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Sie holte ihr einziges Gepäckstück ab - es sah auf dem Kofferkarussell sehr verloren aus - und begab sich zu den Mietwagenagenturen, wie Tom Huggins es etwa zwei Stunden später ebenfalls tun würde. Aber sie hatte mehr Glück als er: National Rent-a-Car hatte einen Datsun für sie.

Das Mädchen füllte ein Formular aus, und Audra unterzeichnete es.

»Ich dachte mir schon, daß Sie es sind«, sagte das Mädchen und bat schüchtern um ein Autogramm.

Audra gab es ihr - schrieb es auf die Rückseite eines Formulars - und dachte dabei: Freu dich dran, solange du es noch kannst, Mädchen. Wenn Freddie Firestone recht hat, wird es in fünf Jahren keine zwei Cent mehr wert sein.

Sie besorgte sich eine Straßenkarte, und das Mädchen, das vor Ehrfurcht kaum ein Wort hervorbrachte, zeigte ihr den günstigsten Weg nach Derry.

Zehn Minuten später war Audra unterwegs. Sie mußte sich an jeder Kreuzung in Erinnerung rufen, daß sie jetzt wieder in Amerika war und nicht links fahren durfte, weil sie sonst in einem buchstäblicheren Sinne, als es Freddie gemeint hatte, Selbstmord begehen würde.

Und während sie so dahinfuhr, kam ihr zu Bewußtsein, daß sie Angst hatte... mehr Angst als je zuvor in ihrem Leben.

Den ganzen Tag über sprachen Stimmen zu ihm, und eine Zeitlang dachte Henry Bowers, sie kämen vom Mond. Das war, nachdem der Regen aufgehört und die Wolken sich verzogen hatten. Als er am Spätnachmittag vom Unkrautjäten im Garten aufblickte, konnte er den Mond am blauen Tageshimmel sehen, bleich und klein. Einen Geistermond.

Darum glaubte er, der Mond spreche zu ihm. Nur ein Geistermond konnte mit Geisterstimmen reden - den Stimmen seiner alten Freunde, und den Stimmen jener kleineren Kinder, die vor so langer Zeit unten in den Barrens gespielt hatten. Und noch mit einer anderen Stimme... der er keinen Namen zu geben wagte.

Als erster sprach Victor Criss vom Mond zu ihm. Sie sind zurückgekommen, Henry. Sie alle. Sie sind nach Derry zurückgekehrt.

Dann sprach Belch Huggins vom Mond, vielleicht von der dunklen Seite des Mondes. Du bist der einzige, Henry. Der einzige, der von uns übriggeblieben ist. Du wirst sie für mich und Victor erledigen müssen. Wir lassen uns doch nicht von kleinen Kindern besiegen. Wir nicht. Ich habe einmal einen Ball geschossen, unten bei Trackers, und Tony Trucker hat gesagt, der Ball wäre sogar aus dem YankeeStadion rausgeflogen.

Er jätete weiter, während er zum Geistermond am Himmel emporblickte, und nach einer Weile kam Fogarty herüber und schlug ihm in den Nacken, und er fiel aufs Gesicht.

»Du jätest ja die Erbsen zusammen mit dem Unkraut aus, du Idiot!«

Henry stand wieder auf und wischte sich den Dreck vom Gesicht und aus den Haaren. Fogarty stand neben ihm, ein großer Mann in weißer Jacke und weißer Hose mit einem Riesenbauch. Es war den Wärtern (sie wurden hier als >Ratgeber< bezeichnet, in diesem Irrenhaus, das den Namen >Juniper Hill Mental Facility< trug) verboten, Gummiknüppel bei sich zu haben, deshalb hatten einige von ihnen - Fogarty, Adler und Koontz waren die schlimmsten - Rollen mit Vierteldollarmünzen in den Taschen. Mit diesen Geldrollen in der Faust schlugen sie einen fast immer auf dieselbe Stelle, genau hinten auf den Nacken. Es gab keine Vorschrift, die das Bei-sich-Tragen von Geldrollen verbot, denn sie wurden im Juniper Hill, einer Anstalt für Geisteskranke am Stadtrand von Augusta, nicht als tödliche Waffe betrachtet.

»Tut mir leid, Mr. Fogarty«, sagte Henry und grinste breit, wobei eine lückenhafte Reihe gelber Zähne zum Vorschein kam. Sie sahen aus wie die Pfähle eines Zaunes um ein Spukhaus. Henrys Zähne hatten auszufallen begonnen, als er etwa vierzehn gewesen war.

