am anderen Ende der Leitung ein leises Klicken hörte. Freddie hatte einfach aufgelegt, ohne nach dem ersten >Hallo< auch nur ein Wort zu sagen.

Aber in gewisser Weise, dachte Audra, drückte dieses leise Klicken alles aus, was gesagt werden mußte.

5

Das Flugzeug landete um 19.09 Uhr ostamerikanischer Zeit in Bangor. Audra war der einzige Passagier, der hier ausstieg, und die anderen warfen ihr neugierige Blicke zu und fragten sich vermutlich, welchen Grund jemand haben konnte, in dieser gottverlassenen kleinen Stadt auszusteigen. Wenn sie es ihnen erzählen würde, dachte Audra, wenn sie ihnen folgendes erzählen würde:

Wissen Sie, ich suche meinen Mann. Er ist hierher zurückgekommen, weil einer seiner Kinderfreunde angerufen und ihn an ein Versprechen erinnert hat, an das er überhaupt nicht mehr gedacht hatte. Der Anruf brachte ihm auch die Tatsache in Erinnerung, daß er seit über 20 Jahren nicht mehr an seinen toten Bruder gedacht und seine Kindheit fast völlig vergessen hatte. O ja, und dieser Anruf hat auch sein Stottern zurückgebracht... und einige seltsame weiße Narben auf seinen Handflächen.

Wenn sie das erzählen würde, dachte Audra, würde man sie in die Klapsmühle stecken.