Von allen Seiten hörte Henry leises und lautes Schnarchen, Grunzen, gelegentlich auch Furzen. Er hörte auch Jimmy Donlins Atemzüge; sie waren unverkennbar, obwohl Jimmy fünf Betten von Henry entfernt schlief. Sein Atem ging schnell und etwas pfeifend, und aus irgendeinem Grund mußte Henry dabei immer an eine Nähmaschine denken. Hinter der Tür konnte er den leisen Ton von Koontz' Fernseher hören, und er wußte, daß Koontz die Nachtfilme auf Kanal 38 anschaute, Texas Driver dazu trank und vielleicht etwas aß. Koontz liebte am meisten Sandwiches mit Erdnußbutter und Zwiebeln. Als Henry das zum erstenmal gehört hatte, war ihm fast übel geworden, und er hatte gedacht: Und dann heißt es noch, alle Verrückten seien eingesperrt.
Diesmal kam die Stimme nicht vom Mond. Sie kam unter dem Bett hervor. Und Henry erkannte sie sofort. Es war die Stimme von Victor Criss, dessen Kopf vor 27 Jahren irgendwo unter Derry abgerissen worden war. Das Frankenstein-Monster hatte ihm den Kopf abgerissen, Henry hatte es
gesehen; und dann hatte er gesehen, wie die Blicke des Monsters umherschweiften, wie es ihn mit seinen wäßriggelben Augen anstarrte. Ja, das Frankenstein-Monster hatte Victor ermordet, aber hier war er wieder.
Und nun, da es geschehen war, da die Stimme erneut zu ihm sprach, stellte Henry fest, daß er keine Angst hatte, daß er ganz ruhig war. Sogar erleichtert.
»Henry«, sagte Victor.
»Vic!« rief Henry. »Was machst du da unten?«
Benny Beaulieu murmelte etwas im Schlaf. Jimmys nähmaschinenartige Atemzüge verstummten für kurze Zeit. Im Flur wurde der Ton von Koontz' kleinem Fernseher leiser gestellt, und Henry sah direkt vor sich, wie Koontz mit etwas zur Seite geneigtem Kopf lauschend dastand, eine Hand am Lautstärkenknopf des Fernsehers, die andere an der Geldrolle in der rechten Tasche seiner weißen Hose.
»Du brauchst nicht laut zu reden, Henry«, sagte Vic. »Ich kann dich auch hören, wenn du nur denkst. Und sie können mich überhaupt nicht hören.«
Was willst du, Vic? fragte Henry.
Er bekam lange Zeit keine Antwort und dachte schon, daß Vic vielleicht wieder verschwunden war. Im Flur hatte Koontz den Fernseher wieder etwas lauter gestellt. Dann war ein schabendes Geräusch unter dem Bett zu hören, und die Federn quietschten, als ein dunkler Schatten sich herausschob. Vic schaute zu ihm hoch und grinste. Henry grinste zurück, obwohl ihm etwas unbehaglich zumute war. Vic sah jetzt selbst ein bißchen wie das Frankenstein-Monster aus. Eine dicke rote Narbe zog sich rings um seinen Hals - vermutlich war sie beim Wiederannähen des Kopfes zurückgeblieben. Seine Augen hatten eine unheimliche graugrüne Farbe, und die Hornhaut schien auf einer wäßrigen, klebrigen Substanz zu schwimmen.
Vic sah immer noch wie dreizehn aus.
»Ich will dasselbe wie du«, sagte Vic. »Rache!«
Rache, wiederholte Henry Bowers verträumt.
»Aber zuerst mußt du hier rauskommen, um es tun zu können«, sagte Vic. »Du mußt nach Derry zurückkehren. Ich brauche dich, Henry. Wir alle brauchen dich.«
Dich können sie nicht verletzen, sagte Henry und begriff, daß er nicht nur Vic damit meinte.
»Sie können mich nicht verletzen, wenn sie nur halb glauben«, sagte Vic. »Aber es gibt einige beunruhigende Anzeichen, Henry. Wir haben auch nicht gedacht, daß sie uns besiegen könnten, als wir alle noch am Leben waren. Doch der Fettkloß ist dir in den Barrens entwischt. Der Fettkloß und das Großmaul und die Nutte sind uns damals nach den Horrorfilmen entwischt. Und dann die Steinschlacht, als sie den Nigger retteten...«
Sprich nicht darüber! befahl Henry, und einen Augenblick lang lag all jene diktatorische Härte in seiner Stimme, die ihn früher zum Anführer gemacht hatte. Dann duckte er sich ängstlich, weil er glaubte, daß Vic ihm etwas tun würde - bestimmt konnte Vic jetzt alles tun, was er wollte, denn er war ja ein Geist -, aber Vic grinste nur.