»Das sollte es auch«, sagte Fogarty. »Und es wird dir noch viel mehr leid tun, wenn ich dich noch einmal dabei erwische, Henry.«

»Jawohl, Mr. Fogarty.«

Fogarty entfernte sich, und seine großen schwarzen Schuhe hinterließen braune Spuren in der Erde des Gartens. Weil der Wärter ihm gerade den Rücken zuwandte, schaute Henry sich verstohlen um. Sobald die Wolken sich aufgelöst hatten, waren sie hinausgescheucht worden, um Unkraut zu jäten, die ganze Blaue Abteilung, das ist Abteilung 4, in die man gesteckt

wurde, wenn man früher einmal sehr gefährlich gewesen war, jetzt aber nur noch als bedingt gefährlich galt. Im Prinzip waren alle Insassen von Ju-niper Hill bedingt gefährlich; es war eine Anstalt für geisteskranke Kriminelle. Henry Bowers war hier, weil er der Ermordung seiner Freunde Victor Criss und Belch Huggins für schuldig befunden worden war. Seine Verurteilung für dieses Verbrechen war Ende 1958 erfolgt, und nachdem er sechs Jahre in einer Besserungsanstalt für Jugendliche in Westbrook verbracht hatte, war er hierher verlegt worden. In Westbrook hatte er viel Ärger gemacht. Die Anstalt war eigentlich nicht für geistesgestörte Kriminelle, sondern nur für psychisch gestörte Jugendliche gedacht. Henry hatte dort zwei Kinder verletzt und ein drittes fast umgebracht. Niemand hatte verstanden, warum. Aber das dritte Kind hatte versucht, Henrys Nachttischlampe auszuschalten. Die Lampe war eine Donald-Duck-Figur, und sie bot ihm Schutz nach Sonnenuntergang. Ohne Licht konnten Wesen hereinkommen. Die Schlösser an den Türen und die Drahtgitter hielten sie nicht auf. Sie drangen ein wie Nebel, der sich verdichten und Gestalt annehmen konnte. Wesen. Sie redeten und lachten... und manchmal packten sie auch zu. Haarige Wesen, geschmeidige Wesen, Wesen mit Augen. Die Art von Wesen, die in Wirklichkeit Victor und Belch getötet hatten, als sie im August 1958 zu dritt die kleineren Kinder in die Kanäle unter Derry gejagt hatten.

Henry ließ seine Blicke über die anderen Insassen von Abteilung 4 schweifen. Da war George DeVille, der an einem Winterabend des Jahres 1962 seine Frau und seine vier Kinder umgebracht hatte. Georges Kopf war gesenkt, sein weißes Haar wehte in der Brise, Rotze rann ihm aus der Nase, und sein riesiges Holzkruzifix schaukelte hin und her, während er eifrig jätete. Da war Jimmy Donlin; in den Zeitungen hatte nur gestanden, daß Jimmy im Sommer 1965 in Portland seine Mutter ermordet hatte. Was sie nicht geschrieben hatten, war, daß Jimmy ein neuartiges und ungewöhnliches Experiment der Leichenbeseitigung ausgeführt hatte: als die Bullen zu ihm gekommen waren, hatte Jimmy sie schon mehr als zur Hälfte aufgegessen; auch ihr Gehirn hatte er schon verspeist. »Das hat mich doppelt so schlau gemacht«, hatte Jimmy Henry eines Nachts anvertraut, nachdem die Lampen schon gelöscht waren. In der Reihe hinter Jimmy arbeitete fanatisch der kleine Franzose Benny Beaulieu. Benny war ein Brandstifter - ein Pyromane -, und er sang immer dieselbe Zeile eines Liedes, auch jetzt beim Jäten: »Try to sei the night on fire, try to set the night on fire, try to set the night on fire...« Es ging einem nach einer Weile ganz schön auf die Nerven. Hinter Benny arbeitete Franklin D'Cruz, der über 50 Frauen vergewaltigt hatte, bevor er mit heruntergelassener Hose im Fairmount Terrace Park in Bangor geschnappt worden war. Seine Opfer waren zwischen drei und 81 Jahren alt gewesen. Kein interessanter Typ, dieser D'Cruz. Neben ihm war Arien Weston, der die Hälfte der Zeit damit verbrachte, seine Hacke verträumt anzuschauen, statt sie zu benutzen. Fogarty, Adler und Koontz hatten alle versucht, Weston mit ihrem Geldrolle-in-der-Faust-Trick davon zu überzeugen, daß er sich schneller bewegen konnte, und eines Tages hatte Koontz vielleicht ein bißchen zu kräftig zugeschlagen, denn Weston hatte nicht nur aus der Nase, sondern auch aus den Ohren geblutet, und in jener Nacht hatte er Krampte bekommen, allerdings keine sehr schlimmen.

Arien Weston war ein hoffnungsloser Fall; er bekam von seiner Umwelt kaum noch etwas mit. Im Jahre 1969, nach seiner Rückkehr aus Vietnam und dem anschließenden Aufenthalt im Militärhospital in Togus, hatte Arien Weston sich mit Schießen vergnügt. Er erschoß Hunde, nicht Menschen, bis die Polizei ihn einmal wegen zu schnellen Fahrens stoppte und hinterher im Fond seines Lieferwagens die Kadaver von 26 Hunden fand. Weston hatte den Bullen erschossen, der ihn nach seinem Führerschein gefragt hatte. Neben Weston war...