»Ich kann sie erledigen, wenn sie nur halb glauben«, sagte er, »aber du bist am Leben, Henry. Du kannst sie dir schnappen, ob sie nun glauben, halb glauben oder überhaupt nicht glauben. Du kannst sie nacheinander erledigen oder alle auf einmal. Du kannst es ihnen... heimzahlen.«
Heimzahlen, wiederholte Henry verträumt.
Dann sah er Vic wieder zweifelnd an. Aber ich kann hier nicht rauskommen, Vic. Die Fenster sind vergittert, und Koontz hat heute Nachtdienst. Koontz ist der Schlimmste. Vielleicht morgen nacht...
»Mach dir wegen Koontz keine Sorgen«, sagte Vic und stand auf. Henry sah, daß er noch immer die Jeans trug, die er an jenem Tag angehabt hatte, und daß sie immer noch mit getrocknetem Kanaldreck bespritzt war, der bei dieser Beleuchtung grünlichschwarz aussah. »Um Koontz kümmere ich mich«, sagte Vic und streckte seine Hand aus.
Henry zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde, dann ergriff er Vics Hand, und sie gingen auf die Tür der Blauen Abteilung und auf den eingeschalteten Fernseher zu. Sie hatten die Tür schon fast erreicht, als Jimmy Donlin, der das Gehirn seiner Mutter verspeist hatte, aufwachte. Ihm traten fast die Augen aus den Höhlen, als er sah, wer neben Henry ging. Es war seine Mutter! Der obere Teil ihres Kopfes fehlte, sie rollte mit ihren fürchterlich roten Augen in seine Richtung, und als sie grinste, konnte Jimmy die Lippenstiftspuren auf ihren gelben Pferdezähnen sehen wie früher immer. Jimmy begann zu kreischen: »Nein, Ma! Nein, Mal Nein, Ma!«
Draußen wurde der Fernseher sofort ausgeschaltet, und noch bevor die anderen sich regen konnten, riß Koontz die Tür auf und murmelte vor sich hin: »Okay, Arschloch, jetzt kannst du dich auf was gefaßt machen! Ich hab' die Schnauze voll.«
»Nein, Ma! Nein, Ma! Bitte, Ma! Nein, Ma...«
Koontz stürzte in den Schlafsaal. Zuerst sah er Bowers, der groß und dickbäuchig dastand; in seinem Nachthemd und mit dem schlaff herabhängenden Fleisch, das im Lichtschein aus dem Flur teigig aussah, bot er einen lächerlichen Anblick. Dann schweifte Koontz' Blick etwas weiter nach links, und er schrie sich die Seele aus dem Leib. Neben Bowers stand ein Wesen im Clownskostüm. Es war etwa acht Fuß groß. Das Kostüm war silbrig. Vorne hatte es orangefarbene Pompons. An den Füßen trug es übergroße komische Schuhe. Aber sein Kopf war nicht der eines Menschen; es war der Kopf eines Dobermannpinschers - und das war das einzige Tier auf Gottes weiter Erde, vor dem John Koontz sich fürchtete. seine Augen waren rot. Die seidigschwarze Schnauze öffnete sich und entblößte riesige weiße Zähne.
Eine Rolle Münzen fiel aus Koontz' Hand und kullerte über den Boden in die Ecke. Am nächsten Tag fand sie Benny Beaulieu, der alles verschlafen hatte, und versteckte sie in seinem Schrank. Mit diesen Vierteldollarmünzen konnte er sich einen Monat lang gute Zigaretten kaufen.
Koontz holte tief Luft und wollte gerade den nächsten Schrei ausstoßen, als der Clown auf ihn zusprang.
»Zeit für den Zirkus!« schrie der Clown mit knurrender Stimme, und seine weiß behandschuhten Hände fielen auf Koontz' Schultern.
Die Hände in den Handschuhen fühlten sich allerdings an wie riesige Pfoten.
»Keine Verletzungen«, erklärte der Arzt dem Polizeibeamten am Nachmittag nun schon zum drittenmal. Allmählich klang seine Stimme verärgert. »Er hat einfach einen Herzschlag erlitten.«
»Aber sein Gesichtsausdruck...«
»Du lieber Himmel, reden Sie doch keinen Unsinn!« sagte der Arzt. »Es war ein Herzschlag. So was überfällt einen aus heiterem Himmel. Die Leute bekommen's mit der Angst zu tun. Deshalb sehen viele Tote nach einem Herzschlag so aus, als hätten sie den Teufel höchstpersönlich gesehen. Und müssen Sie nicht einen entlaufenen Geisteskranken einfangen?«